Aus dem Off (2)



Corona-Tagebuchnotizen von Arne Willander: Danger In The Past


von

Es ist die Zeit für Vorhaben, mit denen man immer mal wieder begonnen hat, um sie bald aufzugeben – fortan lebt man mit dem fadenscheinigen Trost, man sei nah dran gewesen und schon initiiert, bloß der letzte Schliff fehle noch. Wohl habe ich mich den Platten Robert Forsters und dem Spätwerk der Go-Betweens befasst – aber nie mit jenen sechs Platten, die zwischen 1982 und 1988 erschienen.

Nachts begann ich mit „Tallulah“ von 1987 und hörte dann „Liberty Belle And The Black Diamond Express“ und „16 Lovers Lane“. Wie ich die Songs so hörte, dachte ich an Robert Forsters fulmimante, elegante Memoiren „Grant & ich“, die ich vor kaum drei Jahren gelesen hatte: Er beschreibt bestechend und unbestechlich die Entstehung der Lieder und der Alben und das Leben einer kleinen australischen Band in London (und Brisbane und Sydney und New York und Los Angeles).

🛒  „Danger In The Past“ von Robert Forster auf Amazon.de kaufen

Beim Wiederlesen, während die Go-Betweens-Songs laufen, gerate ich in den Sog von Forsters Prosa, die so porös, grazil und wohlgesetzt ist wie seine Lieder. In den späteren 80er-Jahren verlangte Forster bei einem Friseur in London, seine Haare sollten grau gefärbt werden und also aussehen wie die des Schauspielers John Forsythe als Blake Carrington in „Denver-Clan“. Der Versuch endete mit einem Blond, das an Jean Harlow erinnerte.

Auf dem Bauernhof mit Proust-Lektüre

Dann ließ er sich ein Kleid schneidern und trug es bei Konzerten, was (neben vielem anderen) die Karriere inden USA verhinderte. Er verliebte sich in eine deutsche Studentin, deren große und schlanke Gestalt er ebenso bewundernd beschreibt wie ihr Deutschsein, und lebte mit ihr auf einem bayerischen Bauernhof, wo er mit der Lektüre von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ begann. Er sah beim ersten Blättern sehr lange Textpassagen ohne Absätze und den ersten Dialog auf Seite 26.

Nun lege ich „Danger In The Past“ ein, Robert Forsters erstes Soloalbum, das er 1990 mit Mick Harvey in Deutschland aufnahm. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist ein Projekt, das ich ungefähr zu jener Zeit zum ersten Mal aufgab, weshalb ich jetzt wieder damit beginnen werde. Aber erst nach „Grant & ich“ und allen Alben der Go-Betweens, von Robert Forster und Grant McLennan.

Gestern rief ich durch die geschlossene gläserne Eingangstür eines Plattenladens in der Zossener Straße einem dort herumkramenden Plattenmann die Frage zu, ob er die Alben von Rustin Man und Morrissey bekommen habe. Er schüttelte den Kopf.

Im Fernsehen berichtet der SWR über die Auswirkungen des Virus auf die Mneschen in Weinbergen und an der Mosel. Thomas Anders kündigt per Smartphone an, den Schreibtisch aufräumen zu wollen. Malu Dreyer plant, mal wieder den Kleiderschrank auszuräumen und ein Blumenbeet zu bepflanzen. Die Umweltministerin Julia Klöckner, zupackend wie stets, empfiehlt: Einfach mal durchschnaufen, etwas Analoges machen, vielleicht mal kochen!

Seltsam anrührende der Bericht über den Dominikanerpater Albert, der seine leere Wallfahrtskirche in Klausen bei Trier mit einem Smartphone auf einem Stativ betritt, um für die abwesende Gemeinde einen Gottesdienst aufzuzeichnen. Zu Pater Alberts Ritualen gehört es, so erzählt er, dass er Kranke berührt. Das ist ihm nun verwehrt. Der massige Mann sieht verloren aus in seinem Ornat, wie er da in der Wallfahrtskirche steht.

Der ewig junge Carlo von Tiedemann

Carlo von Tiedemann, seit fünf Jahrzehnten der fröhliche Ankermann des NDR-Radios, ist aus einer Quarantäne nach einem Toskana-Urlaub zurückgekehrt und erzählt Judith Rakers bei „3 nach neun“ von seiner anhaltenden Virilität, seinen Anfängen beim Hörfunk, einer befleckten Hose beim Hamburger Hafenkonzert und den Zorn, der ihn ereilt, wenn Kollegen heute beim Radio auf sein hohes Alter und die möglicherweise drohende Infektionsgefahr verweisen.

Von wegen: alt! Carlo ist 77 und beaufsichtigt zwei minderjährige Kinder. Im nächsten Jahr feiert er beim NDR das 50. Betriebsjubiläum. Faszinierend erklärt er sein Signum, den Schnäuzer, auch mit einer fehlenden ausgebildeten Knutsch-Oberlippe, und illustriert seine Freude, wenn er morgens von Quickborn zu seinem Arbeitsplatz am Hamburger Rothenbaum fahren kann. Carlo von Tiedemann wird keine Kurzarbeit machen.

Nun denke ich über Robert Forsters verblüffende Anmerkungen zu Bruce Springsteen und Rodney Crowell, Guy Clark und The Jesus And Mary Chain nach. „Grant & ich“ hat ein unschlagbares Motto: „In ihm entdeckt man die Moral weit entfernt von ihrem üblichen Lebensraum. (Aus Alan Bennetts Trauerrede für Peter Cook)“ Wahrscheinlich, bestimmt sogar ist es die einzige Autobiografie eines Musikers, in der im Motto der Begriff Moral vorkommt. Und in der ein Motto vorkommt.

Arne Willander