So war Miss Li in Berlin: Man nenne sie Miss Lido.


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Ohne auch nur ein Wort der Begrüßung zu verlieren, schmettert das kleine Mädchen in dem Blümchenkleid dem restlos ausverkauften Lido die ersten Zeilen von „My Man“ entgegen. Warum auch die Zeit mit Rederei verschwenden, wenn eine Frau namens Miss Li auf der Bühne steht – gekommen um „Beats And Bruises“ mit Berlin zu teilen. Schon der Auftakt, spektakulär: jeder Kopf wippt, jeder Fuß stampft, und während das Tenor-Saxophon zum Solo einstimmt, zündet der Gitarrist sich lässig die erste Kippe an. „Dancing“: hämmernde Viertel-Beats, kratziger Sound – Miss Li, so wie wir sie kennen und so wie wir sie wünschen. Endlich wieder in Berlin. Ganz bei sich und ganz bei uns.

Ein „La la La“ und schon breitet Miss Li ihre Arme zu Flügeln aus, springt aufs Klavier und während der ganze Saal in den „La la la“s aufgeht, schreit und röhrt sie zur treibenden Bassdrum, so dass „Everyboooodddyy!!“ auch wirklich sieht: Miss Li ist kein „Stupid Girl“.

Nein, das ist sie wahrlich nicht, Miss Li wird vielmehr zur Miss Lido. Selten war die Lautstärke derart auf Anschlag, wie an diesem 17.12. – die Luft steht, die Beats treiben, die Masse brennt. Miss Li singt/schreit/lebt ein rotziges „Forever Drunk“, bei dem dann selbst die Barfrauen durch die Massen springen. Ein Schellenkranz, eine Klatschparade. Zwischen Kontrabass und Saxophon, wirbelt sie vorbei an Schlagzeug und Gitarre, und schließlich zurück ans Klavier. Frenetischer Jubel auch für „Arrested“.

„We wanna play a new song now, testing it for the next album. Well, you know, ‚Oh Boy“ is old“.

Die Band stimmt ein Intro à la „These Boots Are Made For Walking“ an, und schon nachdem die Hookline einmal durch den Saal scheppert, singt schließlich jeder mit: „And my heart – goes boom! boom! boom!“. Die Wirkung des neuen Songs ist beeindruckend, es scheint, als würde jedes Herz im Rhythmus von „Boom Boom“ schlagen, und auch die Band zeigt sich mit einem „Wooow. That was fun“ sichtlich überrascht, dass das neue Material zum eigentlichen Höhepunkt des Abends avanciert war.

Ob „Hit It“, „Ba Ba Ba“ oder „You Could Have It“ – die Band fährt derart auf, dass sich die kleine Frontfrau – kaum mehr schüchtern – fast ins Publikum schmeißt, sogar ihr Kleidchen lüftet und schließlich eine halbe Flasche Wein in den Rachen stürzt. Zweite Kippe an der Gitarre, drittes Bier am Bass – als dann auch noch die Rückkopplung einsetzt, ist sich jeder sicher: Miss Li ist eher Rock’n’Roll denn Pop.

Die fünf Schweden verschwinden von der Bühne, das Lido stampft. „Oh Boy“ kommt nun doch – und wie! Nach einem zaghaften Intro, ein lautes „ONE TWO THREE FOUR!!!“, und alle sind wieder voll mit dabei.

Nach dem Song wieder Gestampfe – bis zur Zugabe Nummer zwei. Und da die Setlist am Ende ist, wird einfach improvisiert. Mit einer Verbeugung und einem „Thanks Berlin. Legendary Audience!“ verabschieden sich die Schweden.

Mit Bier und Wein hieß es dann zurück in den Backstage-Raum, um den Abend zu feiern – da ist es fast verständlich, dass die gebürtige Linda Carlsson auf ein Interview keine Lust mehr hatte. Schade, denn zu den neuen Songs hätten wir gern mehr erfahren. Allerdings wird das schwedische Quintett im März noch einmal nach Berlin kommen, wie sie uns verraten haben.