SO SCHLECHT, DASS ES GUT IST

Es gibt kaum Traurigeres als diese öden Nostalgie-Abende in Tanzschuppen und Stadtteilkulturzentren, bei denen sich wildfremde Menschen ihrer Zusammengehörigkeit etwa qua Herkunft aus den Siebzigern versichern. Sie tragen dazu die albernen Klamotten der Zeit, lachen über Stulpenstiefel, essen Käse-Igel und tanzen zu Abba-Liedern. Eine Unsitte, die manche Tücken jedes Jahr zum Schlager-Grand-Prix pflegen, als handle es sich um ein Vertriebenen-Treffen oder eine Vietnam-Veteranen-Parade. In Verbindung mit dem Begriff „Kult“ wird das Treiben zur besonders schmerzlichen Angelegenheit, zumal dann immer das Fernsehen dabei sein muss.

Offenbar gibt es eine fundamentale Heimatlosigkeit und Verzweiflung in diesem Land sowie den Hang zur Umdeutung von Geschichte und Wahrheit, die sich in dem Satz „Das ist so schlecht, dass es fast schon wieder gut ist“ manifestiert. Diese steindumme Sentenz hört man neuerdings von Menschen, die Filme wie „Der Schuh des Manitu“ oder „Knallharte Jungs“ gesehen haben, doch sie wurzelt tief in den 80er Jahren, als es „Cheech & Chong“-Themenabende gab und Kindergeburtstage mit einem Video von „Nur 48 Stunden“ mit Eddie Murphy und Nick Nolte und einigen Tüten Kartoffelchips billig finanziert wurden. Eigentlich wollten alle immer eine Party mit Ronald McDonald, aber Mutter schmierte dann doch Schnittchen oder briet Fleischbällchen.

Erinnerungen wie diese verhalfen Florian Illies zu seinem affirmativen Spießer-Schmöker „Generation Golf“, der die 80er Jahre als Paradies für harmoniebedürftige, entpolitisierte, gleichgültige Streber beschreibt, deren Endziel eine Altbauwohnung mit Stuck und ein großes Aktiendepot (möglichst ohne Steuern auf die Gewinne) ist, wovon sie damals schon träumten. So etwas darf man nicht nur schreiben, es ist auch Konsens bei den Kindern : dieser Zeit. Und wenn man noch einmal die Bilder im Jahrbuch der Abiturklasse betrachtet, dann weiß man auch gleich wieder, warum das so ist, weshalb diese Jahre so schrecklich waren und sogar die Auftritte des 17-jährigen Leimeners zu Fanalen der Euphorie wurden. Wer sich an die Achtziger erinnern kann, der hat sie leider auch erlebt — und vielleicht hat er es verdient, dass er heute wenigstens darüber lachen kann, obwohl er eigentlich schreien müsste.

Nachdem bereits vor zwei Jahren die Wiederkehr der Popmusik der 80er Jahre zumindest behauptet und mit allerlei quatschigen CDs untermauert wurde und seitdem die „Formel Eins“-Konserven ganztägig in Nischensendern verramscht werden, droht jetzt die endgültige Apotheose (das heißt: Verniedlichung) der Dekade. „Die 80er Show“ findet konsequenterweise bei RTL statt, dem Sender, der in seinen frühen Jahren mit Almdudeln in der Lederhose, Erika Berger und Tutti Frutti das Jahrzehnt adäquat abbildete. „Ein Jahrzehnt — ein Gefühl!“ präludierte der Sender zur ersten Folge, denn Gefühl hatten die Achtziger natürlich gerade nicht. Im Studio grüßte Oliver Geissen, der erfolgreich die dritte Staffel von „Big Brother“ beerdigte und jeden Mitwirkenden „der Kollege“ nennt, wie das in Hamburg seit den 80er Jahren üblich ist. Aus dem Off versuchten sich solche Pfeifen wie Thomas Gottschalk, Günter Jauch, Hella von Sinnen und der völlig enthemmte Henry Maske an die betreffende Zeit zu erinnern. Mike Krüger hatte seine Sendung leider erst im Anschluss an die Gedenk-Show. Und dann kam Nena, deren Hasenzähnchen und Achselbehaarung, deren Larmoyanz und Einfalt, deren Hagener Proll-Attitüde und Minderjährigen-Erotik immerhin drei der zehn Jahre vergifteten. Danach begann schon das Comeback, das bis heute andauert. „Ich lebe ja noch“, krakeelte die noch immer Unangepasste, die „nicht so gern zurückschaut“. Natürlich war ihr „alles nicht so bewusst“ damals. Gott sei geklagt, dass der große Falco nicht dabei sein konnte.

Aber dann wurde es doch überraschend lauschig auf dem Sofa, als der tutige Bastian Pastewka immerzu von „Biene Maja“, „Pinocchio“, den „Waltons“ sowie der Band Talk Talk schwadronierte und ein Jojo bediente, während der Anpasser Kai Pflaume sein DDR-Jugendzimmer und seinen Angelschein dekonstruierte und exakt gar nichts von Fernsehserien wusste. Gemeinsam mit Kollege Geissen mischten sie am Ende Fusel und – Nena war verschwunden – daddelten ein so genanntes Telespiel. Wäre es nur immer so gewesen.

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