Tom Morello im Interview zum Release „World Wide Rebel Songs“


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Der amerikanische ROLLING STONE wählte Tom Morello zu einem der 100 besten Gitarristen aller Zeiten. Ja, die Amis lieben ihn. Zurecht, kann man da sagen, da die Geräusche, die er seinem Sechssaiter entlockt – nicht unbedingt Melodien oder harmonische Akkordfolgen – wahrlich erstaunliche Dinge in menschlichen Gehörgängen anstellen können.

Und Amerikaner mit ihrer Western-Mentalität hatten ja schon immer eine Schwäche für den „lonesome cowboy„, den Underdog: Bob Dylan und Bruce Springsteen sind nur zwei der musikalischen Helden der Nation, die sich ihren Status erarbeiten mussten. Dass Tom Morello nun wiederholt versucht, in diese Riege aufgenommen zu werden und wieder einmal Protestfolk spielt, lässt die Herzen so mancher nostalgischer Patrioten höher schlagen. Kein Wunder also, dass in den USA Morellos Soloplatten als The Nightwatchman in den höchsten Tönen gelobt werden.

Wir sind da skeptischer: Mag es an der deutschen Beamtenmentalität liegen („Ein Protestsänger? Wir sind doch nicht mehr in den 70er-Jahren!“) oder einfach an der Verbohrtheit, dass man einem Metal-Gitarristen keinen vernünftigen Folk zutraut – das am heutigen 02. September erschienene Morello-Solo-Album „World Wide Rebel Songs“ wird mit spitzen Fingern in die Stereoanlage gelegt.

Morello verwendet auf seiner Platte die Elemente, die Dylan, Guthrie, Ochs – im Prinzip alle großartigen Barden – auch in ihre Musik eingebaut haben. Akustische Gitarren? Selbstverständlich. Klavier? Was für eine Frage! Mundharmonika? Selbstredend. Noch dazu imitiert Morello zum Teil den Dylan’schen Sprechgesang – auch ein Pluspunkt.

Doch wenn man von bestimmten Zutaten zu viel verwendet, kann man ein Gericht eben auch versauen. Zu Folkrock passen keine – zwar technisch einwandfreien – eskalierenden Gitarrensolos. Und um als Protestalbum durchzugehen reicht es eben nicht, zu Beginn eines Songs ein paar Kanönchen knallen zu lassen wie in „The Fifth Horseman Of The Apocalypse“. Morello erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa sein Album recht anmaßend zum „Soundtrack der derzeitigen Aufständen in Europa und Nordafrika“. Aber dazu klingt es zu clean, zu produziert, zu durchdacht, zu gewollt. Schlichtweg zu viel des Guten.

Seine guten Vorsätze und Taten in allen Ehren, scheint es eher als wolle sich Morello als Rebellen-Prototyp des 21. Jahrhunderts inszenieren. Auf dem Cover-Artwork sieht man ihn in Commandante-Pose mit einem lichterloh blitzenden Maschinengewehr in den Händen und einem Guerillia-Babe zu seinen Füßen. So ein Bild ist, selbst als Scherz, nicht wirklich witzig und macht aus einem Menschen, der sich mit wohltätiger Arbeit auch tatsächlich für eine bessere Welt engagiert, eine Karikatur seiner selbst. Traurig.

Dabei kann man wirklich nicht sagen, dass Morello kein interessanter Mensch ist. Eine ungewöhnliche Karriere hat er definitiv hinter sich: An der Ivy-League Uni Harvard schloss er ein Studium der Politikwissenschaften ab, spielte – unter anderem mit Tool-Gitarristen Adam Jones – in der Band Electric Sheep und bei diversen anderen Projekten, bevor er mit Zack de la Rocha Rage Against The Machine gründete. Mit seinen Kollegen lieferte er wütende und zugleich kommerziell höchst erfolgreiche Hymnen gegen das System, spielte sich so in die Herzen frustrierter Teens und lieferte vielen den Soundrack zur Revolte und der Autorin den bevorzugten Soundtrack zum Wohnungsputz. Nach dem Ausstieg von de la Rocha spielte er mit den restlichen Rage-Mitgliedern und Soundgardens Chris Cornell in der Band Audioslave semi-harten Cop-Rock und begann nebenbei seinen Solo-Projekt The Nightwatchman – der Nachtwächter.

Erzähl doch etwas von deinem ersten Gig als „The Nightwatchman“.

Es war 2001 in der San Fernando Valley bei einer Open-Mike-Night in einem düsteren Café. Ich habe mich als „The Nightwatchman“ angemeldet, zum Teil, damit die anwesenden Möchtegern-Akustik-Barden sich nicht den Song „Bulls on Parade“ von mir wünschen würden. So hab ich dann – ziemlich nervös – zwei Songs gespielt. Es war ein bisschen angsteinflößend, aber ich habe gemerkt, dass es gut angekommen ist.

Es wirkt, als ob du wirklich gerne im Namen der Gerechtigkeit Konzerte gibst.

Ich habe auf hunderten von 18-Tonnern für Kundgebungen von Gewerkschaften oder Immigranten gespielt. In Wisconsin habe ich ein Konzert vor 100.000 Menschen gegen das Anti-Gewerkschafts-Gesetz des Gouvaneurs Scott Walker gegeben und es war ein klirrend kalter Tag. Ich mag es, dazu in der Lage zu sein, eine akustische Gitarre aufzuheben und dort hin zu gehen, wohin mich die Pflicht ruft.

Das Solo am Schluss deines neuen Songs „Speak and Make Lightning“ ist eines der besten, die du je geschrieben hast. Stimmst du dem zu?

Dieser Song ist ein Punk-Gospel-Jam. Eigentlich sollte es ein Mundharmonika-Solo werden, aber dann dachte ich mir, „Warum nicht eine Brigade Marshall-Verstärker und ein paar Pedale auffahren und sehen, was passiert?“

Tja, Herr Morello. Was ist denn da passiert? Hier noch einmal ein kleiner Vergleich. Heute…

… und damals: