„Tommy“-Regisseur Ken Russell ist tot


Ken Russell muss ein großartiger Kerl gewesen sein. Das dachte man jedes Mal, wenn man ihn im britischen Fernsehen sah, wo der ehemalige BBC-Dokumentarfilmer und spätere Skandalregisseur ein gern gesehener Interviewpartner war. Selbst sein kurzer Auftritt bei „Celebrity Big Brother“ im Jahr 2007 hatte diese Momente, auch wenn Russell den Promiknast nach vier Tagen bereits wieder verließ, weil er nicht in einer Hausgemeinschaft leben wollte, „die von Boshaftigkeit und Hass durchsetzt“ sei.

Der Popwelt ist Ken Russell natürlich nicht erst als „Uncle Ken“ aus Big Brother bekannt, sondern als Regisseur von „Tommy“. Er verfilmte die überbordende Rockoper von The Who nicht nur kongenial, sondern gewann Roger Daltrey auch gleich für das nachfolgende Projekt „Lisztomania“, in dem Daltrey den Komponisten Franz Liszt als Sex-Drugs-&-Walzer-Star spielte. Eigentlich schade, dass heutzutage viele bei „Lisztomania“ an die Franzosen von Phoenix denken, die ja eher das Image des indiepoppenden Muster-Schwiegersohns pflegen.

Ken Russell hatte in seinem Schaffen eine große Freude, die Hochkultur als buntes Popspektakel zu entlarven. Er, der zunächst für die BBC klassische Komponisten portraitierte, sorgte spätestens mit seiner exzessfreudigen Tschaikowski-Filmbiografie „The Music Lovers“ für Furore. Der Legende nach hatte Russell das Filmstudio United Artist mit den Worten überzeugt: „Es geht um einen Nymphomanen, der sich in einen Homosexuellen verliebt.“

Dass Russell später auch direkt für die Oper inszenierte, passt da gut ins Bild. So konnte man 1993 im Opernhaus in Bonn die Richard-Strauss-Oper „Salome“ in der Russell’schen Interpretation sehen.

Ken Russell verstarb am Sonntag in einem englischen Krankenhaus im Alter von 84 Jahren. Sein Sohn ließ ausrichten, dass er „mit einem Lächeln auf den Lippen“ aus dem Leben schied.

Die Schluss-Szene aus „Tommy“ (1975):

Die legendäre Zugszene aus der Tschaikowski-Filmbiografie „The Music Lovers“:

Trailer für „Lisztomania“ – auch eher Rockoper denn Komponistenkino:



Heinz Rudolf Kunze über seine Liebe zu The Who und ihr Großwerk „Tommy“

Heiligabend 1969. Vor drei Wochen bin ich 13 geworden. Nachdem alles überstanden ist - Kirche, Bescherung, familiäres Liedersingen, Schweinebraten, gemütliches Beisammensein à la Loriot - ziehe ich mich in mein winziges Kinderzimmer zurück und lege das Geschenk auf, das mir meine Oma gemacht hat: "Tommy" von The Who. Ich stelle die Musik laut. Und nach wenigen Minuten, ich kann mir nicht helfen, noch lauter. Die Tür geht auf und mein Vater kommt herein, gut gelaunt nach einigen Asbach Uralt. Er setzt sich neben mich auf die Couch, staunend. Plötzlich sagt er: "Wagner. Das ist ja wie Richard Wagner." Songs mit…
Weiterlesen
Zur Startseite