„Wuthering Heights“ könnte die geilste Literaturverfilmung aller Zeiten sein

Emerald Fennells „Sturmhöhe“ mit Margot Robbie und Jacob Elordi ist eine radikale, explizite Neuinterpretation des Klassikers.

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Sie ist eine Raffinierte, diese Emerald Fennell! Die Schauspielerin und Regisseurin beginnt ihre „Sturmhöhe“ – die milliardste Adaption von Emily Brontës schwelgerischem Gothic-Roman, und doch die erste, in der Heathcliff an den Fingern seiner großen Liebe schnüffelt, nachdem er sie bei einem Akt der Selbstbefriedigung überrascht hat – mit schwerem Atmen und schnellen Stöhngeräuschen.

Die Leinwand bleibt schwarz. Der durchschnittliche Zuschauer stellt sich alle möglichen fleischlichen Aktivitäten vor, angeregt von der Vorstellung, was erscheinen könnte, sobald das Bild einsetzt. Was uns erwartet, ist der Anblick einer öffentlichen Hinrichtung. Das Keuchen ist nicht ekstatisch. Es sind letzte Atemzüge.

Eine Menge aus Männern, Frauen und Kindern sieht zu, wie eine vermummte Gestalt am Ende eines Seils zuckt und sich windet. Einige Jungen weisen darauf hin, dass der Verurteilte eine Erektion hat, während er im Begriff ist, diese Welt zu verlassen. Eine strenge Nonne bringt sie zum Schweigen.

Sex und Tod von der ersten Minute an

Kaum ist der Gefangene mit seinem Totentanz am Ende, gerät die Menge außer sich. Noch bevor diese öffentliche Exekution vorbei ist, schneiden wir zu einem Paar, das sich direkt neben dem Galgen heftig vergnügt. Sie treiben es wild, aber Fennell meint es ernst. Sie setzt ein Zeichen. Zwei Minuten sind vergangen, und die beiden Kräfte von Sex und Tod sind bereits untrennbar miteinander verbunden. Hier gibt es weder kleinen noch großen Tod, sondern Thanatos und Eros, die sich auf den Hügeln von Yorkshire abklatschen. Wenn man die Kräfte des einen entfesselt, so legt der Film nahe, lässt der andere nicht lange auf sich warten.

Es gibt bessere Verfilmungen von „Sturmhöhe“, und es gibt weitaus schlechtere. Doch eine geilere Version dieses Stoffes wird man kaum finden als Fennells freie, leidenschaftliche Variante der stürmischen Geschichte von Heathcliff und Catherine, Kindheitsfreunde, die zu Liebenden werden, niemals wirklich zusammen sein können und dennoch die Hände nicht voneinander lassen können. Vielleicht ist es tatsächlich die geilste Literaturverfilmung, die je gedreht wurde.

Mit Verlaub, „Brokeback Mountain“. Indem sie dort endet, wo die zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte ihren natürlichen Höhepunkt erreicht, streicht die „Saltburn“-Autorin und -Regisseurin die gespenstischeren Elemente der zweiten Romanhälfte, behält jedoch die grausamen bei. Die Brutalität dieser von Begierde getriebenen Bewohner eines verfallenden Landsitzes steht hier im Mittelpunkt. Ebenso das Gefühl, dass Unterdrückung, Rache und eine gehörige Portion Ironie unausweichlich in Sex münden. Viel und immer mehr Sex.

Lust, Grausamkeit und Exzess

Vor langer Zeit lebte die junge Cathy (Charlotte Mellington) mit ihrem heruntergekommenen Vater Mr. Earnshaw (Martin Clunes) und ihrer Gefährtin Nelly (Vy Nguyen) auf dem Anwesen namens „Sturmhöhe“. Eines Nachts geht Earnshaw seinem Glücksspiel und seinen Ausschweifungen nach und kehrt am nächsten Morgen mit einem neuen Hausbewohner zurück. Entsetzt darüber, einen Jungen auf der Straße geschlagen gesehen zu haben („Das ist hier nicht Liverpool!“, ruft der Alte. „Oder Bristol!“), bringt er das Kind mit nach Hause.

Der Junge (Owen Cooper) hat keinen Namen. Cathy nennt ihn „Heathcliff“, nach ihrem verstorbenen Bruder. Mr. Earnshaw benutzt seine Wohltätigkeit wie eine Keule gegen den Jungen und schlägt ihn gelegentlich auch ganz wörtlich. Doch die beiden Kinder sind unzertrennlich. Bis sie zu Margot Robbie und Jacob Elordi heranwachsen – und den Rest des Films damit verbringen, sich noch viel, viel näherzukommen.

Zwei der derzeit heißesten Schauspieler zu besetzen, ist ein klarer Vorteil und setzt die lange Tradition fort, einen düster attraktiven Mann (Laurence Olivier, Ralph Fiennes) mit einer atemberaubenden Leinwandschönheit (Merle Oberon, Juliette Binoche) zu paaren. Wenn Regisseure es erdiger angingen, wie in Jacques Rivettes Version von 1985, entstand eine rauere Variante gotischer Motive. Andere Fassungen, wie Andrea Arnolds brillante Adaption von 2011, rücken die rassischen Aspekte und Klassengegensätze stärker in den Vordergrund.

Ästhetik als Erregungsmaschine

Fennells Interpretation dreht sich ganz um Lust – um die sexuelle Lust, sich einer amour fou hinzugeben, mit deutlichem Gewicht auf dem fou. Vor allem aber um ästhetische Lust. So viel hängt davon ab, wie ein rotes Kleid über einen ebenso strahlend roten Boden fällt oder wie die Schleppe eines weißen Hochzeitskleides hinter Cathy herweht, wenn sie über die Moore schreitet. Das Geräusch kräftig gekneteten Teigs wird so verstärkt, dass die Handflächen schwitzen. Bild und Ton sind auf maximale Wirkung getrimmt, doch der Film ist sinnlich auf eine Weise, die nicht nur Augen und Ohren, sondern alle Sinne zugleich ansprechen will.

Zerbrochene Eier im Bett dienen als Vorwand, damit Heathcliff die klebrige Masse suggestiv über seine raue Hand rinnen lässt. Eine Schnecke hinterlässt glänzenden Schleim auf einer Fensterscheibe. Tapeten sind so gestaltet, dass sie der Haut einer jungen Frau gleichen, inklusive Sommersprossen. Und ja, das Schnüffeln an Fingern.

Alles steht im Dienst der Erregung – ihrer und der des Publikums – und wenn Fennell und ihre Darsteller die richtigen Knöpfe gleichzeitig drücken, ist die Wirkung bewusst überwältigend. Wenn man in einigen Jahren über diese „Sturmhöhe“ spricht, wird man vielleicht pflichtbewusst den flüchtigen Ausdruck auf Robbies Gesicht erwähnen, als sie hört, wie Heathcliff darüber scherzt, eine Frau aus der Stadt zu heiraten. Oder die Szene, in der Elordi scheinbar mühelos Robbie an ihren Korsettschnüren hochhebt. Oder die Einstellung, in der der einst zerlumpte Junge als Held eines Liebesromans aus dem Nebel des Nordens auftaucht, geschniegelt, mit Goldzahn, wie der attraktivste Freibeuter der Welt.

Voyeurismus und verbotene Begierde

Doch zuerst wird man über die Szene sprechen, in der zwei Diener in einer Scheune ein raues Rollenspiel treiben. Der Stallknecht legt der Hausmagd ein Zaumzeug in den Mund und fesselt ihre Handgelenke. Cathy beobachtet sie durch ein Loch im Boden. Gerade als sie ihr heimliches Verhältnis vollziehen, legt sich eine Hand auf Cathys Mund. Es ist Heathcliff. Mit der anderen Hand bedeckt er ihre Augen, während er sich auf sie legt. Die Kamera bleibt in einer Nahaufnahme auf Robbies Gesicht, während beide lauschen, was unter ihnen geschieht. Man fürchtet, dass Filmrolle, Leinwand oder gar das Kino selbst Feuer fangen könnten.

Kurz nach dieser Szene des Voyeurismus belauscht Heathcliff ein Gespräch zwischen Cathy und Nelly (nun gespielt von Hong Chau) über einen Heiratsantrag des reichen Nachbarn Edgar Linton (Shazad Latif). Er geht. Sie heiratet. Jahre später kehrt er zurück, hat ein Vermögen gemacht und ist nun Eigentümer von „Sturmhöhe“. Sie beginnen eine heimliche Affäre. Edgar wird zum Kollateralschaden dieser verbotenen Leidenschaften. Ebenso Isabella (Alison Oliver), eine junge Frau im Haus Cathys, die sich in Heathcliff verliebt. Es endet schlecht, wie so viele Geschichten moralischer Grenzüberschreitungen im viktorianischen Zeitalter.

Elordi im Zentrum des Sturms

Margot Robbie versteht es, ihre Figur subtil zu verändern, sodass die Kamera widersprüchliche Gefühle einfängt. Sie prägt Cathy, eine Rolle voller errötender Wangen und fiebriger Stirnen. Doch es ist Elordis Film. Er eignet sich ideal für einen „Helden“ mit wechselhaften Stimmungen und zusammengezogenen Augenbrauen, der im einen Moment verloren wirkt und im nächsten wie ein selbstsicherer Verführer. Nach „Frankenstein“ ist dies seine zweite Rolle als Protagonist gotischer Literatur, und er könnte die Liste gequälter Seelen dieses Genres weiter abhaken.

Nach „Promising Young Woman“ (2020) und „Saltburn“ (2023) zeigte Fennell früh ihre Vorliebe für Provokation. Satire ist nicht ihre größte Stärke. Doch überhitztes, hyperventilierendes Melodram liegt ihr. Ihre Adaption nimmt sich mehr Freiheiten mit Brontës Roman, als ein Stallknecht mit einer bondageaffinen Hausmagd, doch sie versteht es, Stürme zu entfachen. Vielleicht reicht es nicht mehr, den üblichen Mix aus nacktem Oberkörper bei der Arbeit und verstohlenen Blicken, dunklen Schatten und peitschendem Wind zu servieren. Vielleicht braucht es einen expressiveren Weg. Vielleicht ein Dutzend Montagen – eine Trotz-Montage, eine Ehefrust-Montage, eine Montage zweier Filmstars, die Positionen des Kamasutra abhaken. Ganz oder gar nicht. Fennell entscheidet sich für ganz, und diese von Pheromonen getränkte Version gewinnt gerade durch ihre Fehler.

David Fear schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil