Toggle menu

Rolling Stone

Back to top Share
Artikel teilen
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Whatsapp
  • Email
Search

So wurde Discogs zur größten Plattenbörse der Welt

Kommentieren
0
E-Mail

So wurde Discogs zur größten Plattenbörse der Welt

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Vor 16 Jahren pflegte ein schüchterner Informatiker seine Plattensammlung in eine Datenbank ein, die er selbst programm-iert hatte. Heute ist aus dem Hobby die größte Tauschbörse für Vinyl im Internet geworden – und die größte Musikinformationsquelle der Welt, noch vor Wikipedia oder AllMusic.

Der Informatiker heißt Kevin Lewandowski, damals ist er 25, hört Miles-Davis- und Deep-House-Platten, isst jeden Abend Pizza, während er an einer neuen Website werkelt. Die heißt Discogs. Allein im vergangen Monat besuchten 6,8 Millio­nen Menschen Lewandowskis Seite im Internet. Es gibt über drei Millionen registrierte Nutzer, die Seite wird im Jahr Hunderte Millionen Mal aufgerufen. Mehr als 300.000 Menschen haben ihr Musikwissen beigesteuert, um einen Katalog mit mehr als 7,5 Millionen Veröffentlichungen und 4,6 Millionen Interpreten zu erstellen.

Datenbanken über Musik fehlten

„Für mich war das damals nur ein Hobby“, sagt Lewandowski und lacht. Der 41-jährige Familienvater könnte in seiner Kapuzenpullihaftigkeit noch immer 25 sein. Er hat die freundlich-zurückhaltende Art eines Technikers, der lieber im Hintergrund agiert. Lewandowski wuchs in einer musikinteressierten Familie in Louisiana auf, seine Schwester ist Klavierlehrerin, sein ­Vater spielt Gitarre und sammelt Schallplatten, im Eltern­haus dröhnten Led Zeppelin und Black Sabbath. Doch erst im College prägte sich sein eigener Musikgeschmack aus. Lewandowski entdeckte Techno-Raves und war angefixt von elek­tronischer Musik. Er kaufte sich zwei Turntables, ein Mischpult – und jede Woche neue Maxis.

Und Lewandowski erstellte Mailinglisten, über die sich Leute über ihre Platten austauschten. Es war die Zeit der Dotcom-Manie, als das Internet noch Cyberspace hieß und Seiten wie eBay und IMDb kleine Wunder waren. Was fehlte: eine umfassende Datenbank mit Informationen über alle Musikveröffentlichungen. „Ich fand die Idee stark und dachte, dass sie funktionieren könnte.“

Überwältigendes Feedback

Also tüftelte der damalige Intel-Software-Entwickler nach Feierabend an der ersten Version einer solchen Datenbank, in die er seine 2.000 Platten aufnahm – am 1. September 2001 die allererste, die 12-Inch „Stockholm“ des schwedischen Techno-­DJs Jesper Dahlbäck alias The Persuader. Das Feedback seiner Brieffreunde war überwältigend – und Discogs war geboren. „Ich dachte, wenn es jemals die Möglichkeit gibt, Vollzeit an meinem Traum zu arbeiten, dann jetzt.“ Er kündigte.

Die Nutzerzahlen stiegen täglich an. Nur Geld brachte es nicht ein. Ein Bezahlmodell, bei dem Mitglieder pro Jahr einen Beitrag von zehn Dollar beisteuern sollten, scheiterte. „Ich fand es schließlich besser, allen Leuten alle Features gratis zur Verfügung zu stellen, um mehr Nutzer zu bekommen“, sagt Lewandowski. Bald wurde der Ruf der User nach einem Marktplatz laut. Handel trieben sie per Privatnachrichten ohnehin schon. Ende 2005 war es dann so weit.

Das Unternehmen finanziert seine inzwischen 47 Mitarbeiter durch Verkaufsgebühren und Werbung auf der Seite. Pro verkaufter Platte behält Discogs acht Prozent und ist damit günstiger als der Konkurrent eBay. Dabei streicht Discogs nicht mehr als maximal 150 Euro pro Transaktion ein. Um diese Obergrenze zu überschreiten, müsste allerdings ein Album für mehr als 1.875 Dollar vertickt werden – nicht gerade alltäglich. Das teuerste je verkaufte Vinyl war eine Promo-Pressung von Prince’ „Black Album“, die im ­April für stolze 13.400 Euro verkauft wurde. Im Durchschnitt liegt der Verkaufspreis aber eher zwischen 13 und 14 Euro pro Platte.

Das Bewusstsein, eine Weltmarke zu sein, stellte sich erst ganz langsam ein. Als das Unternehmen 2013 in die heutigen Büros zieht, besteht es aus gerade mal zwölf Mitarbeitern. Bis vor zwei Jahren gab es kein Marketingteam. Pressesprecher Ron Rich, der wie ein fröhlicher Staubsaugervertreter spricht, wurde erst vergangenes Jahr eingestellt. Und während Lewandowski lieber zu Hause programmiert, hat er für das operative Geschäft den tatkräftigen Chad Dahlstrom installiert.

Wie eine Studenten-WG

Die Discogs-Zentrale steht in Beaverton, einem Vorort von Portland, der eher nach Europa passt als in die USA: viele Radfahrer, ein gut ausgebautes Nahverkehrsnetz, Grünflächen, Bio-Cafés, Studenten latschen bei gutem Wetter auch mal barfuß in die Uni. Die andere Geschäftsstelle ist in Amsterdam, und auch das passt zum Flair. Im Büro stehen Plattenspieler und ein Mischpult, freitags essen die Mitarbeiter – alle musikverrückt, manche Musiker – gemeinsam. Die Hierarchien sind flach, gearbeitet wird in sogenannten Squads an bestimmten Themenbereichen. Das Firmenklima gleicht dem in einer Studenten-WG mit gemeinsamen Bierabenden.

Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein. Denn Discogs ist zugleich Sterbehelfer und Lebensretter der Plattenläden. VinylHub, die neue Plattform im Discogs-Universum, dokumentiert deshalb jeden noch so kleinen Hinterzimmerschuppen auf diesem Planeten, in dem Musik zu kaufen ist. Wer also zufällig mal in Nuku’alofa im Königreich Tonga abhängt, könnte bei CD Sellers vorbeischlendern. „Wir wollen, dass die Leute in Plattenläden gehen! Wir lieben sie, wie die Sammler auch“, behauptet Chad Dahlstrom. Der Discogs-Manager fordert alle Shopbesitzer auf, ihre Bestände bei Discogs zu listen, bittet sie um Feedback und Verbesserungswünsche.

Viele Vinyl-Liebhaber hassen das Shoppen im Netz

Dieser Schritt festigt das Netzwerk – und pflegt nebenbei das Image. Denn für manche Vinylsammler ist der Onlinehandel der Antichrist. „Viele Plattenläden können jedoch nur deshalb überleben, weil sie sich mit den Verkäufen via Discogs über Wasser halten“, sagt Dahlstrom. „Ich denke, die Welt ist am besten mit beidem dran.“

Natürlich gibt es Raffzähne, die etwa Limited Editions aufkaufen, nur um sie dann zu Wucher­summern ins Netz zu stellen. „Damit, wie die Preise bestimmt werden, haben wir nichts zu tun“, erklärt der Geschäftsmann. „Discogs ist ein Marktplatz und damit eben auch Angebot und Nachfrage unterworfen.“

Dass der Vinylboom abflauen könnte, glauben die Discogs-Netzwerker nicht. „Unser Kernpubli­kum sind Vinylliebhaber, und die wird es immer geben“, sagt Rich. Das haptische Erlebnis sei durch keinen Stream ersetzbar. „Es geht immer um die Liebe zur Musik. Wenn jemand etwas auf Spotify entdeckt und es besitzen will, kommt er zu uns“, glaubt er. Die Konkurrenten eBay und Amazon werden zwar beobachtet, aber nicht gefürchtet. „Bei uns weiß man exakt, was man bekommt“, sagt der groovy Pressesprecher. „Von ‚Dark Side Of The Moon‘ etwa gibt es Hunderte Varianten. Bei uns kann man genau die Veröffentlichung bekommen, die man sucht, und sei es eine dritte Pressung aus Japan. Unsere Informationen sind akkurater als die aller anderen.“

Discogs expandiert

Fast 70 Prozent der Nutzer kommen aus Europa – darunter übrigens die wenigsten aus Spanien. Anfang des Jahres wurde eine App gelauncht, mit der man per Strichcode-Scanner Informationen zu seinem Fund nachlesen kann, während man im Laden vor dem Vinylregal steht. Das ehemalige Einmann­unternehmen will zudem ein ganzes ‑ogs‑Universum mit weiteren Open-Source-Daten­banken schaffen: für Bücher (Bibliogs), Comics (Comicogs), Filme (Filmogs) und Musik-Equipment (Gearogs).

„Der Hauptzweck von Discogs sind die Daten“, betont sein Gründer Lewandowksi. „Es geht nicht um den Marktplatz, der ist nur ein Add‑on.“ Das Mantra „Database first!“ wiederholt man bei Disc­ogs ständig. Mehr Daten, genauere Daten, alle ­Daten! Das hehre Ziel: Discogs soll unabhängig und kostenlos bleiben. „Unsere Mission ist es“, unterstreicht Dahlstrom, „jedes Album, das jemals veröffentlicht wurde, akkurat zu katalogisieren – und nicht, eine Milliarde Dollar zu machen.“

Kommentieren
0
E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel
Kommentar schreiben