Tocotronic live in Berlin: Symbolismus, Pogo-Rausch und schmachtende Gesten

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Tocotronic live in Berlin: Symbolismus, Pogo-Rausch und schmachtende Gesten

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Auf den Kreuzberger Straßen begeht man zum 13. Mal das „Myfest“. Während draußen einige Tausend Menschen ihr Zeichen gegen Rassismus setzen und bei herrlichstem Wetter den Tag der Arbeit als Anlass zur friedlichen Übereinkunft nutzen, stehen Tocotronic an diesem symbolträchtigen Datum des 1. Mai 2015 im SO36 auf der Bühne. Und haben Songs ihres neuen Werks dabei.

Ob es auch an dem Datum und der politischen Aufladung in den umliegenden Straßenzügen liegt, dass die Stücke vom antikapitalistischen Manifest „Kapitulation“ (2006) besonders gut funktionieren?  Es scheint, als träfen die Aussagen direkt in das Berliner Herz: So ekstatisch hat man das Publikum bei einem Konzert von Tocotronic aus der späteren Phase selten erlebt. Nach anfänglicher Zurückhaltung steigert sich die Hörerschaft in einen Pogo-Rausch.

Zucker und Mut zur Einfachheit

Der Abend nimmt seinen Anfang mit zwei neuen Stücken der neuen Platte: „Prolog“ und „Ich öffne mich“. Ersteres wird dem immer wieder geäußerten Anspruch von Lowtzows,  die Sprache sprechen zu lassen und als Autor in den Hintergrund zu treten (nach Roland Barthes) am ehesten gerecht. „Ich öffne mich“ gerät durch fehlende Marimba und Chöre indifferent. Das gilt auch in Teilen für die restlichen Stücke des „Roten  Albums“ –  lediglich das mit reichlich Feedback und Noise-Elementen unterlegte, an Neil Young erinnernde „Jungfernfahrt“ gelingt vollends überzeugend.  Es ist eben vieles anders auf der neuen Studio-Platte – wohl auch ein Grund, weshalb sie umstritten ist: Es ist ein Werk, das sich sich ganz dem Pop öffnet, sich textlich auf das Wesentliche beschränkt und somit auch leichter dechiffrierbar scheint als die vergangenen Alben. Eins und Eins ist wieder da, gewissermaßen – und der Diskurs-Rock vorerst ad acta gelegt.

Was auffällt: Dadurch, dass die neuen Songs auf Sanftheit und wenig elektrische Gitarren setzen, haben sie zwar eine angenehme New-Wave-, mitunter auch Folk-Ästhetik – die Stahlkraft von beispielsweise „Aber hier leben nein, danke“ erreichen sie aber nicht. jedenfalls nicht im Konzert. Denn die erstmals von dem jungen Österreicher Markus Ganter beigesteuerten, sehr schicken Produktions-Gimmicks hört man heute Abend (verständlicherweise) nicht. Zeilen wie „Du bist aus Zucker, du bist zart, du schmilzt dahin, du wirst nicht hart“ können als wunderschönes Liebesbekenntnis gelesen werden, aber man muss schon ein Faible für diese Form der romantischen Geste haben, um das gut zu finden.

Doch letztlich ist es die Formstrenge und die Direktheit in einigen der neuen Texte, die Tocotronic in Teilen wieder ganz nah an ihre Hörerschaft heran lassen – wenn auch das explizit Politische und Parolenhafte gänzlich fehlen. Ob intendiert oder nicht: Letztlich ein mutiger und wichtiger Schritt – befreit es die Band doch von dem Ruf nach akademischer Erklärung.

Verlässliche Rituale und Raritäten

Nach dem Auftakt folgt das selten gespielte „Du bist ganz schön bedient“ aus dem zweiten Kurz-Album „Nach der verlorenen Zeit“ (1996) und mit „Samstag ist Selbstmord“ vom Debüt „Digital ist besser“ (1995)  eine weitere Live-Rarirität. Ansonsten werden viele bekannte Songs gespielt, darunter Stücke, wie „Hi Freaks“ und „Mein Ruin“, die zum Klassiker-Repertoire eines jeden Tocotronic-Konzerts zählen. Auch einer der schönsten Songs im Œuvre der Musiker wird gespielt:  „Die Grenzen des guten Geschmacks 2“ von „K.O.O.K“ – samt perlenden Pavement-Referenzen. In solchen Augenblicken fällt auf, wie wichtig Gitarrist Rick McPhail, der im Zuge der Aufnahmen zum „Weißen Album“(2002) zur Band stieß, geworden ist.

Auch wird an diesem Abend im SO36 deutlich, dass die Auftritte der mittlerweile zu ¾ in Berlin verhafteten Künstler (lediglich Rick McPhail verweilt immer noch n Hamburg) immer mehr institutionellen Charakter haben. So sind einige Momente verlässlich redundant: die ständigen Verbeugungen, die technoiden Lichtspiele bei „Macht es nicht selbst“, die Band-Vorstellung und der postmoderne Theatmermoment im Outro von „Freiburg“. Diesmal rückt Dirk von Lowtzow besonders nah an das Publikum heran und skandiert „Music is the healing force of the universe“- eine Zeile, die dem Titel des gleichnamigen Werks von 1969 des Jazz-Saxofonisten Albert Ayler entlehnt ist. Dazu Nebel und Feedback-Rauschen. Die Gesichtszüge des Sängers entspannen sich zusehends, mit ausgebreiteten Armen ruft er immer wieder: „Vielen herzlichen Dank!“

Es gibt einen Moment bei diesem in der Summe wieder wunderbaren Konzert von Tocotronic, der sehr anrührt. Im letzten Drittel des Auftritts ergreift der nicht für große Gesten und Worte bekannte Bassist Jan Müller das Wort. Er bittet dezent um Ruhe und sagt: „Für viele Menschen mögen die Seychellen oder die Malediven Sehnsuchtsorte sein. Für mich ist es das SO36. Hier wurde ich musikalisch sozialisiert, als ich 1979 der Punk-Band Suicide bei einem Konzert beiwohnen durfte.“ Ein angenehm unprätentiöser und authentischer Augenblick.

Mit der letzten Zugabe, „Kapitulation“, entlassen uns Tocotronic in die Nacht. Damit wird Platz gemacht für ein weiteres Ritual: Aus den Saalboxen ertönt das Chanson „Die großen weißen Vögel“ von Ingrid Caven aus ihrem Werk „Der Abendstern“ (1979) – seit 2007 finaler Zusatz bei jedem Tocotronic-Konzert.


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