The Gaslight Anthem: Ein Treffen in der Opium Lounge


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Draußen vor der U-Bahn-Station führt Sherlock Holmes die Pfeife zum Mund. Die Baker Street in London ist gegen 15 Uhr in der Hand ausländischer Touristen. Eine 50-köpfige indische Reisetruppe wartet vor dem Madame-Tussaud’s-VIP-Eingang. Drei Minuten weiter beginnt die Vergangenheit. Jeden Moment könnte Oscar Wilde mit einem Gehstock vorbeistolzieren. Das „Prince Regent“ hätte ihm sicher gefallen. Das ist ein richtig viktorianisch gemütlicher Pub: Dunkle Dielen, laszive Lüster, und der Kellner sieht aus wie ein Hooligan. Der richtige Ort, um sich in London zu betrinken. Eine Treppe führt zur „Opium Lounge“ hinauf, in der The Gaslight Anthem gerade zu Mittag essen. Ein Typ meint, es würde noch zehn Minuten dauern. „Aber die Jungs sind so nett, wirklich!“

Das sind sie. The Gaslight Anthem sind vielleicht die höflichsten Prolls, die es auf der Welt gibt. Die Erbsensuppe steht noch auf dem Tisch, der Löffel liegt benutzt daneben. Gitarrist Alex Rosamilia bietet an, kosten zu dürfen. Obwohl die Amerikaner so gar nicht in das London der Dandys passen, fühlen sie sich irre wohl. Das Guinness schmeckt. Ihre hemdsärmelige Rockmusik hat ja, ähnlich der britischen Dekadenz, etwas anrührend Nostalgisches. Die vierte Platte, „Handwritten“, führt diese Linie fort.

Im Januar 2012 belud das Quartett aus New Jersey „Bob Gnarly“, ihren allerersten Van, und fuhr nach Nashville in ein Studio. Lustigerweise taten die Black Keys von März bis Mai 2011 das Gleiche: auch nach Nashville, auch im allerersten Tour-Van. Scheint vielleicht das neue Ding zu sein. The Gaslight Anthem waren nun alle unter einem Dach. Ein großes Einfamilienhaus wurde für die nächsten fünf Wochen ihre Zentrale. „Wir haben das gemacht, weil wir rund um die Uhr zusammen sein wollten“, erklärt Rosamilia. Erst jetzt bemerkt man den riesigen St.-Pauli-Aufnäher auf seiner Kapuzen-Jacke. Die erste Bundesliga interessiere ihn nicht, genauso wenig wie die Champions League. Aber Pauli: „Das ist mein Verein!“

Das vorige Album, „American Slang“, wurde in New York aufgenommen, Sänger Brian Fallon lebte in Brooklyn, der Rest der Band in Hoboken. „Die Zeit, die wir für den Weg ins Studio brauchten, war verlorene Zeit.“ So saß die Band diesmal in Nash-

ville Nacht für Nacht um den Küchentisch. Fallon spielte Gitarre, Schlagzeuger Benny Horwitz klopfte auf seinen Schenkeln herum, und die Songs wurden größer und lauter.

Fallon betritt jetzt auch die „Opium Lounge“. Schnell nimmt er das Gespräch in die Hand. Rosamilia wird leiser. Klar, jetzt ist der Songwriter da, also vielleicht mal über die Songs sprechen. „Mullholland Drive“ ist so ein typisches Gaslight-Liebeslied, ein typischer amerikanischer Rocksong. Mit einer großen Frage wie „When I would just die, would you ever take your love away?“ und einem Gitarrensolo, das die Antwort rausheult. Letztendlich gibt es nur zwei naheliegende Inspirationsquellen: entweder den Lynch-Film oder das Hockney-Bild. „Hockney who?“ Bei Fallon war es der Film, den er 2011 zum ersten Mal sah. Dieser erinnere ihn an seine Kindheit. Mehr will er nicht sagen.

Richtig konkret werden kann Fallon offenbar nicht. Er redet lieber darüber, dass man immer daran glauben muss, dass Musik ein Leben verändern kann. Wenn man daran nicht glaube, sei man nur eine der vielen Fake-Rock’n’Roll-Bands, von denen es so viele gebe. Namen nennt Fallon auch hier nicht.

Auf „Handwritten“ gibt es nur noch das „I“ und das „You“. Die schönen Geschichten von Mary und Johnny gehören der Vergangenheit an. Warum? „Die Charaktere werden älter. Da ist es doch normal, dass sie irgendwann verschwinden“ – Fallon flüstert das fast. Das mit Verschwinden hört sich unheimlich an. Wieder keine Erklärung.

Dann ist die Zeit vorbei. „It was very great“, sagt Fallon.

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