Haim live in Berlin: Kommt ein Schlüpfer geflogen


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Der Touralltag im Rock’n’Roll ist wechselhaft – und doch monoton. Ob die Geschwister Haim, Danielle, Este und Alana, das Lido gleichwohl in länger währender Erinnerung behalten werden? Zumindest hat Berlin in dieser knappen, aber kostbaren Drieviertelstunde sein Bestes gegeben: vor Wonne strahlende Gesichter, rhythmisch bewegte, fast schon in Tanz eskalierende Körper im seit Monaten ausverkauften Saal – und einen Este zu Füßen geworfenen Damenschlüpfer. Die unverlegene Bassistin zeigte sich indes nur milde überrascht und dankte artig für das Sounvenir, wie praktisch, heute sei nämlich Waschtag. Alana berichtete derweil vom Besuch des notorischen „Barbie Dreamhouse“ am Alexanderplatz (nein, kein räudiges Laufhaus, sondern eine in Rosa getünchte Erlebnisausstellung für die großen und kleinen Freunde des blonden Plastikpüppchens). Sie hätte Lust, dort die After-Show-Party zu feiern und das Interieur mit Sprühdosen zu verzieren – „only nice grafitti“, versteht sich! Este hingegen werde wohl eher etwas in der Art von „Ken’s my bitch!“ sprühen.

In diesen Anekdoten teilt sich bereits ein wenig vom Charme und Faszinosum des kalifornischen Girl-Band-Wunders Haim mit. Seit Veröffentlichung ihrer Debüt-EP „Forever“ im Februar 2012 wartet ein nicht unerheblicher Teil der Pop-Welt nun auf DAS Album, mit dem noch famoseren „Don’t Save Me“, „Falling“ und jünst „The Wire“ folgten zwischenzeitlich weitere Teaser. Nach Hotlist-Platzierungen bei NME, ME, MTV und BBC, Auftritten bei Glastonbury und Letterman und millionenfachen Videoabrufen treffen die Damen, unterstützt von Tour-Schlagzeuger Dash Hutton, bereits auf ein perfekt auf sie eingestimmtes Publikum: Wir schätzen nicht nur ihren hymnischen, und doch vertrackten Sound, wir wissen auch, dass Alana das aufgekratzte Nesthäkchen ist, Frontfrau Danielle die vermutlich einzige Bühnenperson, die eine schäbige Lederweste in ein begehrenswert lässiges Rumpfkleid verwandelt, und Este genau jene Unverblümte mit den „bass face“-Grimassen und den derben Sprüchen, der man im rechten Moment das Höschen zu Füßen werfen muss.

Nicht übel für eine Band, deren Debütalbum „Days Are Gone“ erst am 30. September erscheinen wird. Dass man so lange mit dieser Produktion rang, zuvor gar bereits ganze fünf Jahre zurückgezogen am eigenen Stil gefeilt hatte, scheint verständlich in Betracht der Inkongruenz zwischen Bühnen- und Studiosound: Die Singles vermitteln trotz der viel zitierten Referenz an den „Adult Oriented Rock“ der 70er und 80er à la Fleetwood Mac juvenilen Sturm und Drang, aber auch eine für das Indie-Publikum anschlussfähige Transparenz, Kühle und Perkussivität, die durch die stets mitgelieferten Remixe für den Dancefloor noch unterstrichen wird. Live grooven sich Haim zwar zu den Konservenklängen von Jay-Zs „99 Problems“ ein, bleiben aber den Ausdrucksmöglichkeiten einer klassischen Rock-Band treu. Alles ist handgemacht, tight, virtuos und echt, Bass, Gitarren und Stimmen bilden ein organisches Knäul. Danielles dunkler, gepresster Gesang hat es indes schwerer sich zu behaupten als im Studio; Argwöhner werden sich auf diese Schwäche kaprizieren, doch kann man darin auch einen durchaus reizvollen Manierismus sehen, der die leichtfüßige Finesse an den Instrumenten etwas erdet.

An fehlender Politur kann sich ohnehin nur stören, wer für sein Urteil auf ein paar lausige Handy-Liveclips aus dem Laptop angewiesen ist. Wem an Ort und Stelle der warme West-Coast-Wind ihrer süffigen Vibes und Harmonien entgegenblies, wird sich bereits auf die nächste Haim-Tour mit einer dann hoffentlich erweiterten Setlist freuen – und legt schonmal ein paar Unterhosen bereit.