Sollten wir Männlichkeit abschaffen?

Die Männlichkeit gerät unter Beschuss. Was bedeutet es heute, ein Mann zu sein? Ein Selbstversuch.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Ich identifiziere mich als Mann und möchte nun also der alten Grönemeyer-Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“ nachgehen und herausfinden, was Männlichkeit in dieser aufgeheizten Weltlage für das gesellschaftliche Miteinander bedeutet, ob sie einen positiven Kern hat oder doch eher als Konzept abgeschafft gehört.

Ein erster Schritt zu einer Antwort war die Idee, sich für einen „Selbsterforschungsraum“ in Köln anzumelden, bei dem die Teilnehmer ihre eigene Männlichkeit kennenlernen sollen. Und da sind wir jetzt also. Julian und ich werden von Christina Lehr in einem schmalen Raum mit grauem, weichem Teppich empfangen. Auf dem Teppich liegen Karteikarten, Edding-Stifte, ein Plastikball, Sitzkissen und ein Stövchen mit Tee. „Was wäre das Schlimmste, was heute passieren könnte?“, fragt Christina, nachdem wir uns – beide ein bisschen nervös – vorgestellt haben.

Ich überlege kurz. Dann räuspere ich mich. „Also ich habe Angst, dass ich eine Erektion bekomme.“ Julian nickt. „Das wäre überhaupt nicht schlimm“, antwortet Stina ruhig und erklärt noch mal, was wir hier eigentlich vorhaben.

Vulva- und Penis-Abende

Christina ist Beraterin in Gestalttherapie, macht Körperarbeit und Tantramassagen. So hat sie die Autorin Sophia Fritz kennengelernt. Sophia hat das Buch „Toxische Weiblichkeit“ über das Anpassungsverhalten von Frauen an ihnen zugeschriebene Geschlechterrollen verfasst und mit Christina ein Programm entwickelt, das auf der Plattform ehrlichleben.de zu finden ist und bei dem Frauen sich und diese Verhaltensweisen kennen- und verstehen lernen.

Das Programm bestand aus zwei Teilen. Im ersten ging es ums Fühlen und darum, einen emotionalen Zugang zu sich und dem eigenen Körper zu finden. Hier waren auch Männer eingeladen teilzunehmen. Der zweite nannte sich „Vulva-Abend“, bei dem ausschließlich Frauen anhand angeleiteter Meditationen, Berührungen und Gespräche über ihre Prägung reden konnten. Als sich sowohl Männer als auch Frauen darüber beschwerten, dass Männer da ausgeschlossen wurden, konzipierten Stina und Sophia eben auch einen „Penis-Abend“. Und an dem nehmen Julian und ich gerade teil. Wir sollen auf bunten Karteikarten unsere Assoziationen zu unserem Penis schreiben. Nach fünf Minuten liegen sie ausgebreitet vor uns.

„Sperrig“, „raumgreifend“, „hängend“, steht da, „unkontrollierbar“, „störend“, „schlaff“. Wirklich angenehm klingt das alles nicht.

Erwartungsdruck

In der nächsten Übung breitet Stina Dixit-Karten vor uns aus – magisch realistische Zeichnungen von Fabelwesen und Menschen, über deren Deutung und Interpretation wir ins Gespräch kommen sollen, über Erlebnisse sprechen, die wir mit unserem Penis hatten.

Aber wie sich herausstellt, verknüpfe ich fast alle Bilder mit unangenehmen Momenten, Ereignissen, bei denen ich mir im Nachhinein unsicher bin, ob ich mich damals korrekt verhalten habe. Es beginnt mit meinem ersten Mal mit fünfzehn, als ich über meine Jungfräulichkeit gelogen habe, um das Mädchen danach zu ghosten, und der Zeit nach meinem Wachstumsschub, als ich Wetten abgeschlossen habe, wie viele Mädchen ich daten kann …

Und während Stina achtsam schweigt und Julian ganz konzentriert und ernst schaut, merke ich, wie ich immer weiter aushole und irgendwann jede Beziehung, die ich geführt habe, noch einmal im Detail durchgehe. „Ganz kurz, ihr beiden“, sagt Stina irgendwann ruhig und geht auch auf die anderen Geschichten ein, die wir ihr erzählt haben. „Ihr könnt schon darauf vertrauen, dass Frauen, vor allem die, mit denen ihr zusammen wart und die ihr gut kennt, euch sagen, wenn sie etwas nicht in Ordnung finden oder fanden, ohne dass ihr das kontrollieren müsst. Sonst würde ich mich als Frau irgendwie unmündig fühlen.“

Männliche Angst und Scham

In einer Folge des Podcasts „don’t read theory“ über männlichen Feminismus sagt die Moderatorin, dass linke, männliche Feministen oft eine „angstvolle Haltung zu Frauen“ haben und mit ihrem gehemmten Verhalten auf ihre Weise eine Ablehnung von Weiblichkeit zum Ausdruck bringen. „Bei mir war das eigentlich immer so ein Gefühl der Scham, wenn ich mit Freundinnen über das Thema geredet habe“, sagt Julian. Er habe eigentlich stets vor allem das Gefühl gehabt, nichts zu dem Thema beitragen zu können, gerade weil er ein Mann ist, also irgendwie Teil des Unrechtssystems. „Ich schäme mich stattdessen und denke dadurch reflektiert zu sein, aber eigentlich denke ich überhaupt nicht über mein Verhalten nach, sondern halte einfach die ganze Zeit den Mund.“

Also, tja, da geht schon ein Riss durch die Männlichkeit. Auf der einen Seite stehen die Typen, die glauben, die Sünden von Tausenden Jahren Patriarchat auf ihren Schultern tragen zu müssen, und auf der anderen Seite die, denen das alles völlig egal ist und die in den Bemühungen, Geschlechtergerechtigkeit anzustreben, eine Provokation sehen. Beides nicht wirklich zielführend. Geht’s nicht auch ein bisschen progressiver?

Erstmal über Fußball reden

Ich verabrede mich mit Fikri Anıl Altıntaş zum Zoomen. Anıl ist Schriftsteller und seit 2018 auch #HeforShe Botschafter bei UN Women Deutschland. Er befasst sich vor allem damit, wie Männlichkeit dekonstruiert werden kann, und arbeitetet auch mit Erwachsenen, Unternehmen, Organisationen und vor allem Schüler:innen zusammen.

Er trägt eine Fleecejacke im Nineties-Look, eine Brille und einen Schnurrbart. „Es gibt ja Männer, wie du und ich, die schon bereit sind, über Männlichkeit zu reden“, sage ich, „aber wie erreichst du die, die gar keinen Bock haben, ihre Männlichkeit zu hinterfragen?“

Die Frage bekommt Anıl ziemlich oft von Journalisten gestellt. Laut der Leipziger Auto­ritarismus-Studie 2022 sind ungefähr ein Drittel der Männer der Meinung, dass Feminismus etwas Positives und Erstrebenswertes ist, wohingegen ein Drittel eher antifeministische Haltungen pflegt und sexistische Überzeugungen hat. In der Mitte gebe es jedoch diejenigen, die dem Thema passiv und mit Distanz gegenüberstehen, aber grundsätzlich gesprächsbereit sind. Und Anıl arbeitet hauptsächlich mit dieser Gruppe.

Da könne man nicht einfach mit der Tür, also mit Feminismus und Gleichberechtigung, ins Haus fallen, sagt er und erklärt, dass er meist erst mal einen Gegenimpuls zu den Vorstellungen und Erwartungen von Männlichkeit setzt, die seinen Gesprächspartnern täglich in Social Media und klassischen Medien begegnen. Wenn Anıl in eine Klasse kommt, fragt er die Schüler:innen erst mal, wen sie besser finden: Messi oder Ronaldo. Es geht um Körperbilder, männliche Stereotype und was sie ausmachen. Wenn das Gespräch vorangeht, können sie irgendwann auch darüber sprechen, dass gegen Cristiano Ronaldo Missbrauchsvorwürfe vorliegen und was das bedeutet – es geht dann konkret um misogyne Narrative.

Was ist ein sexueller Übergriff

Viele wollen dann zunächst mal ganz praktisch wissen, wann Verhalten grenzüberschreitend und was genau ein sexueller Übergriff ist. Anıls Workshops haben nicht die Radikalveränderung von männlichem Verhalten zum Ziel, stattdessen gehe es darum, in einem ersten Schritt feministische Nadelstiche zu setzen. „Es ist einfach wichtig, überhaupt im Gespräch zu sein. Und das geht mit Themen, zu denen jeder irgendwie eine Meinung hat.“

Laut einer UN-Umfrage aus dem Jahr 2021 haben bereits 97 Prozent der Frauen zwischen 18 und 24 Jahren sexualisierte Gewalt in Form von Belästigung im öffentlichen Raum erlebt. Mehr als die Hälfte aller Frauen in Deutschland meidet im Dunkeln bestimmte Orte, jede dritte Frau ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer oder sexualisierter Gewalt betroffen. Die Mädchen in der Klasse hätten dann auch die Möglichkeit, über dieses Thema oder eigene Erfahrungen von sexualisierter Gewalt im öffentlichen Raum zu sprechen, so Anıl. „Und das in einem Raum, wo auch die Jungs mal zuhören müssen.“

Dass anschließend Männer mit anderen Männern darüber sprechen, wie die ihr männliches Verhalten überdenken können, sei notwendig, nur müsse das eben unbedingt im Austausch mit Feministinnen passieren, die Kritik und Feedback geben können. „Sonst besteht die Gefahr, dass Männer sich in Männerrunden verstecken und diese zum Selbstzweck machen“, erklärt Anıl.

Die Manosphere

Für viele Jungs ist es normal, dass sie mit Vätern aufwachsen, die fast nur männliche Freunde haben, die Männerabende veranstalten und unter sich sein wollen. Dass so etwas Sicherheit verspricht, wird vorgelebt und findet sich auch in der Popkultur wieder. Man denke an das Bilderbuchpatriarchat der Schlümpfe, in dem es mit Schlumpfine nur eine einzige weiblich gelesene Figur gibt, die vom Schurken Gargamel erschaffen wurde, um Zwietracht zwischen den männlichen Schlümpfen zu säen.

Der Gedanke, dass Frauen eine Bedrohung darstellen, ist so alt wie das Patriarchat selbst – und topaktuell, wie kürzlich die mit vier Golden Globes dekorierte britischen Netflix-Serie „Adolescence“ zeigte. Da sieht man, wie über soziale Medien in der „Manosphere“ Männlichkeit verhandelt, gekränkt und radikalisiert wird, um bei jungen Männern ein toxisch männliches Weltbild zu etablieren.

Im Jahr 2025 wurde aus einer Forscher:innen­gruppe um Dominik Hammer von der FU Berlin die Studie „GerManosphere“ herausgegeben, die gezeigt hat, wie verbreitet, gefestigt und vernetzt die Manosphere-Communitys in Deutschland sind. Laut Hammer eint alle Gruppen die Grundannahme, „dass es so eine Art Niedergang von Männlichkeit gegeben hat – also so eine Krisenerzählung, dass moderne Männer nicht mehr so stark sind wie früher oder dass sie verweichlicht sind“. In enger Verbindung zu dieser Erzählung stehe die von einer „Gynokratie“, einer auf Frauen ausgerichteten Gesellschaft. Dieser Ideologie zufolge seien unsere liberalen Vorstellungen und der Feminismus schuld daran, dass die Männer an Macht verloren hätten und dadurch benachteiligt würden.

Performative Männlichkeit

Ich bin mit ziemlich starren Vorstellungen davon aufgewachsen, was Männlichkeit bedeutet. So war es für mich aber eine ziemliche Befreiung, Kleidung in der Frauenabteilung zu kaufen, ohne mich zu schämen, oder mich von meiner besten Freundin schminken oder mir die Nägel lackieren zu lassen. Der Sommer 2025 hat mir allerdings einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht. Plötzlich sprachen und schrieben nämlich alle über die „performative males“.

Damit sind Männer gemeint, die sich queerfeministisch kleiden, in aller Öffentlichkeit bekannte Autorinnen wie etwa Sally Rooney lesen, Matcha Latte trinken, sich die Fingernägel lackieren und sich in Gesprächen feministisch geben, um auf diese Weise Frauen rumzukriegen. Erst einen Safe Space suggerieren, dann übergriffig werden. Ein gefährlicher Typ Mann, da er wie ein Wolf im Schafspelz daherkommt.

Um diese Männer zu entlarven, werden sie in sozialen Netzwerken und bei Veranstaltungen wie dem „Performative Male Contest“ lächerlich gemacht. Dort laufen Typen in Crop Tops und Baggy-­Hosen auf, rufen pseudo­feministische Parolen, und eine Jury aus FLINTA-Personen stimmt ab, wer der größte „Performative Male“ ist. Das ist eigentlich sehr lustig, aber dadurch, dass das Phänomen jetzt zum Meme geworden ist, könnte es doch sein, dass alle Männer, die nicht aussehen wie bullige Türsteher und in der Öffentlichkeit ein Buch von Joan Didion lesen, unter den Verdacht des toxischen Balztanzes gestellt werden – und mit „alle Männer“ meine ich natürlich mich.

Persönlich nehmen und pauschalisieren

„Ich finde das auch nicht den richtigen Ansatz, Männer unter Generalverdacht zu stellen“, protestiere ich, als mir meine Freundin Mathilda ein Video eines Performative Male Contest zeigt, bei dem der Gewinner ablehnt, eine Dankesrede zu halten – „weil ich finde, dass Männer nicht sprechen sollten“.

„Findest du es nicht auffällig, dass, wenn Frauen mal einen Witz über Männer machen, Männer sofort darüber reden, wie sehr sie das persönlich trifft, während Frauen stets und ständig frauenfeindlichen Witzen ausgesetzt sind?“, fragt Mathilda.

Ich weiß nicht, was es ist, aber sobald der Begriff „performative male“ fällt, sehe ich es nicht abstrahiert von mir als Phänomen, sondern als direkten Angriff auf mich.

„Klassisches P+P-Syndrom“, erklärt mir Christoph bei einem Zoom-Call. Ein Abwehrmechanismus von Männern, wenn ihnen der Feminismus zu nahe kommt. „Persönlich nehmen und pauschalisieren.“ Christoph May wurde 1979 in Cottbus geboren, hat Literatur­wissenschaft studiert, war lange Zeit in der Graffiti-Szene und ist vom Berghain und der sehr maskulinen Popliteratur der 90er-Jahre geprägt. Seit 2016 leitet er zusammen mit seiner Partnerin Marie Louise May das Detox Masculinity Institute, das Institut für Kritische Männlichkeitsforschung, hält Vorträge, gibt Workshops und Seminare für Gruppen, Unternehmen und Konzerne, die ihre männlich dominierten Strukturen aufbrechen wollen.

Kündigung oder Männlichkeitsseminar

Oft sieht er seine Rolle darin, den Teilnehmenden erst einmal zu zeigen, wie so ein feministischer Mann überhaupt aussehen könnte, da viele wohl ein verzerrtes Bild davon haben. Auch vor meinem inneren Auge hatte sich, als ich das Institut für kritische Männlichkeitsforschung angeschrieben habe, das Bild eines Typen mit raspelkurzen Haaren, Septum und Nagellack geformt.

Christoph hingegen trägt eine Matrosenmütze, einen schwarzen Technopulli und redet nicht wie in einem Achtsamkeitsseminar, sondern mit einem leicht atzigen Brandenburger Dialekt. Er wirkt mehr wie eine Mischung aus Bewährungshelfer und engagiertem Fußballtrainer, spricht aber über Sexismus, toxische Verhaltensweisen und einen jungen Mann, dem er vor Kurzem ein Einzelseminar zum Thema Männlichkeit gegeben hat.

Er war Azubi bei einem größeren Unternehmen und war durch sexistisches und frauenfeindliches Verhalten aufgefallen. Nun hatte er die Wahl: Kündigung oder Teilnahme an Christophs Seminar. Solche Anfragen bekommt Christoph jetzt immer öfter von Unternehmen, die ihn buchen, damit er mit den Mitarbeitern Männlichkeitsseminare macht. „Hast du das Gefühl, dass die was bringen?“, frage ich. Er überlegt. „Da bin ich mir ehrlich gesagt noch nicht so sicher“, sagt er. „Es kann sein, dass der Typ so etwas noch mal macht.“

Er könne nicht für das weitere Verhalten der Männer garantieren, sie aber über die Basics von patriarchalen Verhältnissen aufklären, um mit ihnen später über sexistische Verhaltensweisen zu sprechen.

Männlichkeits-Detox

Christoph hatte mit dem Azubi – ähnlich wie Anıl mit seinen Schulkassen– im ersten Schritt über Fußball, „Game Of Thrones“, „Star Wars“ und männliche Vorbilder gesprochen und über die Männergruppen, in denen der Azubi sozialisiert worden ist. Im zweiten Schritt spricht Christoph dann meist über Filme und Musik, die von Frauen produziert wurden und feministische und/oder queerfeministische Inhalte vermitteln.

Auf seiner Website finden sich dazu Empfehlungen „zum Detoxen“. Zum Beispiel der jüngst erschienene Psychothriller „Bugonia“, der von Emma Stone produziert wurde, die auch die Hauptrolle einer erfolgreichen Managerin spielt, die als ausgemachtes Alien von zwei Verschwörungstheoretikern gefangen gehalten wird. In den Musikplaylists von Detox Mascu­linity finden sich Songs wie „Won’t You Be My Neighbor?“ von Lady Gaga, „La Perla“ von Rosalía oder „Bare Minimum“ von Blond. Da heißt es etwa:

Ich setz mich hin beim Pissen
Tosender Applaus
Bring mein Kind zur Kita
Und die Leute rasten aus
Ich stell mein Geschirr
Schon mal in die Spüle rein
Wie kann man nur so ein
Feminist Icon sein?

Der eigene Medienkonsum wird nämlich schneller als gedacht in eine richtige Männerrunde gezogen. Durch Streamingdienste und ihre Algorithmen bekommen Jungs, die nur Deutschrap hören, weiterhin nur das zu hören, was so ähnlich klingt. Und auch Männer, die sich vielleicht als progressiv verstehen, aber kaum etwas anderes als Männerbands hören, bleiben in der medialen Männerumkleide. Daran etwas zu ändern kann also eine ganz neue Unterhaltungswelt bedeuten.

Es geht nicht (nur) um Gefühle, sondern um Strukturen

Nach dieser Vorarbeit geht es dann in Christophs Kursen ans Eingemachte: Was können die Teilnehmer tun, um sich in Zukunft anders zu verhalten?

Christoph achtet in seinen Seminaren immer darauf, dass Männer nicht zu schnell auf die Gefühlsebene wechseln. Er erklärt ihnen, kein Psychologe und kein Sozialtherapeut zu sein. „Ich sag denen, dass ich nicht allzu tief gehen werde“, sagt er, und dass er sofort wieder auf die wissenschaftliche Faktenebene wechselt, wenn er merkt, dass seine Gruppe es nicht einmal schafft, die Wörter „Patriarchat“ oder „Feminismus“ in den Mund zu nehmen. „Wenn die nämlich über Gefühle, aber nicht über Strukturen reden wollen, ist das ein ganz neuer, mächtiger Abwehr­mecha­nis­mus von Männern.“

Also hier ein paar Fakten für die männlichen Leser: Die unbezahlte Arbeit von Frauen in Deutschland liegt bei 826 Milliarden Euro pro Jahr – das Fundament, auf dem Männer ihre Karrieren aufbauen und laut Christoph dabei glauben würden, das alles aus eigenem Antrieb zu schaffen. Christoph präsentiert diese Zahlen direkt zum Anfang seiner Seminare und zitiert eine Studie des DBG, der zufolge 53 Prozent aller Frauen derzeit nicht von ihrem Einkommen leben können; wenn sie alleinerziehend sind und ein Kind haben, sind es 70 Prozent.

Privilegien verhindern Entwicklung

Im Grunde gehe es Christoph um Wissenschaftskommunikation und um die Frage, wie man diesen High-Level-Feminismusdiskurs in einer Sprache sprechen kann, dass Männer, die sich bisher gar nicht damit befasst haben und sich vermutlich mit angelernten Abwehrmechanismen panzern, ihn verstehen können. Vermutlich braucht es da tatsächlich diese sehr männlich konnotierte Faktenebene und eine etwas härtere Sprache, um gegen die ohnehin verhärteten patriarchalen Vorstellungen von Männlichkeit anzukommen. Die sollen laut einer Studie des „Journal of Psychology“ aus dem Jahr 2013 sogar Auswirkungen auf das Gehirn haben: Der Besitz von Privilegien halte Männer, vereinfacht gesagt, davon ab, sich weiterzuentwickeln.

Eine Beendigung des Patriarchats wäre also demnach eigentlich sogar und gerade für Männer erstrebenswert. Nur scheint das den meisten von ihnen nicht klar, auch weil da natürlich die Angst lauert, die Dominanzstellung in der Gesellschaft zu verlieren. Zwar bestehen noch massive Unterschiede, toxische Männlichkeitsbilder erfahren gerade große Popularität und Männerrechtler gewinnen immer mehr begeisterte Jungs auf Social Media. Trotzdem werden feministische Stimmen auf Instagram und TikTok immer lauter und queerfeministische Filme produziert. Trotz eines Backlashs, der sich gerade vor allem an den Machtspitzen der Weltmächte abzeichnet, zeigt sich innerhalb der letzten Jahrzehnte ein emanzipatorischer Fortschritt, wenn es um Frauenrechte geht.

Körperpanzer vs. Care-Arbeit

Diese gegenläufigen Tendenzen, ein Erstarken von toxischen Verhaltensweisen und ein allgemeiner feministischer Fortschritt müssen gar keinen Widerspruch darstellen. Bereits 1972 schrieb die US-amerikanische Philosophin Susan Sontag: „Wenn die Frauen sich verändern, werden die Männer gezwungen sein, sich ebenfalls zu verändern. Doch die Männer werden sich gegen diese Veränderungen erst einmal entschieden zur Wehr setzen. Keine herrschende Klasse hat ihre Privilegien je kampflos aufgegeben. Die Struktur unserer Gesellschaft basiert auf der männlichen Privilegiertheit, und die Männer werden ihre Privilegien nicht einfach deshalb aufgeben, weil das humaner oder gerechter wäre.“

Während Sontag schreibt, dass Frauen nicht auf Männer achten sollten, sondern sich stattdessen darauf konzentrieren müssten, sich selbst zu befreien, findet Christoph, dass es Aufgabe der Männer sei, die eigene Position zu reflektieren und zu hinterfragen. Das bedeutet natürlich auch, Macht abzugeben. Aber wie bekommt man Männer dazu, da mitzumachen?

Christoph argumentiert natürlich mit Fakten. Man müsse Männern erklären, dass Schlüsselqualifikationen wie Emotionalität und Care-Arbeit im Ranking immer wichtiger werden, während es unwichtiger wird, sich einen Körperpanzer zuzulegen. „Und da kriegst du Männer natürlich, wenn du ihnen sagst: ‚Hey, wenn ihr das Alpha-Ding fahrt, dann werdet ihr keinen Erfolg mehr haben.‘“

Aussteigen ist nicht

Ich habe zwar weiter oben geschrieben, dass ich mich als Mann identifiziere – aber worauf zielt diese Identifikation eigentlich ab? Nicht wirklich auf das, was in den letzten tausend Jahren Patriarchat an Vorstellungen von Männlichkeit etabliert wurde. Aber trotzdem trage ich diese Vorstellungen in mir und mit mir herum. Vielleicht besteht darin die Verantwortung und die Freiheit, diese zu verändern.

Bei all den Gesprächen über Männlichkeit und Prägung, die ich für diesen Artikel geführt habe, dachte ich öfter an den Bus, in dem ich als Neunjähriger mit meiner Schulklasse immer zum Schwimmunterricht durch den Harz gegurkt bin. Eine quälend lange und angespannte Fahrt, bei der ich an meinen Penis dachte, der mir damals unveränderbar klein vorkam, und an die anderen, mächtigeren Jungskörper, die sich gegenseitig aus der Umkleide­kabine schubsten.

Vielleicht ist meine Männlichkeit wirklich wie diese Busfahrt durch den Harz: Ich kann nicht so einfach aussteigen, aber ich kann stören, zur Meuterei aufrufen und die Scheiben einwerfen. Zwar klingt auch das wieder ziemlich männlich, aber am Ende läuft es eben wohl doch wieder auf eine Zeile aus „Männer“ hinaus: „Werden als Kind schon auf Mann geeicht.“ Herbert Grönemeyer sagte zwar, er habe das Lied einfach aus Jux geschrieben, aber das glaube ich ihm nicht. Denn Männer sind so verletzlich.

Dieser Text ist erstmals in der März-Ausgabe des ROLLING STONE erschienen.