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Stanley Kubricks Vermächtnis: ‚Eyes Wide Shut‘ kommt in die Kinos


von

Spiel mit dem Feuer – Stanley Kubricks ‚Eyes Wide Shut‘

aus ROLLING STONE 9/1999

Dem Himmel sei Dank“, sagte Chris Isaak über „Eyes Wide Shut“ und gab sich grinsend als einziger Amerikaner zu erkennen, dem es ob der Koordinaten Kubrick, Kino, Kultur vor abendländischer Relevanz nicht den Atem raubte. Da verwies er lieber auf seine flugs anberaumte „Baby Did A Bad Bad Thing“-Tournee, betitelt nach dem Song im Trailer, der schlüssellochartige Erregung schürte – und schob noch ein von MTV zensiertes Video mit Laetita Casta nach, als sich das monatelange „Eyes Wide Shut“-Fieber gerade zur Epidemie ausbreitete.

Schon eine Woche nach der Weltpremiere aber ergossen sich Kübel voll Eiswasser auf einen Film, dessen Rang als Meisterwerk vorher abgemachte Sache war. Plötzlich kippte die Mundpropaganda ins Gegenteil, Saalfluchten wurden kolportiert, die „New York Times“ blies mit dem bösen Wort von der „Altmännerphantasie“ zum Halali. Einige Kritiker rieten noch zum zweiten Blick, doch blieb ein Antiklimax zurück wie bei einem Coitus Interruptus. Obwohl Kubrick ein ausgesprochen kommerzieller Bildermacher war, wird man das Gefühl nicht los, ihn hätte das Gezeter der Meinungs-Elite amüsiert. Dass er nicht zum Sättigen von Erwartungen taugte, sollte sich eigentlich zu Lebzeiten herumgesprochen haben. Neben Sex-Hype, Star-Affenzirkus und Requiem-Ruch müssen die Augen also auch noch vor Feuilleton-Debatten verschlossen werden, bevor die Luft rein ist und man aufs verschrobene Kunststück „Eyes Wide Shut“ lugen kann.

Wie vermutet, pfeffern zunächst zwei schöne, leere Menschen – nennen wir sie Tom und Nicole – ihren Alltag, indem sie kiffen, flirten, Wohlstandsneurosen diskutieren und im Ehekrach die Hosen runterlassen. Doch obwohl Nicole den wesentlich stärkeren, aggressiveren Part hat und ihrem Tom ganz gerne seinen Hahnenkamm zu stutzen scheint, wird sie in einer sadistischen Regielaune bereits nach einer guten halben Stunde aus dieser Geschichte entlassen. Von wegen die XXX-Variante von „Szenen einer Ehe“. Dafür folgt „Eyes Wide Shut“ in unabhängigen, surrealen Episoden einem staunenden Tom durchs New York nach Mitternacht, die letztlich aufs Zerstören männlicher Überheblichkeit herauslaufen – und Beklemmung auslösen wie Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Creepystuff.

Damals war es ein Zwerg unter einer roten Kapuze, der einen Arzt heimsuchte. Diesmal sind es Dutzende Spanner und Sexfetischisten in roten Roben, die Dr. Toms Existenz bei einer viktorianischen Orgie aus den Angeln heben. Überhaupt ist es der fieseste Witz, dass die Hauptfigur auf ihrem geraden Weg unentwegt mit erotischen Abfahrten konfrontiert wird und nur verstörende Crashs erlebt, noch bevor er auf Touren kommt Die beste Yuppie-Sektion, die Cronenberg nie inszeniert hat? Oder Kubricks Erledigung der Libido des modernen Mannes? Jedenfalls intellektuelles cock-teasing. Kalt und grausam blickt „Eyes Wide Shut“ auf seinen machtlosen Helden, der sich permanent überschätzt, für schwul gehalten und fast verprügelt wird, selbst in den Armen einer Hure mit goldenem Herz widersteht. Bis er den rettenden Muttervaterkind-Hafen erreicht.

Wer das für ziemlich konservativ hält und findet, dass ein loses Script von einem 70-jährigen Eremiten, diese Adaption der 73 Jahre alten „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler, so gar nichts zu sagen hat über Eifersucht und Gelüste unserer Tage, wird hier wenig finden, das ihn vom Gegenteil überzeugt. Zwischen den Zeilen jedoch spielt der Regisseur brennend gern mit dem Feuer. Ungleich interessanter als die bloß in Phantasien mutigen Eheleute zeichnet er ihre Verführer. Vom gelackten Graf Euro-Trash (Sky Dumont), der Nicole ganz besoffen komplimentiert, bis zu einem Kostümverleiher, der womöglich seine derangierte Tochter (die wahre Lolita: Leelee Sobieski) für unflotte Dreier verkauft. Oder dieser in seiner Geilheit seltsam nüchterne Bohemien (Sydney Pollack), dem die undankbare Rolle zufällt, Tom und uns den Film erklären zu wollen, was „Eyes Wide Shut“ fast seiner Aura beraubt.

Aber eben nur fast. Denn wären die Ängste und Erregungen von Tom wirklich fehlinterpretiert oder gar erträumt (worauf die absurd künstliche Manhattan-Kulisse hindeutet, na gut), hätte diese Story nicht lange Zeit den Klammergriff eines konspirativen Thrillers. Hinter Kubricks sanftem Schein von Festbeleuchtungen und Weihnachtskerzen brennen und brummen ständig Neonfunzeln, die uns anziehen wie die Motten, sei es aus Neugier oder Todessehnsucht. Keine Sequenz macht das begreiflicher als dieser geschmäcklerische Gruppensex in dem Palast einer maskierten Geheimloge, inszeniert mit größenwahnsinniger Grandezza und mondäner Mystik, als Tom im Luxuskörpergewimmel der Paarungsrituale vergehen möchte, bevor abrupt seine Paranoia beginnt. Aber natürlich kann er dennoch nicht aufhören, die Geheimnisse seiner Exkurse ergründen zu wollen, sollte es ihn auch den gesunden Menschenverstand kosten. Da geht es ihm ein bisschen wie dem Publikum. Dem Himmel, in dem Stanley Kubrick jetzt sicher die Engel erschreckt, sei Dank.


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Was wäre „2001 - Odyssee im Weltraum“ (1968) ohne den Monolith, der buchstäblich die Handlung des vielleicht einflussreichsten Sci-Fi-Films aller Zeiten ins Laufen bringt? Er erscheint als Botschaft und kraftgeladenes Geschenk einer außerirdischen Rasse und ist fest verbunden mit den extraterrestrischen Klängen von György Ligeti. Der Monolith steht in Stanley Kubricks visionärem Meisterwerk, kurz gesagt, auch für den Aufbruch der Menschheit in die Zukunft, für Veränderung und Weiterentwicklung. Wie ist es nun zu verstehen, dass in der Wüste von Utah laut „TMZ“ letzte Woche ebenfalls eine Art Monolith gefunden wurde? (Bilder gibt es HIER) Monolith wurde beim Zählen von Schafen…
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