Toggle menu

Rolling Stone

Back to top Share
Artikel teilen
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Whatsapp
  • Email
Search

Sting über seine neue Platte „57th & 9th“, Jahre der Verzweiflung und die Flüchtlingskrise

Kommentieren
1
E-Mail

Sting über seine neue Platte „57th & 9th“, Jahre der Verzweiflung und die Flüchtlingskrise

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Es ist ein perfekter Samstagvormittag in New York, doch Sting, unrasiert und übernächtigt, räkelt sich auf dem Sofa eines abgedunkelten Aufnahmestudios. Er hat gerade ein kleines Nickerchen eingelegt, bevor es mit dem heutigen Arbeitspensum weitergeht.

Letzte Nacht stand er im New Yorker Jones Beach Theater mit Peter Gabriel auf der Bühne – es war das dritte Konzert ihrer gemeinsamen Sommertournee. „Das war ganz schön anstrengend!“, sagt er. „Aber da ich der Sohn eines Milchmanns bin, war ich heute Morgen schon um halb sechs wach.“

Back to the roots

Sting arbeitet im Akkord, weil er „57th & 9th“ abschließen will – so genannt nach der Kreuzung, die er jeden Tag auf dem Weg zum Studio überqueren muss. Das Album markiert die Rückkehr zu einem gitarrenlastigen Rock, wie er ihn schon seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht hat. „Lautenmusik ist es jedenfalls nicht“, sagt er grinsend – und spielt damit auf „Songs From The Labyrinth“ an, sein mittelalterliches Lauten-Album von 2006. „Es rockt sicher mehr als alles, was ich seit längerer Zeit gemacht habe. Unterm Strich ist das Album eine Art Anthologie aller meiner Interessen, aber die Kracher geben definitiv den Ton an. Ich habe nichts dagegen, die Segel zu setzen und zu beobachten, wohin die Reise geht.“

Die maritimen Analogien geistern ihm noch immer durch den Kopf. Schließlich hat Sting die vergangenen Jahre damit verbracht, das Musical „The Last Ship“ zu schreiben – und schließlich gar in der Broadway-Aufführung aufzutreten. Das Projekt schloss für ihn eine zehn Jahre währende Phase ab, in der er einigen exzentrischen Ideen freien Lauf ließ. Dazu gehörten ein Album mit Weihnachtsliedern, das orchestrale „Symphonicities“ (auf dem er frühere Hits als klassische Kompositionen nachempfand) und auch ­eine Reunion-­Tournee mit The Po­lice. Sting beeilt sich aber zu betonen, dass die Reunion keinerlei Einfluss auf den Sound des neuen Album gehabt habe. „Die Reunion war pure Nostalgie, eine ­erfolgreiche Reise in die Vergangenheit. Aber es bestand nie die Absicht, diese Reise in die Zukunft fortzusetzen.“

Jahre der Verzweiflung

„The Last Ship“ schaffte zwar den Sprung auf den Broadway, wurde aber nach nur drei Monaten wieder abgesetzt, da der kommerzielle Erfolg ausblieb. Sting hat das Thema abgehakt und beteuert, dass es „die fünf fruchtbarsten Jahre meines Lebens“ waren. Nachdem der letzte Vorhang gefallen war, hatte er ungewohnt viel Freizeit. „Ich ging im Park spazieren – und in gewisser Weise gab es keinen großen Unterschied zwischen mir und einem Arbeits­losen. Na ja, ich hatte wenigstens ein Zuhause, zu dem ich zurück­kehren konnte. Aber auf jeden Fall machte meine Untätigkeit mich langsam kribbelig.“

Also hörte er auf den Rat seines neuen Managers, Martin Kierszenbaum (der früher für ihn als A&R-Mann gearbeitet hatte), trommelte ein paar Musiker zusammen und buchte ein Studio. Zur Gruppe gehören sein Tourdrummer Vinnie Co­laiuta und Gitarrist Dominic Miller sowie Jerry Fuentes und Diego ­Navaira von der Tex-Mex-­Gruppe The Last Bandoleros, die Kierszen­baum ebenfalls betreut. Sting kam ohne jegliche Vorbereitungen ins Studio und schrieb das Material gleich vor Ort. „Es macht die Sache spannender“, sagt er. „Schließlich kostet jeder Tag Geld.“

„Die meisten Songs wurden spontan eingespielt“, erzählt Kierszenbaum, der das Album auch produziert. „Alles in ein oder zwei Takes. Ich glaube nicht, dass er seit ,Synchronicity‘ so heftig gerockt hat.“ Inhaltlich, so Sting, drehe sich ein Großteil des Albums „um Migration“. „Inshallah“ beschreibt die Reise von Flüchtlingen quer durch Europa, während „One Fine Day“ die Klimawandelskeptiker an den Pranger stellt. „Der wichtigste Auslöser der Flüchtlingswellen wird das Klima sein. Millionen und Abermillionen werden nach einem Ort suchen, der ihre Sicherheit gewährleistet. Ich mag es noch immer nicht glauben, dass Großbritannien ohne triftigen Grund die EU verlassen hat. Denn die EU hatte zumindest ein überzeugendes Konzept, um gegen den Klimawandel zu kämpfen.“

Erinnerung an Prince

Einer der Höhepunkte ist die düstere Ballade „50.000“, die Sting in der Woche schrieb, als Prince starb. Er beschreibt die Erfahrung, vom Tod eines Vorbilds zu lesen, sich an große, oft auch gemeinsame Erfolge zu erinnern – um dann aber mit den eigenen existenziellen Ängsten konfrontiert zu werden. „Die Sterblichkeit drängt sich unweigerlich in den Vordergrund“, sagt er. „Vor allem wenn man in mein Alter kommt. Ich bin jetzt immerhin auch schon 64. Letztlich thematisiert der Song das Gefühl, das uns alle überkommt, wenn wir vom Tod einer kulturellen Ikone erfahren – ob das nun Prince, David (Bowie), Glenn Frey oder Lemmy ist. In gewisser Weise sind sie unsere Götter. Und wenn sie sterben, hinterfragen wir automatisch auch unsere eigene Unsterblichkeit. Auch ein Rockstar kommt an dieser Frage nicht vorbei. Es ist eine irgendwie bittersüße Erfahrung, dass am Ende der ganze aufgeblasene Dünkel nichts zählt.“

Seinen letzten Flirt mit den Superlativen hatte Sting vor 17 Jahren, als sich sein Album „Brand New Day“ millionenfach verkaufte. Was aber diesmal die kommerziellen Erwartungen betrifft, so hält er den Ball lieber flach: „Die Musikindustrie ist in einem Stadium des existenziellen Wandels, der oft auch chaotische ­Züge annimmt. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, welche Verkaufszahlen man dem Album prognostiziert. Es hat sich so viel verändert. Rock’n’Roll ist schon längst eine konventionelle Kunstform geworden. Seine Funk­tion als gesellschaftlicher Sinnstifter hat er seit Langem verloren.“

Überraschung ist das wichtigste Element in jeder Art von Musik

Und genau das sei der Grund, war­um er jetzt zu diesem Genre zurückkehren wolle. „Überraschung ist das wichtigste Element in jeder Art von Musik. Und ich habe vor, auch weiterhin Überraschungen aus dem Hut zu zaubern. Es ist die Reise meines Lebens, aber die Leute sind natürlich herzlich eingeladen, mich auf dieser Reise zu begleiten. Wobei …“ Er lacht. „Letzten Endes mache ich einfach den Scheiß, den ich machen möchte.“

Kommentieren
1
E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel
Kommentar schreiben
  • Fred Charles

    Lieber Sting,
    im Unterschied zu einem Arbeitslosen
    hast Du einfach Kohle ohne Ende …
    sei nicht so zynisch bitte,
    auch wenn ich Dir schon lange nicht mehr zuhöre,
    denn Du langweilst vielleicht nicht nur mich …
    Du armer Mensch, und so verzweifelt …