So waren Coldplay in Berlin: Stürme, Sterne, Shangri-La


von

Man betrachte das „Mylo Xyloto“-Artwork durch ein Kaleidoskop – was dabei herauskommt sind neonfarbene Graffitis, aufleuchtene Liedtexte sowie kleine und große Symbole; oben ein gerundetes „M“, dann ein langer Steg und unten am Ende ein kleines, rotes „x“: die Bühne der O2-World, die gegen 21 Uhr mit Coldplay ein Farbenfest auf Mylo und Xyloto einläutet. Die Monitore hängen von der Decke, wie Planeten in einem Universum. Ringsherum ein Meer aus tausend Sternen, das sich in Form von Armbändern gestaltet, welche neckischerweise vor Beginn des Konzertes an die Gäste verteilt wurden und die – mit einem Peilsender ausgestattet – jederzeit durch die Lichttechnik ein- und ausgeschalten werden können.

Doch damit nicht genug, denn als Chris Martin die Zeile „Look at the stars, look how they shine for you“ anstimmt, wandelt sich der Coldplay-Kosmos kurzerhand in eine Art „Yellow“ Shangri-La. Ein ganzer Schwall an gelben Luftballons bahnt sich seinen Weg von der Decke, und als es dann heißt „Your skin and bones turn into something beautiful“ kämpft sich Martin mit beiden Fäusten durch das gelbe Mosaik auf dem Bühnensteg und lässt jede gelbe Kugel im Vorbeilaufen zu Konfetti-Staub verpuffen. Dann „In My Place“, und was gerade noch flüchtig wie ein Wimpernschlag dahinrieselte, schießt nun als ein Tausendfaches aus dutzenden Fontänen, um während des gesamten Songs dicht an dicht durch die Halle zu wirbeln. „Wir sind Coldplay. Wir freuen uns in Berlin zu sein““  – der Saal wird zum lautstarken Chor zu „The Scientist“ und erntet ein beeindrucktes, gebrochenes „Dankeschön. Das war fantastisch“.

Sechzehntel-Triolen auf den Toms, Achtel-Klatsch im Publikum und schon scheppern auf den Becken die Offs, während Chris Martin mit seinem Gitarristen eine spontane Choreographie auf Xyloto hinlegt und schließlich die nächste Gitarre zu „God Put A Smile On My Face“ zerscheppert. Fast geisterhaft erscheinen auf der kleinen Xyloto-Bühne Klavier und Drum-Machine, ebenso wie der Schlagzeuger, der jetzt Piano spielt und mit seinem Frontmann zweistimmig „Us Against The World“ anstimmt. „Theeeere we goooo“, die bejubelte Ballade nimmt Fahrt auf und entwickelt sich zu einem treibenden Track.

Mit knapp 140 bpm werden die Viertel auf die Standtom  gehämmert, dann und wann ein Paukenschlag – wer hier die Welt regiert, beweist „Viva La Vida“. Chris Martin lässt sich auf den Bühnenboden fallen, das Publikum trägt den Refrain fort und schon gehen die Lichter der Bühne aus, alle Armbänder im Publikum jedoch eindrucksstark an. Dann ein Intro am Klavier, das an eine Zeit erinnern lässt, die gerade außerhalb der O2-World stattfindet. Es wird mucksmäuschenstill: „White Christmas“.

„Ahhh, das kann ich auch spielen“, hört man es neben, vor und hinter sich, denn es folgt ein Intro, das ebenso eifrig am Klavier geübt wird, wie Yann Tiersens ‚fabelhafte Amelie‘. Doch Coldplay erinnern mit „Clocks“ nicht nur an die Anfänge ihrer Karriere, sondern an diesem Abend vor allem an das nahende Ende eines ereignisreichen Konzertes, das seine Zusammenfassung sowie Abschluss in „Paradise“ findet.