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T.M. Wolf im Interview über seinen außergewöhnlichen Schallplatten-Roman „Sound“


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Seit Montag stimmen wir uns täglich mit einem Artikel auf die Plattenladenwoche ein, die vom 15. bis zum 20. Oktober in ganz Deutschland stattfinden wird und die, wie schon im letzten Jahr, von unserem Magazin präsentiert wird. Alle Infos über Termine, Sonderveröffentlichungen und über die teilnehmenden Läden findet man unter www.plattenladenwoche.de.

Der Musikjournalist und Jurist T. M. Wolf hat seinen Debütroman wie eine Schallplatte aufgebaut – mit einer A- und einer B-Seite und Kapiteln, die strukturiert sind wie HipHop-Stücke: die Dialoge hat er ähnlich einem Multitrack von sich überlagernden Stimmen setzen lassen, die beschreibende Prosa im traditionellen Stil wirkt dazwischen leichtgängig wie ein R’n’B-Refrain.

Die Handlung ist in diesem Spiel mit dem Medium fast nebensächlich. „Sound“ erzählt die Coming-of-Age-Geschichte des Mitt-20ers Cincy – von seiner Arbeit auf einer Schiffswerft und seiner Liebe zu bzw. Obsession für die unnahbare Vera. Doch eigentlich handelt „Sound“ vom genius loci der Jersey Shore und erinnert daher wohl nicht von ungefähr an einen frühen Springsteen-Song. Das Buch ist soeben im Berlin Verlag erschienen und kostet 22,99 Euro. Weitere Infos gibt es hier.

Haben Sie eine große Plattensammlung?

Wolf: Es ist schwer, MP3s zuüberbieten, wenn es um die Transportfähigkeit und Katalogisierung geht. Ich bin kein Vinyljunkie. Ich wünschte, ich hätte eine große Schallplattensammlung, aber, nein, habe ich nicht. Ich hab nur sehr sehr viele Dateiordner (lacht).

Warum haben Sie Ihren Roman dann zu einer Hommage an das klassische LP-Format gemacht?

Wolf: Die Idee, den Roman wie eine Schallplatte aufzuziehen, schien mir eine gute Metapher für das, was dort passiert. Eine Schallplatte dreht sich und ist voller Soundinformationen. Und dann ist da das Loch in der Mitte – da ist also nichts. „Sound“ dreht sich ebenfalls um eine Leerstelle. Kurz bevor die B-Seite beginnt passiert etwas in der Beziehung der beiden Protagonisten Cincy und Vera, von dem wir so gut wie nichts erfahren. Und dann verschwindet Vera. Und das gesamte Buch dreht sich darum. Das ist ein bisschen wie das Auge des Hurrikans. Zudem ist die Erzählung ist nicht linear, sondern kreisförmig. Und die Tatsache, dass Vinyl zugleich neu und alt ist hat mir gefallen – eine fast antike Technologie, die zugleich heute eine coole Technologie ist. Das korrespondiert mit dem, wie Zeit in dem Roman verhandelt wird. Desweiteren hat die Form des Buches eine digitale Anmutung – aber es ist gedruckt. Und dann gibt es natürlich noch die Analogie mit der Nadel, die du auf das Vinyl setzt oder in deine Vene.

Wie kamen Sie auf die Form ihres Buches?

Wolf: Die Grundidee des Multitracking – Dialogsequenzen auf mehreren Ebenen zu schreiben kam wie aus dem Nichts. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Musik zu hören und viel Zeit damit, Bücher zu lesen. Und dann sah ich ein Notizheft für Komponisten, das ich interessant fand. Und dann dachte, ich könnte damit irgendwas schreiben. Das Manuskript wurde einfach in Wordgeschrieben  – im Querformat … Die Form, die es am Ende annahm – mit verschiedenen Schrifttypen für die einzelnen Charaktere, ist in Zusammenarbeit mit dem Designer Jeff Clark entstanden, der sonst hauptsächlich Gedichtbände gestaltet.

Sie haben ihre Kapitel wie HipHop-Stücke aufgebaut …

Wolf: HipHop war die erste Musik, die ich gehört habe, und sie hat meinen Geschmack geprägt. Multitracking ist für mich HipHop – auch wenn das Konzept des Remixes, des Sampling und des Loops quer durch die unterschiedlichsten verschiedene Musikstile geht – von Steve Reichs minimalistischen Kompositionen bis Ali Farka Tourés Mali-Blues.  Aber ich habe eben an HipHop gedacht, Sachen wie den Roots-Song „Clones“. Das Buch sampelt sich selbst, einige Kapitel haben den Untertitel Remix.

Dieses literarische Experiment ist also ganz natürlich aus Ihren Hörgewohnheiten entstanden?

Wolf: Ja, genau. Ich liebe vor allem RZAs Stimmsamples. Ich habe mich irgendwie über die Jahre an die Idee gewöhnt, dass jemand eine Stimme nimmt, sie looped und die Stimmen andere darüberlegt. Zunächst klingt daskomisch, aber denn entwickelt man eine Vorliebe dafür. Und wenn man etwas schreibt, dass Stimmen übereinanderschichtet, scheint es völlig natürlich zu sein. Das ist also nicht meine Neuerung, ich habe es nur einfach aus einem anderen kulturellen Feld übernommen und benutze Buchstaben, wo man sonst Noten verwendet.


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