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Sounds: mit Darkstar, Andy Stott und Raime


von
Jens Balzer
Jens Balzer

Gib nicht auf, kleine Spieluhr! Ein kaputtes Klangwerk klingelt und klippert sich langsam in eine Melodie hinüber, erst stockend und stotternd, dann klapprig erstrahlend. Dazu wehen vocoderverzerrte Winde widrig dahin; schließlich beginnt ein Barde bezaubernd zu barmen. „Timeaway“ heißt das schönste Lied auf dem neuen Darkstar-

Album „News From Nowhere“ (Warp/Rough Trade), ein melodisches Irrlicht in einem schier endlos sich weitenden Raum aus hallenden Mensch- und Maschinengeräuschen. Und so schön der Barde auch barmt, so versinkt er doch immer wieder in schnarrenden Kommunikationsfehlertönen – während um ihn herum sich engelsgleich tirilierende Melodien erheben; Robotermöwen stieben krächzend davon.

Große Balladenpanoramen vor dramatisch ausgepinselten Abendlandschaften entwerfen Darkstar auf „News From Nowhere“; freilich sind alle Wesen, die diese Abendlandschaften bevölkern, von roboterhafter Natur. Insofern bleibt das Londoner Trio seiner eingeübten Ästhetik treu: Seit Beginn ihrer Karriere haben Darkstar sich an der Vertonung klassisch-moderner Cyborgromantik versucht. „ Aidy’s Girl Is A Computer“ hieß der erste Song, mit dem sie vor vier Jahren bekannt wurden, ein von Aidan Whally und James Young ebenso minimalistisch wie forsch programmierter Dubstep-Track über die Liebe zwischen Mensch und Maschine.

Vom Dubstep haben Darkstar sich indes schon auf ihrem Albumdebüt vor zwei Jahren entfernt: Auf „North“ beglückten sie mit kunstvoll patinierten Elektro-Pop-Stücken voll knirschend kleingemörserter Beats und dunkelbunter Pianotupfer; faszinierend vor allem, wie der Gesang des damals frisch hinzugekommenen Sängers James Buttery sich in die Klanggeflechte fügte. So ist es auch auf „News From Nowhere“ nun wieder – dem ersten Album, das sie nicht mehr auf dem Dubstep-prägenden Hyperdub-Label herausgebracht haben, sondern bei den Elektro-Pop-Universalisten von Warp. Noch luftiger und verwehter sind hier die Songs, noch mehr Zeit nehmen Darkstar sich, um aus Sirren und Schnarren, zertrümmerten Glockenspielmelodien und wehenden Vocoderwinden wunderbare Songs sich entfalten zu lassen: Man höre die weiten melancholischen Bögen, die James Buttery auf „A Day’s Pay For A Day’s Work“ schlägt; man höre sein lasziv gefiltertes Gurren auf „You Don’t Need A Weatherman“.

Im Feld der aus dem Dubstep der Nullerjahre entstandenen elektronischen Musik malen Darkstar nicht nur die schönsten Landschaften, sie lassen diese auch in den schönsten Farben erstrahlen und setzen die glitzerndsten Lichter darauf. Das fällt natürlich umso mehr ins Gewicht, als der sonstige Post-Dubstep zur Zeit im Dunkeln versinkt, in lichtlosen Industrialszenerien und knarzkalten Gothic-Step-Karzern. Man höre die mit gregorianischen Chören vollgemurmelten Niedergeschwindigkeits-Tracks, die der aus Manchester stammende Produzent Andy Stott auf seinem neuen Album „ Luxury Problems“ (Modern Love) montiert. Oder die kalten, jeder Romantik entledigten Industrial-Lieder, mit denen das Bristoler Duo Raime jetzt debütiert: Dessen erstes Album „Quarter Turns Over A Living Line“ ist nicht umsonst auf einem Londoner Label mit dem sprechenden Namen Blackest Ever Black erschienen. Wo Darkstar ihre Rhythmen aus Spieluhrgeräuschen montieren, rasseln Raime lieber im exakten Beat an rostigen Gitterstäben, dazu schweben von fern magnetische Bässe heran; manchmal scheinen auch schwere Blechblastöne in Moll zu schwellen wie auf einem Depeche-Mode-Album aus der Berliner Phase. Toll! Diese überaus stimmungsvoll schlechtgelaunte Musik hat – so viel ist sicher – das Licht der Sonne noch niemals gesehen.

Diesmal vorgestellt:

Darkstar – News From Nowhere ****

Andy Stott – Luxury Problems *** 1/2

Raime – Quarter Turns Over A Living Line **** 1/2

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