The Housemartins – „London 0 Hull 4“


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Zwischendurch treten Muppet-ähnliche Handpuppen auf, die den Refrain singen: „Fun, fun, fun!“ Um die Niedlichkeit und das provokativ Hausbackene dieser Band abzubilden, gab es Mitte der achtziger Jahre wohl noch keine andere Ikonographie als den Kinderquatsch. Wenn man heute jemanden als typischen Indie-Popper bezeichnet, wissen die meisten auch so, was gemeint ist (Bübchenköpfe, Tagebuchlyrik, Chorgesang zur Gitarre). Obwohl die Zeitgenossen Smiths und Pixies musikalisch um sieben Meilen wichtiger waren, propagierten die Housemartins die Ästhetik. Die Anoraks, Brillengestelle, Fransenponys haben sie vorgewärmt für andere.

Zum ersten Album „London 0 Hull 4“ gab es 1986 eine Anzeigenkampagne, auf deren Foto ein Mädchen das Band-Motto an eine Wand schrieb. „Take Jesus – Take Marx – Take Hope!“, eine Sammlung aufgeladener Reizwörter, deren Relevanz einem in jeder Zeitungsnotiz eingebläut wurde: Der Witz war, dass die Housemartins es mit dem Christentum einerseits und dem Klassenkampf andererseits sehr ernst meinten. Letzteres war in Großbritannien weniger originell, nachdem selbst der Jahre zuvor bekennende Thatcher-Sympathisant Paul Weller den „Man In The Corner Shop“ besungen und sich Billy Bragg für eine Pro-Labour-Wahlkampftour angeschlossen hatte. Die Housemartins machten da nicht mit, aber ihre Platten kamen über Braggs „Go! Discs“-Label, und schon auf ihrer ersten Single „Flag Day“ (ein untypischer, kontemplativer Song) platzierten sie sich klar: „Too many Florence Nightingales, not enough Robin Hoods.“

„Get Up Off Our Knees“ vom Album war radikaler und gleichzeitig ein Beispiel für den einen Housemartins-Song, der in Varianten immer wiederkam: der Gitarren-Song mit den vier unabänderlichen Rock’n’Roll-Akkorden, im Pogo-Tempo, aber mit quergestreifter Nichttänzer-Attitüde gespielt, der Refrain wie ein gemeinsamer Erntedank-Jungschar-Kanon, während Sänger Paul Heaton in der Strophe bescheiden quäkend anregte, einen Unterdrücker, den man morgen erschießen könne, doch lieber gleich heute zu erlegen. Die selbe Stimme, mit der er anderswo eine friedliebende Kanzelpredigt hielt, mitten im Lied.

Ihre explizit frommen Gospelstücke sangen die Housemartins vierstimmig a capella (der Nummer-eins-Hit „Caravan Of Love“ ist nicht auf dem Album), von ihren Wappenherren Jesus und Marx strahlte ansonsten wenig enge Ideologie in die Songs. Es ist ja schon mal etwas wert, wenn Ungerechtigkeit und soziales Gefälle überhaupt wahrgenommen werden, der Sexismus in der Kneipe („Happy Hour“), die verführerische geistige Bequemlichkeit („Sheep“). Den Ruf als Aufrührer und Anstifter konnten sich die Housemartins natürlich nicht verdienen. Dazu waren die Videos eben zu lustig, dazu hatte die Reizüberflutung Punkrock die Wahrnehmung des Publikums zu sehr konditioniert: Nützt die Wut noch etwas, wenn sie in lammbrave Form gebracht wird? Indie-Pop wurde, abgesehen vom Anti-Corporate-Gedanken, eine der generell unpolitischsten Musikszenen.

Und es ist schwer, „London 0 Hull 4“ heute zu genießen. Paul Heaton singen zu hören, das ist: an Beautiful South denken.

Go! Discs, 1986