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The Rolling Stones: Die Magie des ersten Mals

Vielleicht sollte man hier einfach irgendjemanden anquatschen. Und mit ihm eine Band gründen. Vielleicht würde das Glück bringen, an einem so magischen Ort. Aber wen? Die meisten Leute, die an diesem Mittag am Bahnhof von Dartford warten, sehen eher wie Einzelkämpfer aus. Eine kleine Missy Elliott, ein junger Notorious B.I.G., ein sehr dünner Inder im Anzug. Gleis zwei, die Sonne blendet stark, der 12-Uhr-29-Zug nach London, Charing Cross, kommt gleich.

Die schrille Studentin mit Sonnenbrille und iPod – würde Katy-Perry-Musik machen wollen. Der ältere Mann, der hinten auf der Bank sein Wirtschaftsbuch liest – Flöte im Anwaltsorchester. Wenn an diesem Frühjahrstag 2012 in Dartford in der englischen Grafschaft Kent tatsächlich jemand mit einer alten Blues-Platte unter dem Arm am Bahngleis stehen würde – dann wäre das eine genauso große, süße Sensation wie vor 51 Jahren.

Exakt hier soll am Morgen des 17. Oktober 1961, einem Dienstag, der 18-jährige Mick Jagger gewartet haben, auf dem täglichen Weg zur London School Of Economics. Warum auch immer: Er hatte zwei LPs dabei, Chuck Berry, Muddy Waters. Wodurch der 17-jährige Keith Richards auf ihn aufmerksam wurde, der am Gleis zwei denselben Zug nehmen wollte, um zur Kunstschule im Örtchen Sidcup zu kommen. Richards und Jagger kannten sich flüchtig, aber jetzt hatten sie ein Thema. Nur 15 Minuten dauerte das Gespräch, die Strecke bis Sidcup, aber man hatte sich verstanden. Die Kettenreaktion setzte sich in Gang. Der Stein kam ins Rollen.

„Was?“ Die zwei uniformierten Dartford-Bahnwärter sind völlig aus dem Häuschen, als sie erfahren, dass an ihrem Arbeitsplatz praktisch die Rolling Stones gezeugt wurden. „Und da hängen die nicht mal eine Gedenkplakette auf?“, erregt sich der jüngere, bullige mit den schiefen Vorderzähnen. „So ein wichtiges Ereignis! Das ist wieder typisch für unsere Zeit: Es geht nur noch um Geld, Geld, Geld. Nicht mehr um Ideen. Wenn heute so etwas wie die industrielle Revolution käme – die würde ausfallen, aus Mangel an Interesse!“

In der Tat ist der Londoner Bildhauer Anthony Hawken seit knapp zwei Jahren dabei, 150.000 Pfund zu sammeln, um eine Jagger-Richards-Statue vor den Bahnhof zu stellen. Ansonsten werden die alten Helden derzeit ja schon ausreichend geehrt, zum Großjubiläum 2012. 50 Jahre Rolling Stones, ein halbes Jahrhundert nach dem allerersten Konzert der Band, mit Film, Bildband und dreimal so viel inoffiziellem Kram. Am 12. Juli 1962 nämlich – rund neun Monate nach dem Treffen am Bahnhof – spielten Jagger und Richards mit ihrer eigenen Band den ersten Auftritt. Im Marquee-Club in der Londoner Oxford Street, mit Blues- und Rock’n’Roll-Stücken wie „Baby What’s Wrong“ von Jimmy Reed oder „Down The Road Apiece“ von Don Raye, als Vorgruppe des R’n’B-Heulers Long John Baldry. Und weil sie dafür einen Namen brauchten, nannten sie sich The Rollin’ Stones, ohne g. Jagger, 18, Gesang, Richards, 18, und Brian Jones, 20, an den Gitarren, Dick Taylor, 19, am Bass, Ian Stewart, 23, am Piano. Und dann geht es schon los mit den Problemen.

Die einen sagen, an dem Abend habe ein gewisser Mick Avory Schlagzeug gespielt – die anderen, es sei ein ebenso gewisser Tony Chapman gewesen. Es gibt keine Fotos von dem Auftritt, keinen Mitschnitt. Eine hingeschmierte Setlist von Pianist Stewart wird dem Konzert zugerechnet, aber erscheint mit 18 Songs sonderbar lang. Verdammt dünne Faktenlage also für ein derart weltbewegendes Ereignis – natürlich konnte im Juli 1962 keiner ahnen, dass ausgerechnet dieser Abend den glühenden Grundstein für die essenziellen Kapitel der Popgeschichte legte, dass irgendwelche marokkanischen Götter wohl eine Donnerberg-Orgie feierten, in Vorfreude auf kommende Ereignisse. Die Stones im Marquee: erst mal nur ein Intermezzo sympathischer Blues-Babys.

Augenzeugen sind nicht mehr allzu viele da. Dass Jagger und Richards selbst – die natürlich nicht für Auskünfte zu erreichen sind – noch so relativ gut in Schuss sind, liegt vor allem daran, dass sie damals Teenager waren. Brian Jones und Ian Stewart sind tot, ebenso Long John Baldry. Harold Pendleton, der damalige Chef des Marquee, lebt noch, ist aber nicht auskunftsfähig. Als der Filmemacher Günther Kutsch vor einigen Jahren eine Dokumentation über den Club drehen wollte, stellte er erst beim von Ehefrau Pendleton arrangierten Termin fest, dass der Mann kaum noch sprechen konnte. Die 500 Pfund Infohonorar hatte die windige Vermittlerin schon eingestrichen.

Mick Avory ist heute 68, spielt noch Konzerte, als Ex-Kinks-Drummer in der Veteranengruppe Kast Off Kinks. Ein Interview will er aber nicht geben. Über den Webmaster der Homepage lässt er ausrichten, er sei in den frühen Sixties nie Teil der Londonder Rhythm’n’Blues-Szene gewesen, sondern „Anstreicher und Tapezierer, Zimmermann, Deckenkonstrukteur, Formen- und Straßenbauer, der ab und zu bei einem Jazz-Trio im Osterly Hotel mitspielte“. Aber steht nicht sogar in Keith Richards Autobiografie „Life“, dass Avory beim Marquee-Konzert dabei war? Leicht gereizte Replik: Ja, er habe vor über 50 Jahren zweimal mit den Stones geprobt. Aber die Band sei damals auf der Suche nach einem festen Schlagzeuger gewesen, und das wollte er auf keinen Fall sein. Er war ja Bauarbeiter. Was Reales.

Zum Glück geht Ulf Kjellström ans Telefon, 64, Röntgenarzt in Frühpension, lebt in einer kleinen Stadt auf Götland. Und erinnert sich halbwegs gut daran, wie er mit 14 seinen zwei Jahre älteren Brieffreund Chris in London besuchte. Ein geradezu bewusstseinserweiternder Trip war das für den Landjungen aus Schweden. „Eines Tages kam ein älterer Freund von ihm vorbei und fragte: ,Habt ihr Lust, heute Abend eine neue Band zu sehen?’“, erzählt Kjellström. „Chris wollte, also kam ich mit.“ Es war der 12. Juli 1962.

Die Teenager schafften es, sich in den Marquee-Club zu schummeln. Es war voll, sagt Kjellström, er stand hinten, kam sich komisch vor unter den Erwachsenen. Bis die Musik losschlug. „Ich konnte nicht mehr stillhalten. Es war nur: Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus! Sie spielten Kansas City.“ Das erste Stück des ersten Stones-Konzerts, in das der kleine schwedische Elvis-Fan da geraten war. Zufällig. Bei den frühen Stones klingt ja alles nach Zufall. „Es lag etwas ganz Besonderes in der Luft“, sagt Kjellström. „Das Konzert hat mein Leben verändert.“

Drei Jahre später gründete er in Götland seine erste Band. Die Beatles hasste er, die geliebten Stones sah er erst 1970 wieder. Seine berühmte Bootleg-Datenbank „Ulf’s List“ hat er schon längst aus dem Netz gelöscht. Auch mit Brieffreund Chris hat er keinen Kontakt mehr. Als der ihn 1963 in Schweden besuchte, sei er so blöd zu ihm gewesen.

So wie Kjellström stand ganz London Anfang der 60er-Jahre kurz vor dem Erwachen. Die Trümmer des Krieges, wirtschaftlich und städtebaulich, waren großteils endlich weggeräumt, die 1957 von Premierminister Harold Macmillan ausgegebene Parole „Most of our people have never had it so good“ begann auch an der Themse zu wirken. „Die Dinge wandelten sich von SchwarzWeiß und Grau in die volle Farbpalette“, wird Keith Richards im Buch „According To The Rolling Stones“ zitiert, „kein Wehrdienst mehr, dafür aber Rock’n’Roll-Musik.“ Es loderte in den Köpfen, wenn auch noch nicht auf den Straßen oder Bühnen.

Richards, dem Landjungen aus Kent in lila Hemd und Röhrenhose, und dem Lehrersohn Jagger, der sich galant in der Szene bewegte, ging es um den Blues. Keine Geheimwissenschaft, aber ein schwieriges Thema. Man musste sich mit Haarspaltern einlassen, den Profisammlern, die einem vielleicht im Wohnzimmer ihre Schätze vorspielten, aber keine Ahnung hatten, was für Sauereien Jimmy Reed oder Howlin’ Wolf sangen. Die kleinen Jungs kapierten es und lachten für sich. Trauerten den toten Rock’n’Rollern Buddy Holly und Eddie Cochran nach, amüsierten sich über Cliff Richard oder Adam Faith, die braven Briten. Man suchte nach dem wahren Ding.

Es war die Zeit der Glaubenskriege. Die britische Mods-gegen-Rocker-Fehde deutete sich zart an, extremer waren die Kämpfe zwischen Fans von traditionellem und von Modern Jazz, jungen Dixieland- und R’n’B-Freunden. Verblueste Kunststudenten mussten stundenlang das Gedudel von Mr. Acker Bilk ertragen, um anschließend den existenzialistischen Klassenschönheiten unter die schwarzen Rollkragenpullover fassen zu dürfen. Musik solle dem Volk gehören, nicht den Bonzen, argumentierten folkbegeisterte Jung-Marxisten. Amerikanische Blues-Sänger, die Europa nun als dankbares Feld entdeckten, gaben sich ganz besonders rustikal, damit das neue Publikum zufrieden war.

Die nächste Spur ist wieder ein Bahnhof. Ealing Broadway, westliche Endstation der roten Londoner Central-Line-U-Bahn. „Queen of the suburbs“ nennt man Ealing, und wenn man hier abends aussteigt, strömt man mit Scharen von Pendlern rüber in den grünpuscheligen Haven-Green-Park, wo reihenweise die abgestellten Fahrräder warten. Die uralten Beschreibungen, wie man den historischen Ort findet, funktionieren fast noch: nach links Richtung Broadway, dann die schmale, dunkle Treppe hinunter, zwischen Bäckerei und Juwelier. Daraus sind 2012 zwei verschiedene Immobilienmakler-Büros geworden, die rutschigen Stufen sind wohl noch die alten.

Dann steht man unter der stockdunklen Plastikmarkise, vor der schwarzen, toten Tür, die früher zum Ealing Jazz Club führte. Davor eine Pfütze, obwohl es ewig nicht geregnet hat, ein verfaultes Heizungsrohr, rechts brettert hinter einem Holzzaun die U-Bahn vorbei. Sofort versteht man die Berichte: Der 200-Leute-Laden sei ein so feuchtes Schimmelpilzloch gewesen, dass die Bühne mit einem Tuch vor dem Tropfwasser geschützt werden musste.

Und, als hätte die Klage des redlichen Bahnwärters von Dartford gewirkt: Hier hängt eine Gedenktafel. „Alexis Korner & Cyril Davies began British Rhythm & Blues on this site“, steht da, was nicht ganz stimmt. Korner, 15 Jahre älter als Jagger und Richards, Weltenbummler, Gitarrist und Sänger, wandelndes Blues-Lexikon, und Davies, Jahrgang 1932 und Ende der Fünfziger der rüpelhafteste, feuerköpfigste Harmonikaspieler der Stadt, hatten schon seit 1957 regelmäßig den London Blues and Barrelhouse Club abgehalten, in einem Pub in Soho. Auch Muddy Waters und andere Helden sollen hier gastiert haben, bis dem Wirt die Sache zu laut wurde. Draußen in Ealing konnte man ungestört Radau machen. Immer samstags, alle kamen hin, und am Ende kam hier auch alles zusammen.

Hier erlebten Jagger und Richards im April 1962 den jungen Gitarristen Elmo Lewis, echter Name Brian Jones, der wegen der Musik aus Cheltenham hergezogen war. Hier schlotterten Richards die Knie, wenn Alexis Korner ihm beim Auftritt seiner Blues Incorporated zurief, ob er mal kurz die Gitarre übernehmen könne, während er pinkeln ginge. Hier merkten die kleinen, hungrigen Jungs, wie ihre Lust am Rock’n’Roll von den eigentlich doch gleichgesinnten Herren verachtet wurde. In Ealing ging man mit Pullunder und Krawatte auf die Bühne.

„Alexis hat öfters getauscht: Man bekam am Samstagmorgen ein Telegramm: ,Kannst du mich heute Abend in Ealing vertreten? Ich schaffe es nicht!’“, erzählt Geoff Bradford. „Er hatte dann irgendwo einen anderen Auftritt, mit einer seiner zwei, drei Bands.“ Zwischen den Familienfotos und Strohpuppen in Bradfords Wohnzimmer im Londoner Norden deutet kein Erinnerungsstück darauf hin, dass er Anfang der Sechziger einer der begehrtesten Blues-Gitarristen der Stadt war. Fürs Interview hat Bradford, 78, mager und graubärtig, ein paar alte Fotos herausgekramt: beim Skiffle-Spielen mit den Marine-Kameraden, mit Schmalzlocke auf der Marquee-Bühne, hinten Long John Baldry, links das berühmte Leopardenfell-Schlagzeug von Carlo Little, einem weiteren Mitglied der großen, losen Familie um Korner und Davies.

1960 musste er schon Frau und Kind ernähren, als Schilderdrucker, sagt Bradford. Zwei Pfund Gage pro Gig waren ein lustiges Trinkgeld, aber daran, ein Profi zu werden, hätte er nicht im Traum gedacht. Mit nostalgischem Schauer erinnert er sich, wie er nachts nach den Ealing-Shows immer an der Straße stand, um per Anhalter zurück nach Islington zu kommen: mit dem Gitarrenverstärker, weshalb nur LKWs infrage kamen. Bradford liebte den traditionellen Folk- und Countryblues, und als ihn im Frühjahr 1962 der acht Jahre jüngere Brian Jones fragte, ob er in seiner Band mitspielen wolle, ging er aus Neugier hin. Treffpunkt war der Pub Bricklayers Arms in Soho, mit dem Pianisten Ian Stewart verstand er sich bestens, es swingte. Bis Keith Richards auftauchte.

„Da änderte sich alles“, erzählt Bradford, und bei dem Thema wird der ruhige Mann noch heute ganz aufgebracht. „Da fingen sie plötzlich an, Zeug von Chuck Berry zu spielen. Darauf hatte ich absolut keine Lust. Das war nicht abgemacht.“ Für die Ealing-Leute war Rock’n’Roll, bei allem Respekt, marktschreierische Tanzmusik. Und sie schienen schon zu spüren, wie sich der Wind drehte.

„In einigen Büchern steht, Keith und ich hätten uns deshalb geprügelt. Das stimmt nicht“, sagt Bradford. Nach ein paar Proben sei er einfach nicht mehr hingegangen, habe eine eigene Bluesband gegründet. Ob er den ersten Auftritt seiner Ex-Gruppe gesehen habe, im Marquee am 12. Juli 1962? Nein. „Wenn diese Rhythm’n’Blues-Welle für irgendetwas gut war, dann vor allem dafür, dass sie den amerikanischen Künstlern eine Erwerbsgrundlage gab“, sagt Bradford, der Fast-Stones-Gitarrist. „Das meiste, was die Briten beigesteuert haben, war ja nicht so besonders.“ Als im März 2012 die Gedenkplakette am Ealing Club enthüllt wurde, bekam Geoff Bradford eine Einladung. Er ging nicht hin.

Man müsste sich einen Presslufthammer kaufen, in die Filiale der Santander Bank in der Oxford Street gehen (Hausnummer 165, Ecke Poland Street) und dort geduldig ein sehr tiefes Loch ausmörsern, um heute den Ort des ersten Stones-Konzerts zu betreten. Der Marquee-Club, Harold Pendletons Jazzkeller für 800 Leute, befand sich bis März 1964 hier, unter dem Academy Cinema. Musste dann einem neuen Filmsaal Platz machen, ein paar Ecken weiter in die Wardour Street umziehen. Das Kino verschwand 1986, 2008 auch der Marquee, nach vier weiteren Umzügen.

Im Jahr 2012 ist von der früheren Pop-Glorie des Shopping-, Restaurant- und Musical-Stadtteils Soho wirklich gar nichts mehr übrig – erst recht, seit der Umbau des U-Bahnhofs Tottenham Court Road begann und auch noch Konzerthallen wie das Astoria weg mussten, die Mietwucher und Beschwerden getrotzt hatten. Nur noch der 100 Club ist übrig, dessen schmutzig-rote Markise zwischen einem Dessous-Geschäft und einem Video-Game-Kaufhaus klemmt. Der kleine Club sieht krank aus.

„Es klingt vielleicht gefühllos, aber jede große Stadt muss im Jetzt leben“, sagt Dave Swindells, der über 20 Jahre lang Nightlife-Redakteur des Stadtmagazins „Time Out“ war. „Dinge ändern sich nun mal, der Weg allen Fleisches. Nur wenn hier nichts Aufregendes mehr passieren würde, müssten wir besorgt sein.“ Das Live-Geschehen hat sich zuletzt eben in die östlichen Stadtteile verlagert, im Moment geht es weiter Richtung Brixton, Peckham. Dass die Londoner Innenstadt heute praktisch tot für neue Musik ist, findet der Experte trotzdem gruselig. „Orte, an denen Menschen interagieren können, braucht man überall.“

Und genau das ist eine der größten Stärken dieser alten Stones-Geschichte: dass sie uns noch einmal zeigt, welche großartigen chemischen Reaktionen in echten Szenen passieren. Auch wenn sie so heterogen sind wie diese sonderbare Würfeltruppe aus Musikpuristen, trommelnden Bauarbeitern und jungen Querulanten. Denn die Rolling Stones waren alles andere als ein Zufall. In diesem Fruchtklima wären sie so oder so irgendwann entstanden. Weil sie gebraucht wurden, für die Zeitenwende. Um die Blues-Besserwisser nachhaltig abzuschrecken, die geliebten, verhassten Väter. Um den Mädchen zu zeigen, dass die Knautschgesichter Willie Dixon und Muddy Waters zum Ausflippen sexy waren, wenn ihre Songs von hübschen Jungs gesungen wurden.

Letzte Station. Der Konzertclub 229, neben dem Regent’s Park, also tatsächlich: Innenstadt. Mod- und Soulbands spielen hier, und wenn man die weniger berühmte Treppe hinabsteigt, kann man im Saal den Aufbau für das Sixties-Event des Abends beobachten, The Crazy World Of Arthur Brown und auch The Pretty Things. Dick Taylor ist schon da, 69, weißhaarig und weise, Typ alter Erdkundelehrer, seit 49 Jahren Gitarrist der Pretty Things. Der Mann, der uns endlich erzählen kann, was wirklich geschehen ist am mysteriösen 12. Juli 1962. Weil er da mit den Rollin’ Stones auf der Bühne stand, als Bassist.

„Was ich noch genau weiß: Der Auftritt war schon für ein paar Wochen vorher angesetzt worden, wurde aber kurzfristig verschoben“, erzählt Taylor, der sich fotorealistisch zu erinnern scheint. „Obwohl ich schon perfekt vorbereitet war. Oder unvorbereitet.“ Wie denn? Er macht eine Schnupfgeste, mit dem Finger unter der Nase. „Man wollte doch fit sein.“

Donnerstagabends im Marquee wäre eigentlich die wöchentliche R’n’B-Stunde mit Alexis Korner gewesen. Allerdings hatte der eine Einladung bekommen, am 12. Juli mit Band bei einer BBC-Session mitzuspielen. Und brauchte jemanden, der ihn in der Oxford Street loyal vertrat – sonst wäre das Engagement womöglich dauerhaft an eine andere Gruppe gefallen. Ideal, um seinem damaligen Hilfssänger Jagger eine Chance zu geben: Der hatte doch seine eigene kleine Band! Das Hauptprogramm sollte Long John Baldry spielen, der sich dafür erst eine Gruppe zusammenstellen musste.

„Baldry hatte keinen Bassisten gefunden, deshalb durfte ich bei ihm gleich auch noch mitspielen!“, erzählt Taylor. „Aber mein Herz hing natürlich an unserem Auftritt.“ Mit Mick Jagger hatte er schon seit Schulzeiten geprobt, dann die Vereinigung mit der Bluesfraktion Brian Jones und Ian Stewart im Pub in Soho, jetzt das erste Konzert – gleich im Marquee. „Das Besondere war, wie glänzend wir uns damals alle verstanden. Brian wurde manchmal etwas panisch, weil er sich fragte, was aus uns werden sollte. Aber kein Vergleich zu späteren Tobsuchtsanfällen.“

Jagger holte alle ab, im Auto seines Vaters. Die 18 Songs auf der apokryphen Setlist – schon möglich, meint Taylor: Vielleicht habe Baldry sie gebeten, möglichst lange zu spielen, weil er selbst nichts hatte. Fünf Pfund Gage könnte es gegeben haben, die steckte wohl Bandleader Jones treuhänderisch ein. Aber das weiß Dick Taylor noch genau: Der Auftritt lief phänomenal. „Nur der Putzmann meinte hinterher, wir sollten uns unbedingt andere Berufe suchen.“

Und auch die letzte, wirklich allerletzte Frage muss jetzt beantworten werden, ein für alle Mal. Wer saß beim allerersten Auftritt der Rolling Stones am Schlagzeug?

„Da bin ich mir zu hundert Prozent sicher“, sagt Taylor. „Es war Charlie Watts. Alex Korner brauchte ihn an dem Abend nicht bei der BBC. Tony Chapman, unser offizieller Drummer, war ja nie da.“

Ein historischer Schock. Charlie Watts, damals Grafikdesigner und geliebter Sessionmusiker, der im Januar 1963 die Rolling Stones, wie wir sie kennen, komplett machen sollte – war er es, der schon die allererste Show spielte? Wurde es vertuscht? Sollten wir es nie erfahren? Nach intensiver Recherche teilt uns der deutsche Stones-Experte Nico Zentgraf mit, es gebe offenbar einen Mitschnitt von Korners besagter BBC-Session, auf dem Watts im Interview zu hören ist. Er war also dort, nicht im Marquee. US-Stonesologe James Karnbach lässt ausrichten, Chapman habe ihm vor Jahrzehnten selbst erzählt, er habe getrommelt. Charlie Watts’ Büro nimmt die Nachfrage freundlich entgegen, aber antwortet nicht. Tony Chapman ist im Jahr 2012 unauffindbar.

Dabei muss, im Nachhinein, alles so einfach gewesen sein. Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus. Soho in den Hintern treten. Mal eben den Jumpin’ Jack Flash machen und die Welt neu erfinden. Was immer der Putzmann sagt, es muss eine der größten Shows aller Zeiten gewesen sein. Weil am nächsten Morgen alle anderen wussten, dass sie von gestern waren. Der erste schüchterne Schwung, den Swinging London machte. Wer die Augen kurz schließt, der spürt die heftige, dunkelblaue Druckwelle noch immer.

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