Tocotronic: Die neue Dandy-Nummer

Daß Tocotronic nicht mehr über Imbißbuden singen, wissen wir langsam - die Brillanz, mit der sie nun ihren Elfenbein-Pop spielen, verdattert trotzdem. München, Tonhalle.

Das mit weitem Abstand beste Tocotronic-Konzert, das ich je gesehen habe. Das erste mit echtem Zauber, gewaltigem Donnern und Sirren, das erste, in dem die Spargeltarzane eine illusionäre Kraft hatten, die man sicher nicht jeden Abend haben will, aber bestimmt an einem Abend in einer großen, vollen, pastellig beleuchteten Halle. Mit der letzten Platte „Pure Vernunft darf niemals siegen “ haben Tocotronic Pathos und Eskapismus angekündigt, hier ist das alles.

Zu der Zeit, die heute als die Trainingsjacken-Phase gilt, wurden die Tourneen vom Publikum vor allem genutzt, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, daß es diese tollen Typen wirklich gibt. Tocotronic, dem Molotow-Keller kaum entwachsen, waren überfordert. Ein paar alte Stücke wie „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ oder „Drei Schritte vom Abgrund entfernt“ spielen sie noch immer, die nostalgischsten und schwächsten Momente. Die Band hat zwischendurch ja eine universitäre Laufbahn simuliert, ist bei der zweiten Stufe der Abstraktion angelangt, und selbst wenn das nur ein Tick des Dandys Dirk von Lowtzow sein sollte: Es hat auch der Musik gutgetan. So wie heute die Bedeutungen in seinen Texten fließen, so Lava-artig und wolkengleich schimmern und strömen die Gitarrenakkorde.

„Und alles muß mit allem verbunden sein“, sagt Lowtzow an, schlau genug, um zu wissen, daß man romantischen Blütenstaub und esoterische Zitate aus Zombie-Filmen in einer Konzerthalle schrullig finden muß. Den Mut, mit dem Tocotronic ihren neuen Elfenbeinturm-Pop einer Masse präsenderen, die sie vielleicht schlimmer mißversteht als früher, hat man bei dieser Band noch nie gesehen. Lowtzows letzte Worte am Ende: „Gott segne euch!“ Wenn einer das so freundlich sagt, passiert es auch.

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