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Rammstein: Exklusives Interview mit Till Lindemann und Flake Lorenz

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Rammstein: Exklusives Interview mit Till Lindemann und Flake Lorenz

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Es ist eine kleine Sensation: Das große Rammstein-Interview im Dezember-ROLLING STONE ist das einzige, das die Band in diesem Jahr geben wird. Da sich die Band als Kollektiv begreift, war es nur logisch, dass der ROLLING STONE exklusiv mit Till Lindemann, Flake Lorenz, Richard Kruspe und Christoph Schneider sprach. Die gesammelten Interviews finden Sie in unserem großen Rammstein-Special in der aktuellen Ausgabe.

Es gibt viel zu besprechen im ersten größeren und zugleich exklusiven ROLLING STONE-Interview mit Rammstein. Die Band versteht sich als Kollektiv von Gleichberechtigten, Gruppeninterviews lehnt sie ab, weil einige weniger zu Wort kommen könnten als andere.

Wir führen drei Gespräche mit insgesamt vier Bandmitgliedern. Das Gespräch mit Richard Kruspe und das mit Christoph Schneider gab es bereits online zu lesen. Nun sind der Keyboarder Flake Lorenz und Till Lindemann an der Reihe. Der Rammstein-Sänger äußert sich ungern öffentlich und hat in den vergangenen Jahren kaum Interviews gegeben, für den ROLLING STONE macht er eine Ausnahme. Das Gespräch führten Rainer Schmidt und Torsten Groß.

Wie erinnern Sie sich an das allererste Rammstein-Konzert?

Flake Lorenz: Das erste richtige Konzert war in der naTo in Leipzig, als Vorband meines Bruders. Der hatte so eine Combo, die englische Lieder wie „Like A Virgin“ in „Wie ein Würstchen“ umgedichtet hat. Es gab keinen Ort, wo wir weniger hingepasst hätten.

Waren Rammstein-Sound und -Auftreten damals schon so klar?

Lorenz: Ja, ganz klar. Ich finde sogar, wir waren damals noch böser als jetzt. Wir standen ganz stumpf auf der Bühne, haben unser Zeug gespielt, keiner hat gelacht oder sich bewegt. Das muss ziemlich bedrohlich gewirkt haben. Den Zuschauern fiel die Kinnlade runter.

Till Lindemann: Ich habe selten so entgeisterte Menschen gesehen.

Woher kam der Gedanke, genau so aufzutreten?

Lindemann: Ich habe mich auf der Bühne nicht wohlgefühlt. Ich trug eine Sonnenbrille, weil ich die Blicke nicht ertragen konnte. Ich hatte Bühnenangst und dachte, was mache ich hier überhaupt? Vorher war ich Schlagzeuger, da hatte ich immer was zu tun. Jetzt stand ich da vorne, und alle glotzten mich an. Das war mir unangenehm, und ich wollte das irgendwie kompensieren. So kam das Feuer ins Spiel. Das ging mit zwei Fontänen los, die mir mal ein Kumpel gegeben hatte. Später haben wir zusätzlich Benzin in den Saal gegossen, das wir mit den Fontänen entzündeten, sodass der ganze Boden brannte. Das hat sich über die Jahre immer weiterentwickelt.

Sie haben sich später extra zum Pyrotechniker ausbilden lassen.

Lindemann: Ja, den Schein kann man in drei Monaten machen. Alle fünf Jahre muss man das wiederholen, also immer am Ball bleiben.

Wie groß ist heute die Gefahr, dass die Musik zu sehr in den Schatten der Show tritt?

Lorenz: Darüber denke ich schon manchmal nach, aber nur kurz. Als Zuschauer fände ich das ja auch gut, dieses ganze Brimborium. Bei anderen Bands muss man schon ein sehr fanatischer Fan sein, wenn man sich zwei Stunden damit zufriedengibt, mitzuerleben, wie ein paar Typen in Jeans und Hemdchen ihr Programm runterspielen.

Lindemann: Die Band ist in dieser Frage gespalten. Für einige ist es zu viel Zirkus, die würden lieber die Musik mehr wirken lassen. Dann gibt es Leute wie mich, die sehr auf diese Showelemente setzen, auf dieses Gefunkel und Geglitzer, die Action und das Feuer.

Flake, während der Shows der letzten Jahre lassen Sie sich in einem Schlauchboot von den Massen über den Köpfen tragen. Das ist einmal richtig schiefgegangen …

Lorenz: Ja, das war in Toronto. Die Menschen haben mich alle nach hinten weitergereicht und dann über einen Zaun gekippt, wo das Gelände einfach zu Ende war.

Lindemann: Das sah sehr lustig aus. Ich habe es von der Bühne aus gesehen und auf einmal war er weg, wie bei einem Wasserfall.

Lorenz: Lustig war es nicht, ich habe mir das Knie ramponiert und musste hinter dem Zaun um das ganze Gelände herum bis zum Bühneneingang laufen, wo man mich zum Glück an den Klamotten erkannte und wieder reinließ.

Wie bei einer Opernaufführung sprechen Sie nie mit dem Publikum. War das auch bei den ersten Auftritten schon so?

Lorenz: Von Anfang an. Wir finden es ganz schlimm, wenn jemand auf der Bühne sagt: „Hallo!“ und „Danke schön,  Bonn!“. Das war uns von Kindheit an zuwider.

Anfangs haben Sie noch auf Englisch gesungen, warum dann der Wechsel?

Lindemann: Der Anstoß kam von Paul und Flake. Das Texten auf Deutsch war einfacher und klang härter. Deutsch hat die Musik viel besser illustriert als Englisch mit seinen weichen Vokalen. Zudem befanden wir uns in dieser Crossover-Grunge-Zeit. In jedem Club nur lange blonde Haare, Dreadlocks und zweitklassige Rage-Against-The-Machine- und Nirvana-Kopien. Das wollten wir auf keinen Fall.

Lorenz: Ich finde es sowieso völlig bekloppt, in Deutschland mit schlechtem Englisch vor ein Publikum zu treten, das die Texte nicht versteht. Leute wie Konstantin Wecker oder Grönemeyer mag ich musikalisch nicht so sehr. Aber ich höre mir das trotzdem gerne an, weil die Texte mich berühren. Wenn Wecker singt „Gestern habns an Willy daschlogn“, ist es mir egal, was er dazu spielt.

Werden die Texte grundsätzlich im Bandverbund diskutiert?

Lindemann: Leider ja.

Lorenz: Till bekommt am Anfang ein musikalisches Gerüst, auf das er allein textet. Wenn wir seine Texte direkt mit der Musik bekommen, ist das natürlich viel schöner, als nur ein Blatt Papier mit ein paar Zeilen drauf zu sehen.

Lindemann: Das sagt jetzt der Musiker. Für mich ist das der absolute Albtraum! Man kriegt ein Instrumental und soll da irgendwas draufschmieren. Es ist ja alles vorgegeben: Strophe, Bridge, Refrain – alles. Das muss man füllen und anschließend von den anderen beurteilen lassen. Die immense und übertriebene Kritik hat allerdings den Vorteil, dass es dann bis zur Perfektion ausgeschliffen wird.

Sind Sie also nicht immer dabei, wenn die anderen die Songs schreiben?

Lorenz:  Nee, was soll er denn da? Das ist so schon besser.

Lindemann: Bis zur zweiten Platte habe ich immer in der Ecke gesessen und zugehört und teilweise auch direkt etwas gesungen, aber das war überhaupt nicht effektiv. Wenn ich nach der Probe nach Hause ging, fing meine eigentliche Arbeit erst an. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, Vierspurbänder mitzunehmen und allein daran zu arbeiten.

Wie groß ist der Druck, wenn die Kollegen mit der musikalischen Arbeit fertig sind und alle auf Ihre Zeilen warten?

Lindemann: Das wollen Sie nicht wissen, das ist ein Albtraum, ganz eklig.

Viele Ihrer Texte gelten als provozierend. Wie kam es dazu?

Lindemann: Auf so böse Riffs kann man eigentlich auch nur etwas ganz Böses texten, das war mir sofort klar. Das war anfangs nicht einfach, weil es dafür keine richtigen Vorbilder gab. Klaus Lage oder Westernhagen passten nicht so, obwohl es da teilweise auch gute Texte gibt.

Wie bewusst war die öffentliche Empörung über Sex mit Leichen oder Menschenfresser Teil des Kalküls?

Lindemann: Da war wirklich nie Kalkül im Spiel. Das ist einfach passiert und hat irgendwann eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Natürlich haben wir gemerkt, dass es überhaupt nicht schadet, wenn darüber geredet und sich aufgeregt wird. Man ist im Gespräch und die Leute beachten einen plötzlich. Es war nicht immer angenehm, was man erzählt oder zu lesen bekommen hat, aber es hat auf jeden Fall nicht geschadet.

Haben Sie diese Reaktionen nie gestört? 

Lindemann: Klar, aber der Nutzen hat das überwogen.

Betreiben Sie also den Tabubruch als Programm?

Lorenz: Na, wenn schon. Gerade beim Thema Menschenfresser finde ich, dass wir es sind, die über diesen Fall in einer Form berichten können, die gut ist.

Was genau heißt da gut?

Lorenz: Eine Form, die den Ereignissen auch gerecht wird, sowohl dem Opfer als auch dem Täter. Die die Sache so beschreibt, dass man mitfühlt und der Text dabei nicht so wertend wie ein „Bild“-Artikel ist.

Der Vorwurf, keine Rücksicht auf die Opfer genommen zu haben, wurde auch bei dem Song „Wiener Blut“ über den Inzestfall in Amstetten laut.

Lorenz: Ich finde, der Text ist astrein, er berührt. Er erklärt die Vorgänge gut. Besser kann man es in meinen Augen nicht machen.

Haben Sie Grenzen überschritten, die Sie heute nicht mehr überschreiten würden?

Lorenz: Wir wollten nie für die Öffentlichkeit mitdenken. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir haben das gemacht, was wir wollten. Und das war auch gut so.

Ist Grenzüberschreitung ein Teil des Konzepts?

Lorenz: Wir haben überhaupt kein Konzept.

Okay, nach mehreren von anderen als Grenzüberschreitung wahrgenommenen Liedern liegt die Vermutung nahe, dahinter stecke Methode.

Lorenz: Nein, so einfach ist es nicht. Weil man vorher nicht weiß, was die Leute stören könnte. Die Öffentlichkeit sucht sich oft Stellen heraus, an die wir nie gedacht haben, und ignoriert andere, wo wir mit Problemen gerechnet hätten. Auch wenn es anders wirken mag, wir können das gar nicht kalkulieren.

Welcher Ärger kam denn überraschend?

Lorenz: Bei „Pussy“ habe ich mich schon gewundert, wie man das indizieren kann. Das finde ich völlig schwachsinnig.

Das Album „Liebe ist für alle da“ wurde 2009 indiziert. Haben Sie sich über die Aufmerksamkeit gefreut und über die Begründung gelacht?

Lorenz: Die Begründung empfanden wir als absurd, aber zum Lachen war uns nicht. Wenn eine Platte indiziert wird, bedeutet das nur Ärger. Die Alben mussten eingestampft werden. Wir wurden immer darauf angesprochen, dabei wollten wir nur in aller Ruhe unsere Tour durchspielen. „Pussy“  sollte ein lustiges Partylied sein, keine Provokation.

Für Ihr Video zu „Stripped“ wurden Ausschnitte von Leni Riefenstahls Film über die Olympischen Sommerspiele von 1936 verwendet. Das führte zu Nazi-Vorwürfen und Diskussionen. Haben Sie das damals billigend in Kauf genommen?

Lorenz: Die Heftigkeit der Reaktionen hat uns sehr überrascht. Wir dachten damals aber tatsächlich, das klärt sich schon alles von selbst.

Lindemann: Wir kommen aus dem Osten und sind als Sozialisten aufgewachsen. Wir waren früher entweder Punks oder Gruftis – wir hassen Nazis! Und dann kommt auf einmal so ein an den Haaren herbeigezogener Vorwurf. Wir machen heute noch genau das Gleiche, und niemand in Amerika oder Mexiko würde auf die Idee kommen, uns so ein Zeug anzudichten. Das passiert nur hier in Deutschland. Unsere Antwort auf diese Anfeindungen war „Links 2 3 4“, damit haben wir klargestellt, wo wir politisch einzuordnen sind.

Wie wichtig war diese Klarstellung?

Lindemann: Sehr! Wir kommen aus einer ganz anderen Kultur. Früher haben wir uns mit diesen rechten Idioten geprügelt, und das würden wir heute noch tun.

Es gab in den Neunzigern einmal eine Pressekonferenz in Hamburg, bei der Sie massiv mit diesen Nazi-Vorwürfen bombardiert wurden. Ihre Antworten war sehr einsilbig. Das wirkte arrogant – oder sehr hilflos.

Lindemann: Wahrscheinlich war das auch wirklich Hilflosigkeit. Hilflos waren wir auf jeden Fall, wenn beispielsweise unsere Kinder nach Hause kamen und fragten: „Papa, spielst du in einer Naziband?“

Was bei Ihnen vorgekommen ist?

Lindemann: Ja, klar, das war schlimm. Bei dir auch, Flake, oder?

Lorenz: (nickt)

Stimmt es, dass das Video eigentlich ganz anders aussehen sollte, dass die später umstrittenen Riefenstahl-Bilder nur als Beispiel genommen worden waren – gemischt mit anderen –, dann aber aus dem Beispiel das echte Video wurde?

Lindemann: Ja. Philipp Stölzl, der Regisseur,  hat uns zuerst einen Rohschnitt gezeigt, und noch nie war die Band so geschlossen der Meinung: „Das ist geil.“ Er hatte nur einen Tag für die Montage gebraucht, und das hatte auch noch ein Azubi gemacht. Mit dem Material sollte ursprünglich nur eine Idee veranschaulicht werden. Wir hatten vorher eine komplett andere Richtung für das Video im Sinn. Da gab es eine russische Kornbinderin, einen Pflug, alles so in Richtung Sergej-Eisenstein-Romantik,  Footage aus den Zwanzigern.

Haben Sie nicht sofort gewusst, mit den Bildern kann es Ärger und Nazi-Vorwürfe geben?

Lorenz: Nein, daran hat niemand gedacht. Das Video lief ja kurzzeitig sogar auf MTV. Deren Video-Auswahl-Komitee war begeistert. Aber dann kam immer mehr Protest, es wurde immer bitterer.  Schließlich musste selbst die Plattenfirma die Hände hochreißen, obwohl sie das Video auch alle gut fanden.

War es rückblickend zumindest naiv, die Riefenstahl-Bilder zu verwenden?

Lindemann: Das mag sein, aber wenn man seine Naivität verliert, zieht man ein Korsett an, aus dem man so schnell nicht mehr herauskommt. So kann sich Kunst nicht entfalten.

Tatsache ist, plötzlich lockten Rammstein auch Rechte an. Wie groß war die Gefahr, von „falschen Fans“ vereinnahmt zu werden?

Lindemann: Die findet man auch bei den Toten Hosen und den Ärzten. Dieses Publikum kam erst, als wir vor 2000 bis 3000 Menschen spielten. In die kleinen Säle trauen die sich nicht, dann kriegen sie aufs Maul.

War allein das Video an Rammsteins schlechtem Ruf schuld?

Lindemann: Nein, das war vorher schon so. Das Video hat dem Ganzen höchstens noch das Krönchen aufgesetzt.

Lorenz: Das ging ja weiter. Als Nächs-tes kam der Amoklauf in Littleton …

Da wurde geschrieben, die Attentäter hätten unter anderem Rammstein gehört.

Lindemann: Genau. Wir waren gerade in Mexiko für ein Konzert. Auf einmal mussten wir in der Zeitung lesen: „Diese Band gehört verboten“ und „Deutschland schämt sich für Rammstein“. Wir wollten gar nicht mehr nach Hause fahren. Aber der internationale­ Erfolg hat das gut kompensiert. Also dachten wir: „Leckt uns doch am Arsch!“

Herr Lorenz, Sie haben dazu einmal bemerkt, die Attentäter von Littleton hätten beispielsweise auch weiße Brötchen gegessen, woraus man genauso viel oder wenig ableiten könnte. Wie stehen Sie heute zu dieser Aussage?

Lorenz: Ich bleibe dabei. Es ist natürlich klar, dass Menschen, denen es nicht gut geht und die Schwierigkeiten im Leben haben, eher Musik in Richtung Rammstein hören als Bankangestellte. Dafür ist die Musik ja vielleicht auch da. Aber das war es dann auch schon. Daraus resultiert nichts.

Lindemann: Da hab ich einen ganz guten Buchtipp: „Ich hasse und das liebe ich“. Das sind Tagebuchauszüge der beiden Attentäter, hochinteressant. Das ist richtig gut. Einer von denen hat erstaunlicherweise großartige Gedichte geschrieben.

Deutsche Identität ist ein Thema, das am Anfang in der Diskussion um Rammstein immer wieder eine große Rolle gespielt hat. Heute sind schwarz-rot-goldene Fahnenmeere zur WM normal, das war Mitte der Neunziger undenkbar. Was hat sich geändert?

Lorenz:  Seit der Wende sind zwanzig Jahre vergangen, da wird einiges inzwischen entspannter gesehen.

Im Madison Square Garden hat der Leiter des Jüdischen Theaters in New York Rammstein gefragt, ob die deutsche Schuld Teil der Musik sei. Wie gehen Sie mit solchen Fragen um? 

Lindemann: Das gehört dazu, für uns auf jeden Fall. Diese kollektive Schuld ist eine Generationsgeschichte. Unsere Kinder werden diese Vorwürfe und Schuldfragen wahrscheinlich gar nicht mehr zu hören kriegen.

Lorenz: Unsere Väter haben den Krieg noch erlebt und uns davon erzählt, als wir jünger waren. Wenn wir als Kinder nach Polen gefahren sind, wurden wir immer angefeindet, nur weil wir aus Deutschland kamen, das vergisst man nicht so schnell.

Aber inwieweit beeinflusst dieses Bewusstsein das künstlerische Schaffen?

Lorenz: Man hat schon einen gewissen Respekt und ist vorsichtig, klar.

Sie haben sehr oft betont, dass Sie keinen Ausweis der sogenannten BRD haben, sondern nur einen Reisepass, und den Westen sowieso blöd finden. Würden Sie sagen: „Ich bin Deutscher“ oder „Ich bin Ostdeutscher“?

Lindemann: Flake ist DDR-Bürger, immer noch, er wird als DDR-Bürger sterben. Flake fährt auch im Urlaub nicht weg. Höchstens ins Elbsandsteingebirge oder an die Ostsee,  das reicht ihm. Wir fahren im Sommer immer zusammen mit unseren Kindern an die Mecklenburger Seenplatte. Das ist total geil.

Lorenz: Für mich ist das schwer. Als ich DDR-Bürger war, gab es die BRD, und die BRD fand ich doof. Auf einmal musste ich Teil von etwas sein, was ich scheiße fand. Die BRD-Fahne finde ich heute noch hässlich.

Lustigerweise hört man die Abkürzung BRD kaum noch. Sie sind wahrscheinlich einer der Letzten, der die Abkürzung aktiv benutzt.

Lorenz: Na, ist das nicht die BRD hier?

Natürlich, aber das sagt niemand mehr. Sehen Sie sich beide noch als DDR-Bürger?

Lindemann: Nein, aber ich habe eine starke Verbundenheit zu Traditionen der DDR. Ich finde es beispielsweise Scheiße, dass es keinen Fasching mehr gibt,  sondern Halloween gefeiert wird. Diese ganze „Enttraditionalisierung“ stört mich sehr, es gibt keine Authentizität mehr. Viele Sachen fehlen mir.

Was vermissen Sie konkret, was war früher besser?

Lindemann: Z. B. Fruckeneintopf in der Gaststätte. Ein blödes Beispiel, das gebe ich zu, aber es geht weiter bis zu ideellen Werten des Miteinanderumgehens, der Hilfsbereitschaft. Dass man für Bildung und medizinische Versorgung nichts bezahlen musste. In diesem reichen Land könnten auch heute viele Dinge sozialer geregelt werden, aber niemand packt es an. Im Gegenteil. Ich brauche auch  keine 25 Nudelsorten. Die werden von weit her eingeflogen und dabei wird die Umwelt versaut. Die Tomaten kommen aus Spanien. Es gibt hier aber eigentlich auch genug Felder und viele Arbeitslose. Niemand braucht zwei Autos. Hier passiert so viel Unsinn, unfassbar.

Lorenz: In unserem Pionierausweis stand als Pioniergebot, wir helfen älteren Menschen. In der Straßenbahn sind die Kinder aufgestanden, damit die Omas sich setzen konnten. Ich bin nie auf Felder gegangen, weil es hieß, dass du so volkseigenes Brot zertrittst. Davor hatten alle Respekt, dass man nichts zerstört, was für die Gemeinschaft da ist. Das fehlt jetzt total.

Das klingt überraschend ostalgisch und verklärend. Man könnte auch über Mangelwirtschaft und fehlende Freiheiten reden. Ihr Bandmitglied Richard ist davor vor der Wende geflohen. Gibt es Sachen, die Sie rückblickend kritisch sehen?

Lindemann: Das war ja nicht die Frage. Ostalgisch ist von uns absolut niemand. Wir könnten genauso gut und lange über die kritischen Dinge reden, aber die Frage war, was wir vermissen, was damals besser für uns war.

Macht das Arbeiten mehr Spaß, wenn es einen klar identifizierbaren Gegner gibt?

Lorenz: Ja. Im Westen ist eigentlich das System der Gegner. Aber der ist nicht mehr so klar greifbar. Sind es die Medien, ist es die Industrie, die Politik?

Aber Sie profitieren auf jeden Fall sehr von dem System …

Lorenz:  Na klar, wir leben ja auch darin. Es gibt aber eine Menge, was wir hier nicht gut finden, und das versuchen wir anzupicken.

Sie haben mal gesagt, Sie bekämpfen das System, indem Sie ihm das Geld wegnehmen. Das sollte wohl ironisch sein, wurde aber wortwörtlich genommen.

Lorenz: Ich dachte, es wäre lustig, war es aber nicht. Ich habe da einfach nicht nachgedacht. Das ist ja auch totaler Schwachsinn, denn das Geld bezahlt ja am Ende der Fan.

Der „Spiegel“ schrieb vor nicht allzu langer Zeit noch einmal, Rammstein sei die ästhetische Rache des Ostens am Westen. Wie reagieren Sie heute auf solche Kritik?

Lorenz: Meistens nehmen wir so etwas gar nicht wahr. Aus dem Osten haben wir die Mentalität mitgenommen, dass wir glauben, etwas falsch gemacht zu haben, wenn wir von der Presse gelobt werden, weil man damit quasi staatlich anerkannt,  also tot ist. Schlechte Kritik war im Prinzip eine Anerkennung. Das gilt auch heute noch ein bisschen. Solange Medien wie der „Stern“ oder der „Spiegel“ uns hassen, ist die Welt in Ordnung.

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