Tori Amos erzählt eine mystische Geschichte von Flucht und Drachen

Das 18. Album der Singer-Songwriterin steckt voller fantastischer Bilder, bewegender Gefühle und Verweise auf ihre einzigartige Karriere.

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Schon früh auf ihrem 18. Album singt Tori Amos davon, zum Schweigen gebracht zu werden. „Shush yourself, down now“, befiehlt der zigarrenrauchende Entführer und Ehemann ihrer Erzählerin, während das Schlagzeug einen gleichmäßigen Takt hält und Amos mit wachsender Wut auf ihr Bösendorfer-Klavier einschlägt. Schließlich ruft sie eine vertraute Figur zur Inspiration herbei: „I know a girl who wrote ‚Silent All These Years’“, singt Amos und dehnt ihre Vokale bis ans Äußerste, während sie auf ihre erste Solo-Single anspielt. „Where is she?“

Seit sie mit diesem zart aufblühenden Stück von 1991 ihre Stimme als Solokünstlerin gefunden hat, geht Amos einen eigenwilligen Weg durch die Popmusik. Ihre klaviergetragenen Songs nahmen die Zwänge und Widersprüche des Frauseins direkt ins Visier – gewürzt mit beißendem Humor, südstaatlicher Weisheit und fantastischen Elementen. Das dichte, poetische „In Times of Dragons“, das Amos in ihrer Wahlheimat Cornwall aufnahm, setzt dieses Erbe fort und schildert die Flucht ihrer Protagonistin vor ihrem Lizard-Demon-Ehemann – mit Unterstützung von Figuren wie der Gay Witch From Brooklyn und der High Priestess.

Amos‘ weltmüdes Mezzo-Sopran und ihre präzise kalibrierten Klavierpartien entfalten sich in einem berauschenden Erlösungsmärchen, dessen Aktualität der an Bob Dylan erinnernde Track „Ode To Minnesota“ unterstreicht. „Gasoline Girls“ wirkt beschwingt trotz Lyrics, die sich nach Sicherheit und Befreiung sehnen; das sanft funkige „Pyrite“ taucht mit Heilkristallen tief in die Welt der Rache ein, nach der Amos‘ Heldin sich verzehrt. „St. Teresa“ besitzt eine gespenstische Schwere, die der Mischung aus Mystik und Hingabe der Titelheiligen entspricht; das aufgewühlte „Tempest“ ruft die gemarterte Heilige Cäcilia, Schutzpatronin der Musikerinnen und Sänger, an, um eine längst verstummte Stimme wieder zum Leben zu erwecken.

Mutter und Tochter

Durchgehend ringt Amos mit ihrem eigenen Vermächtnis – vermittelt durch die Beziehung ihrer Heldin zu ihrer verloren geglaubten Tochter, die auf Tracks wie dem zerrissenen „Veins“, dem elegischen „Strawberry Moon“ und dem sanft schwingenden „Stronger Together“ von Amos‘ echter Tochter Natashya Hawley verkörpert wird. (Hawley, 25, hat diese Stücke auch mitgeschrieben.) Die beiden Stimmen verflechten sich zunächst zögerlich: Amos bittet auf „Veins“ um Vergebung, während Hawley mit Liebe und Mitgefühl antwortet; auf „Stronger Together“, kurz vor dem Albumende, erkennen sie gemeinsam ihre Stärke.

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Zu Beginn des Albums bangt Amos‘ Heldin davor, ihre Umstände könnten sie in „this half-dragon, half-woman thing“ verwandeln, wie sie es auf dem hymnischen Abschlusstrack „23 Peaks“ formuliert. Am Ende hat sie gelernt, mit ihren Narben zu leben und sie als Kraftquelle zu nutzen – auch wenn das schmerzt. Eine treffende Metapher für Amos‘ Karriere und die Art, wie sie das Bekenntnishafte mit dem Mystischen zu oft verblüffender Wirkung verwoben hat.

Maura Johnston schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil