So waren Radiohead in Berlin: Ein einziges Gleißen, Leuchten und Flackern


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Ob der riesige Regenbogen, der sich am frühen Abend über dem Himmel Ostberlins spannte, auch Teil der Radiohead’schen Lightshow war? Und dieser pralle, eisig gleißende Fast-Vollmond? Denkbar wäre es, denn wenn man eines gelernt hat bei den Liveshows der Band in den letzten Jahren, dann die Tatsache, dass sie mit Licht umzugehen wissen. Vielleicht ist es ein wenig unfair, dies vor der Musik zu erwähnen, aber auch die Show in der Wuhlheide wirkte so eindringlich, wie sie wirkte, weil es ein einziges Gleißen, Leuchten und Flackern war, das man – in so stimmiger Form – selten erlebt.

Aber der Reihe nach. Die Vorgeschichte der Konzerte dürfte ja bekannt sein. Eigentlich für Anfang Juli geplant, wurden die beiden Shows nach dem tragischen Bühnenunfall in Toronto auf den 29. und 30. September verschoben. Das war natürlich Fluch und Segen zugleich, denn zum einen war es schön, die eindrucksvolle Bühneninszenierung im Dunkeln zu sehen, zum anderen hatte sich mancher bei der Wahl seiner Garderobe verhauen. 20 Grad an einem sonnigen Septembertag kann nacht bei sternenklarem Himmel in einer Waldbühne nämlich schnell bedeuten, dass sich das Thermometer auf der 3-Grad-Marke einpendelt.

Caribou versuchten deshalb den Tanzdrang des Publikums in Schwung zu bringen, was Dan Snaith und seiner Band zumindest in den vorderen Reihen gelang. In perfektem Zusammenspiel mit seiner Live-Band, spielte sich Snaith mit seinem Drummer Brad Weber die Beats und die Bälle zu und verwandelte Hits wie „Odessa“ und „Sun“ in bewegungsfreudige Techno-Indie-Bastarde, die sicher noch mehr erreicht hätten, wenn sie nicht so verdammt leise aus den Boxen geklungen hätten.

Radiohead hatten dann endlich die passende Lautstärke, aber es war nicht nur ihre Musik, die nach den Sinnen griff. Vor einer Bühnenwand-füllenden LED-Wand, die während der über zwei Stunden währenden Show in den buntesten Farben erstrahlte, hingen mal schief, mal gerade 18 quadratförmige Leinwände. Auf vier von ihnen sah man vor jedem Song einen mysteriösen QR Code, der jedoch aus dem Publikum heraus von keinem Mobiltelefon so wirklich zu scannen gewesen wäre. Eine Spielerei, auf die man also hätte verzichten können.

Interessant wurde es dann, als die Band die Bühne betrat, nach einem Intro den Song „Lotus Flower“ anstimmte und die Leinwände detailgenaue Bilder dieser Live-Maschine Radiohead zeigten. Wobei das Wort „Maschine“ dabei vielleicht das falsche ist, denn kalt war in diesen Performance-Splittern gar nichts. Eher sah man eine konzentrierte Leidenschaft, ein Thom Yorke, der sich um das Mikro wand, sang, jammerte und jauchzte, wie nur er es kann. Ein Philip Selway, der als einer von zwei Drummern das Gerüst der vertrackten Drumbeats der neueren Stücke schlägt, trommelt und klöppelt und dabei so manches mal ganz verstohlen über seinen Sticks hervorgrinst. Und ein Jonny Greenwood, dessen feine Gitarrenmelodien im stetigen Twist mit den neueres, Percussions-getriebenen Stücke sind, dabei im Klangbild jedoch immer die entscheidenden Akzente setzen.

Dass diese Konzentration auf das Abbilden des eigenen Schaffens nicht zum plumpen Ego-Gewichse wurde, lag an der Art der Aufnahmen, die vor allem Details ins Visier nahmen und nicht den Musiker übergroß auf die Leinwand brachten. Den Kontrast dazu lieferten die Farben im Hintergrund, eine beinahe lebendig wirkende Bühnenrückwand, die mal bunt waberte, mal im grün-schwarzen Matrix-Look für Unruhe sorgte, mal die Band in grelles Rot tauchte.

Musikalisch gab es für Radiohead-Fans wenig zu meckern. Dass die Band sich im Hier und Jetzt verortet sieht und wenig Freude daran hat, einen „Greatest Hits“-Durchritt des eigenen Schaffens abzuarbeiten, ist allgemein bekannt. So lag der Fokus eher auf den letzten beiden Alben „In Rainbows“ und „King Of Limbs“ und auf den in den letzten Jahren entstandenen Songs wie „These Are My Twisted Words“, „Supercollider“ und „The Daily Mail“. Letzteres stellte übrigens einen gelungenen Bruch dar, weil es eher konventionellen Popsongstrukturen folgt und nicht allzu sehr dem ja doch sehr von elektronischen Klängen und vom Krautrock inspirierten Oeuvre der letzten beiden Alben gleicht. Ob das vielleicht (wieder) die Richtung für die Zukunft ihres Sounds ist?

Weitere Highlights waren „Bloom“, das Selway in Bestform zeigte – und von dem man sich immer wieder das Hirn verdrehen lässt. Natürlich das immer noch wundervolle, zerbrechliche, epische „Paranoid Android“ – einer der raren nostalgischen Momente der Show. Das böse brummende „The National Anthem“, das auch live all die dunkel mitschwingenden Nebenerscheinungen des Konzepts Nationalstolz zu verinnerlichen scheint. Und natürlich der üppige, drei geteilte Zugabenblock, der sich durch diese Songs arbeitete: „Pyramid Song“, „Supercollider“, „Planet Telex“, „Staircase“, „Bodysnatchers“, „Give Up the Ghost“ und „Everything In Its Right Place“, bevor sich die Band der „Idioteque“ hingab und den Song in einem Lichter- und Beat-Geflacker ausklingen ließ.

Setlist: Radiohead in der Wuhlheide am 29. September 2012

„Lotus Flower“

„Airbag“

„Bloom“

„The Daily Mail“

„Myxomatosis“

„The Gloaming“

„Separator“

„These Are My Twisted Words“

„Videotape“

„Nude“

„Weird Fishes/Arpeggi“

„Reckoner“

„There There“

„The National Anthem“

„Feral“

„Paranoid Android“

Encore:

„Pyramid Song“

„Supercollider“

„Planet Telex“

„Staircase“

„Bodysnatchers“

Encore 2:

„Give Up the Ghost“

„Everything In Its Right Place“

(mit Björks „Unravel“-Intro)

Encore 3:

„Idioteque „