Southside-Festival 2014, der Freitag: Road-Romantik, Okkultismus, Schweiß


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Auf einem Feld der Hegaualb ragt ein weißes Riesenrad empor. Über ihm haben sich an diesem Freitagmittag die anthrazitfarbenen Wolken festgehängt. Seine weißen Wagons drehen sich im Uhrzeigersinn. In der Mitte des Rades fügen sich die LED-Lämpchen zu einem Kreis. Das sieht aus wie ein überdimensionaler, praller Augapfel.

Könnte das „Southside-Eye“, wie der weiße Gigant deswegen heißen könnte, sprechen, hätte er allerlei skurrile Geschichten über dieses Festival zu berichten, das an diesem Wochenende nebst des 4000-Seelen-Kaffs Neuhausen ob Eck haust: über den Stau zu seiner Linken beispielsweise, in dem die Festivalpilger am Donnerstag gegen drei Uhr mindestens drei Stunden festsaßen. Vier Kilometer vor dem Gelände. Zu seiner Rechten hat das Fahrgeschäft freien Blick auf die Campingplätze. Dort verknotet sich eine Brigade Zelte zu einem einzigen grün-gelb-rot-blauem Flickenteppich. Ein Besucher fällt gerade über eine Schnurfalle in eines dieser populären Wurfzelte. Daneben schwänzen 17-jährige Abiturienten die Schule, um mit ihrem Ghettoblaster zu Kraftklubs „Wenn Du Mich Küsst“ abzufeiern. Die Endzwanziger daneben wiegen verstohlen den Kopf im Takt. Dem Riesenrad ist das nicht entgangen. Es könnte allerdings abgelenkt sein. Von der knallbunten Mischung an Bands, deren Outfits und Genres, die sich heute direkt zu seinen Füßen präsentieren.

Hinter den Zeltwänden der Red Stage trägt Jinte Deprez seine Fünfziger-Jahre-Haartolle beim Auftritt der belgischen Balthazar zur Schau. „I play like fashion comes and goes“, singt er bei dem Eröffnungsstück „The Boatman“. Er erzählt die Geschichte von einem Fährmann, dem er die Hand schüttelt, nicht alleine. Mehrstimmig singen, das gehört bei Balthazar zum guten Ton, drei der vier weiteren Bandmitglieder erheben ihre Stimmen zum Refrain. Bei ihrem Konzert klinkt sich allerdings das gesamte Zelt mit ein. Es bietet so viel Platz wie ein Fußballfeld in FIFA-Norm und ist zu dreivierteln mit Neugierigen gefüllt, die die Zeilen einhellig mittragen wie Gläubige bei der Sonntagskirche. Mit Abendmal-Reminiszenz wird der Messwein ausgerechnet in Form des letzten Songs „Blood Like Wine“ dargereicht: „One way or the other she will drink my blood with wine“. Dann verstimmt der Violinenklang Patricias Vannestes. Die Band erhebt ihre Instrumente gen Zeltdecke und betet a capella die Zeile „Raise your glass to the nighttime“. Ein wenig blasphemisch das Ganze, könnte sich das Riesenrad da denken. Allerdings versperren ihm die Zeltwände ohnehin die Sicht.

Ganz anders ist es bei den Nachfolgern auf dieser Bühne. Billy McCarthy geriert sich als Löwendompteur, mit der er die Augustines-Fans befeuert, artig Männchen zu machen. Dabei schlägt er bei dem Song „Cruel City“ die Hände so fest über dem Kopf zusammen, dass ihm die Bartstoppeln aus seiner Bud-Spencer-Hommage zu fallen drohen. Die Leute springen tatsächlich. Anders als bei Balthazar eben ist das Verhältnis der Band und der Zuschauer aber ein antagonistisches: die Band als Bespaßer auf der einen, die sich feiernden Fans auf der anderen Seite. Das Kollektive fehlt. Gerade bei einem Sänger wie McCarthy, der die Selbstmorde seines Bruders und seiner Mutter im Debüt „Augustines“ zu therapieren versuchte, vermisst der Augustines-Kenner doch die persönliche Note der Band. Bei ihrem Auftritt in München vor ein paar Wochen gab es sie, als die Band mitten im Publikum spielte. Dennoch fühlt sich die Menge bedient. Ein junger Mann mit gepflegt ungepflegtem und vom Springen durchnässtem Haar findet es à la Liechtenstein „super geil.“ „Irgendwann gehen eben alle guten Bands den Weg in Richtung großen Pop“, sagt er weise und hüpft davon.

Passenger hat sich nach oben gespielt: Trat er im letzten Jahr noch auf der eben benannten Zeltbühne auf, steht er jetzt auf der Blue Stage. Ein wenig verlassen wirkt er da oben, ohne Band nur mit seiner Akustikklampfe in den Händen und dem Mikroständer vor dem Gesicht. So hat er allerdings schon immer gespielt, bevorzugt in irgendeiner britischen Straßenecke. Nach dem Erfolg des Folk-Romantikschinkens „Let Her Go“ vor zwei Jahren werden derlei Auftritte seltener. Sein kokettes Flirten mit dem Publikum mit bestbritischen Manieren hat er dennoch beibehalten: Er bedankt sich nach jedem Song so überschwänglich beim Publikum, als hätte er gerade den Academy Award für die beste Filmmusik erhalten. Wenn er Hasstiraden gegen Southside-Toiletten in der adaptierten Songversion von „I Hate“ auspackt oder die twitternde Pressemeute in „Scare Away The Dark“ prellt, ist das schnell wieder vergessen.

Das Riesenrad und seine Besucher haben auch auf die Green Stage des Festivals beste Sicht. Die Wolkendecke ist mittlerweile aufgebrochen. Von hoch oben können sie dem Auftritt der Glasgower Franz Ferdinand zusehen, wie sie sich in der absenkenden Abendsonne gleichermaßen aalen wie in dem Erfolg alter Hits. In Erinnerung an vergangene Tage wissen die Menschen vor der Bühne, wie sie sich bei „Ulysees“ oder „No You Girls“ gebärden müssen: springend. Das klappt wegen des ähnlichen Songgewandes des Titels „Right Action“ mit Liedern aus dem aktuellen Album auch ganz gut. Entlang des vorderen Wellenbrechers verlassen die Ersten durchgeschwitzt das Konzert. Sie lassen sich von den Anwesenden abklatschen wie die deutsche Nationalelf nach einem Sieg gegen Portugal.

Eine Lektion in Sachen Authentizität liefern The Black Keys. Die haben die Blue Stage in einen Rock’n’Roll-Schuppen aus den 50ern verwandelt. Trotz untergehender Sonne tragen Carney und Auerbach verdunkelte Sonnenbrille. Sie haben Lederkluft übergeschmissen und exerzieren ihre amerikanische Roadtripping-Romantik durch. Sogar der Bildschirm, welcher den Auftritt für die Hintengebliebenen filmt, ist in Schwarz-Weiß gehalten. Gelegentlich durchbrechen rot-gelb-grüne Farben das Muster, es sind die Farben von Carneys Drums. Die LED-Leuchten des Riesenrads hinter der Bühne adaptieren die Farbpalette scheinbar. Die ausrastende Menge dürfte das nicht sehen. Sie wirbelt bei „Lonely Boy“ und „Gold In The Ceiling“ den Staub vor der Bühne dermaßen auf, als hätten die Black Keys mit ihrem PKW von „El Camino“ eine Vollbremsung in der Wüste hingelegt.

Zum zweiten Mal wird die Red Stage am heutigen Tage Zeuge einer religiös anmutenden Prozession: Lykke Li steht in Nebelgeschwadern gehüllt auf der Red Stage und trägt einen schwarzen Umhang mit Trichterärmeln. Er glitzert im gelblichen Scheinwerferlicht. Ihre Haare fallen ihr im Wetlook ins Gesicht, so dass es nahezu ganz verdeckt ist. Bei den ersten Zeilen von „I Never Learn“ blickt sie ernst drein wie in einem Gemälde Leonardo DaVincis. Mona Lisa bleibt geheimnisvoll. Zu „Rich Kids Blues“ verfärbt sich die Bühne rot, Lykke Li hat ihren Glitzerumhang gegen eine okkultistische Robe getauscht. Der von rechts einwabernde Nebel wirkt wie Schwefel im Fegefeuer. Wie eine Hohe Priesterin wandert Li in ihrem typisch entrückten Gang über die Bühne. Sie hat einen Drumstick in der Hand und schlägt mit ihm erst gen Boden, als würde sie ihn weihen, und hämmert im nächsten Moment mit dem wummernden Beat gegen die Becken des Schlagzeuges. Dann macht das Konzert eine Kehrtwende. Immer noch ist das alles sehr prätentiös. Nur spielt sie jetzt tatsächlich „I Follow Rivers“, auf das sie bekanntermaßen seit dem Magican Remix und dessen Chart-Erfolg nicht sehr gut zu sprechen ist.

Dem „Southside-Eye“ bleibt dieses Prachtstück des heutigen Festivaltages leider verwehrt. Wieder versperrt die Zeltwand der Red Stage die Sicht. Dafür kann es ein Mädchen miterleben, das noch in Erinnerung versunken und in Lederjacke gekleidet die Leitmelodie von Tighten Up pfeift und zu ihrem Zeltplatz wandert.