The Beach Boys – „Pet Sounds“


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Was an „Smile“ so faszinierend ist, macht „Pet Sounds“ so schwierig: Niemand kann dieses Album hören, ohne nicht an den scheinbar unumstrittenen Meisterwerkstatus und all die Geschichten, die dieses Album mit sich herumschleppt, denken zu müssen. Sich der Musik auf „Pet Sounds“ ohne Vorurteil zu nähern, scheint unmöglich. Der Mythos versperrt den Weg, verstellt den Blick, verstopft die Ohren. Vielleicht muss man die Songs aus dem Kontext herausreißen, um zu hören, wie grandios sie wirklich sind: „God Only Knows“, „Caroline No“, „Sloop John B.“, „Wouldn’t It Be Nice“, „Don’t Talk (Put Your Head On My Shoulder)“ – um nur mal die bekanntesten zu nennen.

Als sich Brian Wilson im Dezember 1965 an die Konzeption eines neuen Beach Boys-Albums machte, war die Richtung schon klar. Sein Ziel war es, eine LP zu machen, auf der kein einziger schwacher Song zu finden ist. Sie sollte gar besser sein als „Rubber Soul“ von den Beatles. Eine Phänomenologie der Liebe. Einsamkeit, Sehnsucht, Verlangen, Magie, Vergebung, Zweifel und vor allem Angst sollten dort zu hören sein. Heraus kam vielleicht die poetischste Musik, die von einem Popmusiker jemals erdacht wurde. Tony Asher, eigentlich ein Komponist für Werbejingles, sollte die Wilsonschen Visionen in Worte fassen. „Den allgemeinen Tenor der Texte hat Brian bestimmt, die Wörter habe ich schließlich gewählt“, beschrieb er die Arbeit. Man kann sich gut vorstellen wie diese Musik und diese verqueren Arrangements – voll von Wilsons Lieblingssounds, seinen „Pet Sounds“ – die Worte quasi anzogen. Der später hinzugefügte Gesang hatte nicht mehr die mehrstimmige Wucht früherer Alben, sondern war sehnsüchtiger, kontemplativer und zurückgenommener.

„Pet Sounds“ beginnt zwar noch fast kindlich mit dem Jungen, der daran glaubt, dass die Liebe ewig hält, doch dann ziehen bereits die ersten Zweifel auf, die Vergänglichkeit und die Schuld tauchen am Horizont auf, und plötzlich heißt es nur noch „We could live forever tonight“. Von der sprichwörtlichen Naivität vieler früher Beach Boys-Songs ist in Zeilen wie „Right now you think that she’s perfection/ This time is really an exception/ Well you know I hate to be a downer/ But I’m the guy she left before you found her“ oder „They say I got brains/ But they ain’t doing me no good/ I wish they could“ nicht mehr viel übrig. Am Ende steht ein ergreifender Song über den Verlust der Unschuld: „Break my heart/ I want to go and cry/ It’s so sad to watch a sweet thing die/ Oh, Caroline why.“

John Gedsudksi, der Jurastudent und „Häuptling“ der Jungenbande der „Comanchen“ in J. D. Salingers „The Laughing Man“, erzählte seinen Schützlingen jeden Tag auf dem langen Weg zum Sportplatz, den sie in seinem umgebauten Lieferwagen zurücklegten, die Geschichte vom „Lachenden Mann“. Doch eines Tages, nachdem er die dunkle Seite der Liebe entdeckt hatte, den Verlust und die Angst, ließ er die Erzählung tragisch enden. So hörte auch Brian Wilson nach „Summer Days (And Summer Nights!!)“ jäh auf, seiner Band Songs über Sonne, Strand und Mädchen zu schreiben, und wandte sich ganz der Introspektion zu. Die restlichen Beach Boys, die sich während er an den Stücken für „Pet Sounds“ arbeitete noch auf einer Tournee befanden, kamen im Januar 1966 als fröhliche Surfkapelle ins Studio und verließen es im April als verstörte junge Männer. Sie hatten sich im Angesicht dieser neuen Songs stärker verändert, als es das Leben in dieser kurzen Zeit hätte bewirken können. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder lächeln konnten.

Neulich fragte mich jemand, warum denn „Pet Sounds“ ein so großartiges Album sei. Ich schickte ihm ein Exemplar. Vielleicht hätte ich zur Erklärung ein leeres Blatt Papier dazulegen können.

Capitol, 1966