The Jimi Hendrix Experience – Are You Experienced?

Um den Meteoritenkrater vermessen zu können, den Hendrix‘ Debütalbum 1967 geschlagen hat, muss man die Uhr zurückdrehen: Rockmusik hieß damals noch Beat, kam aus England und hatte ein paar talentierte Gitarristen hervorgebracht. Hendrix stammte aus Seattle, „Are You Experienced?“ war kein Beat mehr, sondern Rock, Rock und nochmals Rock. Zudem ließ er als Gitarrist artige britische Blues-Kopisten wie Jeff Beck und Eric Clapton – letzterer wurde in Graffitis bekanntlich gar als „Gott“ gepriesen – eher wie Sonntagsschüler aussehen.

Es geht nicht darum, dass Hendrix Solos auch mal mit den Zähnen oder hinter dem Kopf spielte, das waren Show-Gimmicks, mehr nicht. Es geht darum, dass er dem wichtigsten Instrument jener Epoche Klänge entlockte, die ihm niemand zuvor entlockt hatte. Dass er die Rückkopplung sinnvoll einsetzen konnte, dass seine Songs und Solos den engen Rahmen der bisherigen Pop-Harmonik sprengten, dass der authentische Blues nicht sein Ziel war, sondern seine Ausgangsbasis.

Songs wie „Love Or Confusion“, „I Don’t Live Today“, „Third Stone From The Sun“ und der Titeltrack des Albums hatten mit Willie Dixons Zwölftaktern nicht mehr das Geringste zu tun – mit dem, was Ende 1966, Anfang 1967 als populäre Musik galt, allerdings auch nicht. Die Beatles und Beach Boys hatten zwar im Pop-Kontext begriffen, dass man moderne Studiotechniken kreativ einsetzen kann, doch erst Hendrix überführte diese Erkenntnisse in die Rockmusik. Willkommen im Weltraumzeitalter.

Sein vielleicht größtes Verdienst: Er injizierte dem Rock’n’Roll eine bislang ungekannte Funkyness: Stücke wie „Fire“, „Manie Depression“ und selbst der Albumfüller „Remember“ waren rhythmisch aufregender als nahezu alles, was die Popmusik 1967 zu bieten hatte. Und wenn er sich mit „Red House“ dann doch dem Blues zuwandte, klang das nicht epigonenhaft, sondern ziemlich vital: „‚Cos if my baby don’t love me no more, I know her sister will!“

Das Doppelalbum „Electric Ladyland“ wird gemeinhin als Jimi Hendrix‘ großes Meisterwerk gefeiert, all seine Zutaten – und noch dazu eine gewisse Rotzigkeit und Frische, die Debütanten eben auszeichnet – waren aber bereits auf „Are You Experienced?“ zu hören. Die CD-Ausgabe mit dem Zusatz „Plus 6“ enthält als Zugabe die frühen Singles, darunter Hits wie „Hey Joe“ und „Purple Haze“ sowie die grandiose B-Seite „Stone Free“.

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