Thundercat ist genauso „Distracted“ wie wir alle

Auf seinem neuen Album verarbeitet Thundercat Trauer, modernes Dating und digitale Reizüberflutung.

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Es mag ein kleiner Trost sein. Selbst Thundercat fällt es dieser Tage schwer, sich zu konzentrieren. Sein fünftes Studioalbum, treffend betitelt „Distracted“ und sein erstes seit „It Is What It Is“ aus dem Jahr 2020, schöpft seine Inspiration aus dem nicht enden wollenden Informationsbeschuss, den wir heute modernes Leben nennen. Wobei er sorgfältig darauf achtet, nicht in Verzweiflung oder, schlimmer noch, Pessimismus zu versinken. Stattdessen werden Ablenkungen zur Inspirationsquelle, zu einem beinahe notwendigen Balsam, um sich durch jeden Tag zu manövrieren. „Ein Kind, das Angst vor Spritzen hat, geht zum Arzt, und der wedelt mit irgendwas vor seinem Gesicht und gibt ihm dann die Spritze. Manchmal kann Ablenkung gut sein“, sagt er.

Bei einem kürzlichen Besuch im New Yorker Büro des ROLLING STONE trägt er ein eklektisches Sammelsurium an Schmuck. Von mittelalterlich anmutenden Ringen bis hin zu einem Brustpanzer direkt aus „Game of Thrones“. „Manchmal braucht man eine Rüstung“, witzelt er. Schutz ist ein weiteres Thema von „Distracted“, einem Album, das sich ebenso mit dem modernen Zustand beschäftigt wie mit Verlust und Trauer – Themen, die im Hintergrund von Thundercats Musik schon lange mitschwingen. Sein letztes Projekt, das ihm einen Grammy für das beste Progressive-R&B-Album einbrachte, kreiste intensiv um den Tod seines Freundes Mac Miller, dessen Vers bereits früh auf „Distracted“ auftaucht.

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Das neue Album entstand, während Thundercat – bürgerlich Stephen Bruner, aufgewachsen in Los Angeles – den Verlust einer weiteren kreativen Weggefährtin und Freundin verarbeitete: der Musikmanagerin und Konzertproduzentin Meghan Stabile, der er auf „Candlelight“ direkt ein Denkmal setzt. „Sie war ein Kerzenlicht“, sagt er. „Und das Leben hat eine merkwürdige Art, die Dinge kompliziert zu machen – sie war so etwas wie ein Licht für mich und meine Familie.“

Es ist eine bewegende Hommage: Seine federleichte Stimme gleitet mühelos über die vielschichtige Instrumentierung von Produzent und Multi-Instrumentalist Greg Kurstin, der virtuosen Jazzpianistin DOMi Louna und dem außergewöhnlichen Schlagzeuger JD Beck, die gemeinsam das Grammy-nominierte Jazzduo DOMi & JD Beck bilden. „Es ist ein Zusammenspiel zwischen mir, Greg Kurstin, JD und Domi“, erklärt Thundercat. „Wenn man Musikalität hat, ist das eine eigene Sprache. Es war wirklich wunderschön, diesen Song zu entwickeln.“ Thundercat ist sich inzwischen bewusst, wie sehr Trauer über so vielen seiner Veröffentlichungen hängt – doch er deutet das nicht als Düsternis, sondern als eine Art Zen-Akzeptanz. Trauer ist für ihn weniger etwas, das man durchmacht, als vielmehr eine Grundbedingung des Lebens. „Es ist so: Man hört nie auf zu lernen, man wird mit der Zeit besser in den Dingen“, sagt er. „Aber ja, zwischen dem letzten Album und diesem hier war einiges zu verarbeiten.“

Kaleidoskopische Klangwelt

Klanglich knüpft „Distracted“ nahtlos an „It Is What It Is“ an – eine kaleidoskopische, frei fließende, jazzgetränkte Reise durch ein breites Spektrum musikalischer Instinkte. Die Abenteuerlust des Albums spiegelt die Themen wider, um die es kreist, während Thundercat seine eigene Form kreativer Rastlosigkeit beschreibt. „Die Art, wie ich gelernt habe, mit mir selbst klarzukommen, war, dass immer mehrere Dinge gleichzeitig passieren mussten“, sagt er. „Sogar das Üben an meinem Instrument musste für mich in gewissem Maße unbewusst ablaufen. Also weiß ich nicht – irgendwo dazwischen ist die Ablenkung manchmal das Schlimmste oder das Beste, was passieren kann.“

Ein klassisches Songwriting-Handwerk zieht sich durch das Album. Tracks wie „What Is Left to Say“ haben die Vintage-Melodie eines Liebessongs aus der Brat-Pack-Ära – als würde Sinatra über Situationships croonen, was er auf seine Weise vielleicht tatsächlich tat. „Distracted“ gelingt eine aufregende Zeitverschmelzung: Die Songs haben eine vertraute Abstammung in der Popmusikgeschichte – funkgeprägte Basslinien schwingen sich in R&B-Rhythmen und Power-Ballad-Synthies.

Thundercat - Distracted

Dazu gesellt sich eine handverlesene Riege von Features in Thundercats Welt. Lil Yachty ist auf „I Did This To Myself“ dabei und knüpft an seinen Indie-Ausflug auf „Let’s Start Here“ an. Kevin Parker von Tame Impala, der Yachtys psychedelischen Rockmoment mitgeprägt hat, taucht auf „No More Lies“ auf – ein Song, der laut Thundercat das Ergebnis jahrelanger gegenseitiger Bewunderung ist.

„Wir hatten uns Jahre zuvor bei den Grammys kennengelernt, aber wenn man sich das Foto von uns ansieht, sehen wir bescheuert aus. Er hat seine Brille auf. Ich hab meine Brille auf. [Flying] Lotus hat seine Brille auf. Wir alle so: ‚Oh Gott.‘ Als hätte man uns aus einer Höhle gezogen“, erinnert er sich. „Ich liebe alles, was die machen. Schon immer. Ich glaube, er war in gewisser Weise vielleicht überrascht, wie gut es funktioniert hat. Aber ich sage immer: Nichts ersetzt die gemeinsame Sprache. Und wenn man auch nur ein bisschen davon hat, funktioniert es einfach.“

Mac Millers posthumer Vers

Ein bislang unveröffentlichter Vers von Mac Miller taucht auf „She Knows Too Much“ auf, einem beschwingt-luftigen Track, der die Grenze zwischen Verletzlichkeit und toxischem Männer-Angst-Gehabe geschickt abschreitet. „Wir wussten nie, wo es hinführen würde“, sagt Thundercat über den posthumen Beitrag. „Er hatte Orte, die er berühren wollte, und er war darauf vorbereitet. Und bei diesem Song war das für uns so etwas wie Kanon. Es war so: ‚Da kommen wir nochmal hin.’“

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Der Song greift die Perspektive des Albums auf modernes Beziehungsleben auf, das viele als reinste Hölle empfinden. Eine besondere Angst grassiert unter jungen Männern. Von manchen wird sie als „Male Loneliness Epidemic“ bezeichnet. Es die Vorstellung, dass es Männern schwerer fällt als früheren Generationen, eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Thundercat begegnet dieser Misere mit seinem charakteristischen Humor. „Ich hab das Gefühl, dass an jedem Punkt einfach alle wollen, dass jeder Typ ins Meer läuft, irgendeinen lauten Kriegsschrei rausbrüllt und dann Laser in den Himmel feuert“, sagt er, vielleicht halb im Scherz. „Und sich dann umbringt, von einer Klippe springt. So fühlt sich gerade alles an.“

Technologie hängt über dem Album wie eine Dauerwolke. Wie eine ständige Quelle der titelgebenden Zerstreuung und eine Art existenzielle Bedrohung für echte Verbindung. „Das Internet erzeugt die Illusion von Möglichkeiten. Es gibt Apps, und dann findet man seinen Freund oder seine Freundin über die App – es ist schwer, sich durchzuwühlen. Es ist kompliziert, aber das ist unser Problem, mit dem wir umgehen müssen.“

Ein Album für unsere Zeit

Thundercats letztes Album erschien just in dem Moment, als eine globale Pandemie die Gesellschaft auf den Kopf stellte – und sein neues „folgt dem Wahnsinn auf dem Fuß“, wie er sagt. Entsprechend fühlt sich „Distracted“ wie ein Zeitdokument an, in einer Welt, die so ausgebrannt wie online ist, endlos am Scrollen, aber selten wirklich präsent. „Die wichtigste Botschaft des Albums? Manchmal ist es okay, abgelenkt zu sein. Aber in den meisten Situationen eben nicht“, sagt Thundercat. „Ich glaube, wir können alle ehrlich sein: Wir sind gerade alle irgendwie abgelenkt, und wir versuchen, es nicht zu sein – aber manchmal braucht man diese kleine Auszeit.“

Ninja Tune

Jeff Ihaza schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil