Tori Amos: „Die Christen haben Weihnachten entführt.“


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Eines stellte Tori Amos gleich klar, als sie zum Interview zu ihrem neuen Release „Midwinter Graces“ bat: „Nennen Sie es bitte nicht Weihnachtsalbum.“ Gar nicht so leicht, im Angesicht einer Tracklist, die traditionelle Weihnachtslieder vorweist wie „What Child, Nowell“, „Candle: Coventry Carol“ oder in der Deluxe Version gar „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Auch die Eigenkompositionen tragen nicht gerade unweihnachtliche Titel wie „Winter’s Carol“ oder „A Silent Night With You“.

Es sei aber nicht richtig, dass es sich bei diesen gecoverten Songs um rein-christliche Weihnachtslieder handelt, so Amos. „Viele dieser Songs mögen einen christlichen Hintergrund haben, ihre musikalischen Ursprünge reichen aber weiter zurück. Auch unsere Urväter hatten Musik, um die Zeit der Wiedergeburt des Lichtes zu feiern.“ Damit seien die Feierlichkeiten zur Wintersonnenwende gemeint, die meist um den 21. oder 22. Dezember zu verorten ist (in diesem Jahr ist sie am 21. Dezember). „Unsere Vorfahren hatten eben noch keinen Bach oder Praetorius, die ihnen die Musik dazu komponieren konnten. Also suchten sie in ihrer ‚Popmusik‘ – und das waren damals eben Shantys oder gar Trinklieder – nach Klängen, die ihnen in ihrer Schönheit überirdisch genug erschienen, um der spirituellen Bedeutung dieser Zeit gerecht zu werden.“ Aus diesem Grunde fänden sich in vielen christlich genutzten Weihnachtsliedern musikalische Elemente älterer Kulturen, die sie in ihren Interpretationen wieder deutlicher hervorstellen wolle.

Damit sei ihr „Seasonal Album“, wie sie und die Plattenfirma Universal es nun nennen, auch für Nicht-Christen kompatibel – und zwar „ausdrücklich“. Hier hat Tori Amos eine Meinung, die ihrem Vater sicherlich ein wenig unbequem erscheint: „Das ist ja das gefährliche an Weihnachten: Dass es, lassen wir den materiellen Teil mal beiseite, einen ausgrenzenden Charakter hat und andere Religionen quasi aus den Feierlichkeiten ausschließt, obwohl die feierliche Bedeutung dieser besonderen Jahreszeit ja auch in anderen Kulturkreisen bekannt war – sei es bei den Aborigines, bei den amerikanischen Ureinwohnern, ach man könnte noch weiter in die Vergangenheit gehen, bis hin zu den Zarathustriern.“

So wie das Weihnachtsfest in der Kirche gefeiert wird, könne man, sofern man nicht praktizierender Christ sei, die Frage stellen: „Was habe ich eigentlich von diesem Fest? Neben des materiellen Aspekts?“ Amos weiter: „Ich finde, da waren die Christen sehr clever. Sie haben dieses Fest und die Wintersonnenwende von den Heiden und allen anderen entführt und vereinnahmt. Ich bin der Meinung, dass die Wiedergeburt des Lichts gefälligst ein Fest für alle sein soll. Es gehört niemandem. Niemand hat das Copyright darauf.“

Privat feiert Tori Amos ihr Weihnachtsfest übrigens in der Sonne Floridas, wo sie ein Strandhaus besitzt. „Ich feiere, indem ich das Zusammensein mit den Menschen, die ich liebe, feiere. Meine Schwester wird mit ihren Kindern zu Besuch kommen: Fünf Teenager, die mit ihrer Mutter, ihre Tante Tori, ihrem Onkel Mark (meinem Mann) und meiner Tochter Tash im Strandhaus abhängen werden. Meine Eltern werden auch oft da sein, weil sie nur ein paar Minuten die Straße runter wohnen.“

Wer sich das zugegeben recht pompös instrumentierte, aber wunderschöne Album einmal anhören möchte, findet hier Snippets zu allen zwölf Songs der regulären Version von „Midwinter Graces“.