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Highlight: 50 Jahre Woodstock: Was von der Hippie-Bewegung übrig blieb

So war das Haltestelle Woodstock 2012: Krishna, Bier und Free Hugs

Es ist jedes Jahr wieder ein überwältigender Anblick, wenn man mit den Besuchermassen den matschigen Hang hinabstolpert und in den riesigen Krater blickt, wo sich das Gelände des Haltestelle Woodstock Festivals in Kostrzyn, Polen, mitsamt seiner riesigen Hauptbühne in voller Pracht auftut. Auf dem Hang selbst sind tausende Zelte aufgebaut, manche davon bereits von staubigem Dreck eingehüllt; darin nächtigen ihre Bewohner dann im 30-Grad-Winkel, wenn sie überhaupt zum Schlafen kommen. Hinter der Main-Stage geht bald die Sonne unter und hüllt die rund 500.000 Besucher von Europas größtem „Umsonst & Draußen“-Festivals in warmes Licht. Oftmals sind es drei seltsame Tage die man hier erlebt, in denen man sich an seltsame Orte verläuft, in seltsame Situationen gerät oder seltsame Menschen trifft, über die man sich vielleicht wundern würde, wenn man an diesen drei Tagen nicht selbst ein ganz Anderer wäre.

Irgendwie spielt hier alles verrückt – das fängt beim Wetter an: Traditionell gießt es am ersten Festivaltag wie aus Eimern, so dass man schon beim ersten Marsch zum Campinggelände erhebliche Probleme hat, sich über die Sandwege zu kämpfen, ohne seine komplette Heckseite samt Rucksack im Schlamm zu versenken. Die folgenden Tage sind meist ein Wechselbad aus prallem Sonnenschein, der vielen trotz LSF 50 ein hübsches Krebsrot verpasst, und Orkan-artigen Regengüssenn die ganze Zelte fluten. Nun ist der Festival-Besucher also knallrot und klitschnass, halbnackt, verdreckt, hat sich vielleicht bereits vom Schamgefühl verabschiedet und kann sich nun ganz dem Erlebnis Haltestelle Woodstock hingeben. Schlammschlachten inklusive.

Auf dem Przystanek Woodstock begegnet man hauptsächlich jungen Polen und Deutschen zwischen 16 und 36 Jahren, aber auch ganze Familien samt Kleinkind und Hund schlagen ihr Lager hier auf. Das lässt manch einen nicht nur wegen der Lautstärke und den Menschenmassen den Kopf schütteln, sondern auch wegen der gewöhnungsbedürftigen Hygienebedingungen hier. Das Woodstock kostet keinen Eintritt, Bier und Essen sind günstig, die Kosten des Festivals übernimmt eine Stiftung, das Budget ist begrenzt und die Anzahl der sanitären Anlagen nicht vergleichbar mit einem Melt! oder Hurricane/Southside… ergo fragt man sich warum bei solch ungehemmten Bierkonsum und entsprechenden Folgen, Flora und Fauna des ehemaligen Militärgeländes nicht längst abgestorben sind. Recht chaotisch kann es auch in Sachen Kommunikation werden. Meine Cousine zum Beispiel führte ein halbstündiges Gespräch mit einer Polin und ihrem männlichen Begleiter – mit lediglich zwei polnischen Wörter (dobry = gut, dziękuję = danke). Später stellte sich heraus, dass die beiden Geschwister waren, und die Schwester versuchte ihren Bruder an mich zu verkuppeln. Aus uns ist dann aber doch Nichts geworden. Die FREE HUGS-Aufschriften auf unzähligen Pappschilder, Stirnen oder nackten Bäuchen hingegen verstand jeder, so wurde ganz viel umarmt, und die Stimmung wurde dem Motto des Festivals, „Peace, Love & Music“ durchaus gerecht.

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Nachdem Polens Präsident Bronisław Komorowski und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwoch das Festival eröffneten, spielten 60 Bands aus aller Welt Konzerte auf den barrierefreien Bühnen, neben polnischen Lokalgrößen wie Elektryczne Gitary auch Bobs Sohn Damien Marley aus Jamaica oder die U.S.-Punkrocker von Anti-Flag, die sogar Rollstuhlfahrer zum Crowd-Surfen brachten. Die beste Darbietung kam zum einen von den britischen Alternative-Electronikern der Asian Dub Foundation, die mit brachialen Bässen aus Jungle, Dub und Drum ’n’ Bass eine unglaubliche Stimmung im Publikum erzeugten. Zum anderen brachte der Frankfurter DJ und Musikproduzent Stefan Hantel alias Shantel mit seinem Bucovina Club Orkestar die Massen am Freitag zu seinem mitreißendem Balkan-Pop zum tanzen. In Extremo am Samstag klangen für Nicht-Experten des deutschen Mittelalter-Rock sicher etwas eintönig, die Feuershow nach Einbruch der Dunkelheit riss aber einiges wieder raus. The Darkness setzten da noch einen drauf – Mitglieder der „Peace Control“ (Freiwillige Helfer  des Festivals) sperrten eine große Fläche mitten im Publikum ab, in der Feuerkünstler zur optischen Untermalung der Eröffnung des Konzertes die Keulen schwangen. Frontmann Justin Hawkins erfüllte mit voll tätowiertem, nackten Oberkörper, langen Haaren und Kajal jedes Rockstar-Klischee und ließ sich kräftig feiern. Dass The Darkness einen musikalischen Höhepunkt darstellten würden, hatte wohl niemand erwartet, trotzdem machte es durchaus Spaß den (manchmal unfreiwillig komischen) Glamrockern zuzusehen.  Nicht unerwähnt sollte auch die äußerst ausdauernde Darbietung des mindestens zwölf-köpfigen Ensembles im Krishna-Zelt bleiben, das in endlos-Schleife das Hare Krishna Mantra zum Besten gab. Wirklich endlos. Stundenlang. Wir waren kaum dort angekommen, da hatten sie uns auch schon in Trance getrommelt, und wir fanden uns schneller in einer Hippie-Polonaise verwickelt als uns lieb war. Vielleicht war es ja ihr Verdienst dass das Przystanek Woodstock auch 2012 wieder friedlich verlief; mit 31 Festnahmen, sechs Einbrüchen und 51 Diebstählen zieht die Polizei eine positive Bilanz.

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