Sinatra rockt! Ol’ Blue Eyes’ beste, schlechteste und surreale Pop-Cover

Frank Sinatra zwischen Rock-Verachtung und Pop-Covern: Die besten, schwächsten und surrealsten Neuinterpretationen im Überblick.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Auf zwei unterschiedlichen Ebenen brachte uns Bob Dylans „Shadows in the Night“ dazu, an Frank Sinatra zu denken. Erstens aus dem offensichtlichen Grund: Obwohl technisch gesehen kein Sinatra-„Tribut“, enthält Dylans Album seine Interpretationen von Songs, die Sinatra im Laufe seines Lebens coverte. Was uns wiederum an das bizarre Gegenstück erinnerte. Die zahlreichen Male in seiner Karriere, in denen Sinatra sich an Rock ’n’ Roll heranwagte.

Von Verachtung zu Annäherung

In den Fünfzigern machte Sinatra seine Verachtung für Rock mehr als deutlich. In einem Artikel, den er 1957 für ein französisches Magazin schrieb — und der später in den USA vielfach nachgedruckt wurde — wetterte er gegen das, was er „die brutalste, hässlichste, degenerierteste, niederträchtigste Ausdrucksform, die ich je zu hören das Missvergnügen hatte, und natürlich spreche ich vom Großteil des Rock ’n’ Roll…. Er fördert nahezu ausschließlich negative und zerstörerische Reaktionen bei jungen Menschen.

Er riecht nach Schwindel und Falschheit. Er wird größtenteils von schwachsinnigen Grobianen gesungen, gespielt und geschrieben, und durch seine beinahe imbezillen Wiederholungen und schlüpfrigen, obszönen — schlicht gesagt, schmutzigen — Texte gelingt es ihm, die Marschmusik jedes Koteletten tragenden Halbstarken auf diesem Erdball zu sein.“ (Sinatra selbst bewegte sich nicht immer im Umfeld der sittsamsten Charaktere, aber das ist eine andere Geschichte.)

Etwa ein Jahrzehnt später, als Rock die Charts dominierte und Crooner vom Aussterben bedroht schienen, wurde Sinatra etwas milder. Von da an bis in die frühen Achtziger hinein wagte er sich in regelmäßigen Abständen an Post-Elvis-Pop und Rock: Paul Simon, Jim Croce, Neil Diamond, Jimmy Webb und Billy Joel bekamen die Ol’-Blue-Eyes-Behandlung. Hier sind die überraschenden Höhepunkte — und surrealen Tiefpunkte — jener Momente, in denen Sinatra versuchte zu rocken.

„Winchester Cathedral“ (1966)

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

 

Anfang ’66 nahm Sinatra ein Cover von Petula Clarks „Downtown“ auf, doch dieses Remake des Novelty-Hits der New Vaudeville Band markierte den Beginn seines tieferen Eintauchens in den damaligen Pop. Das Original, eine künstliche Brit-Music-Hall-Kuriosität mit falscher Megafon-Stimme, war ohnehin nicht viel wert, und Sinatra wirkt in diesem blechern-kitschigen Arrangement etwas verloren, selbst wenn er improvisiert: „Man, you brought me down!“ Offensichtlich genießt er die Zeile „My baby left town!“ — dennoch kein vielversprechender Start in die Sinatra-„Rock“-Jahre.

„Both Sides Now“ (1968)

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Beim Hören von Sinatras Version von Joni Mitchells Grübeleien über „love’s illusions“ (und die des Lebens) fragt man sich, wie sehr er bei der Zeile „ice cream castles in the air“ die Augen verdrehte. Doch diese lyrische, zurückgenommene Fassung — klar inspiriert vom Arrangement von Judy Collins, da sie auf prahlerische Hörner verzichtet und nur sparsam orchestriert ist — erweist sich als überraschend ideales Vehikel für Sinatra. Angesichts seiner vielen Jahre auf Tour macht seine wettergegerbte Phrasierung deutlich, wie sehr er sich mit anderen Zeilen identifizierte, etwa „Now it’s just another show/You leave ’em laughing when you go.“

„Mrs. Robinson“ (1969)

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wenige Momente verkörpern die Generationskluft der Sechziger so sehr wie Sinatras Gin-and-Tonic-Übernahme von Simon & Garfunkels Hit aus dem Soundtrack von „The Graduate“. Das blechlastige Fanfaren-Arrangement, das Paul Simons Gitarrenlick imitiert, wirkt unbeholfen genug. Die nicht gekennzeichneten Textumschreibungen sind geradezu peinlich: wie Sinatra den Namen seines befreundeten Gastronomen Jilly Rizzo einfügt („Jilly loves you more than you will know!“) oder eine komplett neue Strophe ergänzt. „And you’ll get yours, Mrs. Robinson — foolin’ with that young stuff like you do… Boo hoo hoo!“ — dafür strich er die Zeile über Joe DiMaggio?

„For Once in My Life“ (1969)

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Vom selben Album „My Way“, das uns das fragwürdige „Mrs. Robinson“ bescherte, stammt diese weitaus befriedigendere Version von Stevie Wonders jubilierendem Hit. Das muntere Motown-Gitarrenlick aus Wonders Version fehlt, doch Sinatras sichere Phrasierung, kombiniert mit dem Arrangement seines langjährigen Weggefährten Don Costa, vertieft die romantische Euphorie des Originals. Fast wünscht man sich, Sinatra hätte irgendwann „Sir Duke“ in Angriff genommen.

„Didn’t We“ (1969)

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wenige moderne Songwriter schrieben so passgenaue Stücke wie Jimmy Webb, und glücklicherweise wusste Sinatra das und nahm Titel wie das epische „MacArthur Park“ und das fast ebenso trostlose „By the Time I Get to Phoenix“ auf. Richard Harris beziehungsweise Glen Campbell prägten diese Cover, doch niemand verkörperte „Didn’t We“ besser als Sinatra. In einem Song, der einem einzigen, whiskygetränkten Bedauern gleicht, fragt man sich, ob der Text den Sänger an seine turbulenten Jahre mit Ava Gardner erinnerte.

Hier geht’s weiter:

David Browne schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil