Temples: Warum die Psychedelic-Rocker plötzlich Enigma lieben

Temples sprechen über Enigma, Trance, Psychedelia und „Bliss“ – ihr mutigstes Album zwischen Rock und Dance

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Die Träger von Band-T-Shirts haben sich längst von ihrem Musikgeschmack entkoppelt; wer heute das elegante, monochrome, in jeder Vintage-Boutique verkaufte „Goo“-Shirt von Sonic Youth trägt, hat mitunter noch nie von der 2011 aufgelösten Noise-Band gehört. Als Temples-Bassist Thomas Walmsley vor einiger Zeit auf Instagram ein Studiofoto postete, auf dem er ein Shirt mit dem Avalon-Nebel-Cover der Enigma-Platte „MCMXC a.D.“ (ja, das mit dem Mönch!) trug, war die Verwunderung groß.

Was hat der Psychedelic Rock von Temples mit Michael Cretus und Schlagersängerin Sandras deutschem Mittelalter-Dance von 1990 zu tun? Erstaunlich viel – für Walmsley ist Enigma mehr als ein Stilzitat. „Enigma haben eine Reihe herausragender Alben produziert“, sagt er ohne Ironie. „Meisterwerke aus Ambient, New Age, Spiritual und Dance. Und, vergessen – Enya: Die liebe ich auch.“

Das genaue Alter der vier Temples-Musiker aus dem englischen Kettering ist nicht bekannt, doch ihre Prägung fällt in die Zeit der Balearic-House-Welle am Ende der Achtziger, auf die Enigma folgten. Was sie als Kinder und Teenager hörten, findet nun Eingang in ihre Songs. „Vor allem in den späten Neunzigern wurde viel mit gregorianischen Chören gesampelt“, ergänzt Sänger und Gitarrist James Bagshaw. „Der Kontrast aus Sinnlichkeit und dem harten Regiment der Beats könnte nicht größer sein.“

Mehr Trance als Psychedelia?

Ein Echo davon trägt „Revelations“, der stärkste Moment ihres fünften Albums „Bliss“: ein Stück, das orientalisch anmutende Melodiebögen, wuchtig modulierte Drums und chorale Flächen miteinander verschränkt. Darüber legen sich diese typischen sequenzierten Arpeggios, wie man sie aus dem Trance-Kontext kennt – kurze, aufblitzende Muster, popularisiert durch Faithless, die ihre Tracks damit strukturieren und Momente der Spannung schaffen, bevor sich die Energie wieder entlädt und die Hände nach oben schnellen. Dass sich eine Psychedelic-Rock-Band wie Temples so selbstverständlich auf dieses Klangfeld einlässt, ist alles andere als naheliegend. Ihr neuer Song „Jaguar“ erinnert gar an den Pet-Shop-Boys-Klassiker „DJ Culture“.

James Bagshaw geht sogar noch weiter: „Niemand sonst macht solche Musik wie wir. Und wenn doch, wäre ich der Erste, der sie hören würde.“

Auch das „P“-Wort „Psychedelic“ wäre damit erneut gefallen. Bagshaws Antwort, zugleich konzentriert, leicht amüsiert und auffallend präzise formuliert, lässt erkennen, dass er einen durch viele Gespräche, sicher auch Interviews erprobten Konter parat hat und sich mit dem Begriff „Psychedelic“ nicht wirklich anfreunden will.

„Wir haben immer mit dem Begriff ‚Psychedelia‘ gerungen“, sagt Bagshaw und setzt eine Kunstpause. Dann lächelt er. „Aber warum sollten wir den Leuten erklären, dass ihre Einordnung falsch ist? Psychedelia kann in jedem Genre auftauchen. Trotzdem wird sie fast automatisch in den Sixties verortet – oder eben bei uns.“

Das mutigste Album ihrer Karriere

Ganz unschuldig sind Temples an ihrem Lavalampen-Image allerdings nicht: Bagshaw verfügt über eine Kopfstimme, die an John Lennon erinnert – das Temples-Album „Exotico“ ließ er sogar von Sean Lennon produzieren. Dazu kommen Rickenbacker-Jangle, Schlagzeug mit kathedralem Hall und Songs wie „Meet Your Maker“, „A Question Isn’t Answered“ oder „Prisms“, die sich um bewusstseinserweiternde Erfahrungen drehen.

Ihr Debüt „Sun Structures“ wurde 2014 von Noel Gallagher zum Album des Jahres gekürt und machte Bagshaw als außergewöhnlichen Pop-Songwriter bekannt; mit bereits Ende zwanzig konnte er natürlich aus einem entsprechenden Vorrat an starken Stücken schöpfen.

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Zur eigentlichen Tragik der Band gehört, dass die Aufmerksamkeit mit dem noch ausgereifteren Nachfolger „Volcano“ (2017), eine Sinfonie von Hymnen auf Byrds-Niveau, stark nachließ. In einer Gegenwart, in der Rockbands zunehmend um die Aufmerksamkeit eines jüngeren Publikums ringen, wirkt es beinahe erstaunlich, dass eine Gruppe wie Temples, die im Abstand von leider mindestens drei Jahren neues Material veröffentlicht, noch Bestand hat. „Bliss“, gerade mal 37 Minuten lang, ist ihr mutigstes Werk: Vielleicht zu houselastig für manche Rock-Puristen oder zu vergniedelt für Dancefloor-Jünger.

Für ihre kommende „Bliss“-Tour bleiben Temples ihrem klassischen Setup aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug treu – was bei ihrer zunehmend elektronisch geprägten Musik durchaus zur Herausforderung werden kann. Fest steht auch: Es geht erneut nach China, wo die Band im vergangenen Jahr einen Empfang auf Beatlemania-Niveau erlebte und das zehnjährige Jubiläum von „Sun Structures“ feierte.

Beatlemania in Shanghai

„Bei einer der Shows in Shanghai sind wir nach dem Auftritt noch geblieben und haben ein paar Sachen signiert“, erzählt Thomas Walmsley. „Und wir waren länger dort als wir überhaupt gespielt hatten. Also wirklich, wir haben mit – ich schwöre – praktisch jedem gesprochen, der bei dem Gig war. Es waren bestimmt um die 900 Leute, die Schlange standen, um danach noch zu kommen und zu reden.“

Zwischen Enigma und Shanghai zeigt sich, dass das bei Temples kein Zitat bleibt: Sie ziehen diese Offenheit einfach durch – im Sound und im Umgang mit den Leuten.

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