Tori Amos lässt das Patriarchat weiter erzittern
Die Alt-Rock-Visionärin über ihr neues Konzeptalbum und Gespräche mit dem Geist von Anne Boleyn.
Tori Amos hat soeben ihr 18. Studioalbum veröffentlicht: „In Times of Dragons“, ein düsteres, allegorisches Werk, das zugleich ihr politisch aufgeladenster Longplayer ist. Im Zentrum steht eine Figur namens Lizard Demon – eine Verkörperung mächtiger, rücksichtsloser Männer. Über die Vorbilder hüllt Amos sich in Schweigen: „Ich sage nicht, dass das in Washington, D.C. angesiedelt ist. Wir nennen keine Namen“, erklärt sie auf Nachfrage. Stattdessen entwirft sie eine Geschichte, in der ihre Protagonistin in einem Leben aus Luxus gefangen ist, verheiratet mit diesem rätselhaften Schurken – bis sie schließlich den Ausbruch schafft.
Obwohl Amos normalerweise allein schreibt, markiert „In Times of Dragons“ eine seltene Ausnahme: Das Album enthält Beiträge ihrer 25-jährigen Tochter Natasha „Tash“ Hawley, die dieses Jahr ihr Jurastudium abschließt. Die Zusammenarbeit ergab sich fast zufällig. Nachdem Amos die narrative Struktur des Albums abgesteckt hatte, steckte sie bei der Musik fest. Der Durchbruch kam, als Tash monatelang vergessene Aufnahmen der beiden beim ungezwungenen Improvisieren am Klavier wieder auftauchten. Das ist nur eines von vielen Dingen, die dieses Album in einer Karriere voller überraschender Entscheidungen herausstechen lassen.
ROLLING STONE hat Amos vor ihrer Europatournee getroffen, um über die Dringlichkeit des neuen Albums zu sprechen, über Lektionen aus dem Musikbusiness, warum sie in den Neunzigern Lilith Fair fernblieb und über den kreativen Weg, der ihre Karriere von frühen Absagen bis zur Neuerfindung geprägt hat.
Tochter Tash als Co-Autorin
Ihre Tochter hat drei Co-Writing-Credits auf diesem Album – für Sie eine Seltenheit. Wie kam es dazu?
Ich hatte Schwierigkeiten mit dieser Platte und habe ihr das erzählt. Da sagte sie: „Mom, vor sechs Monaten haben wir in Florida einfach so am Klavier rumgejammt, und ich hab das aufgenommen.“ Und ich dachte in meinem menopausalen Geisteszustand: „Wir haben gejammt?“ Dann schickte sie mir „Strawberry Moon“ und „Stronger Together“. Das war der Startschuss.
Sie haben schon früher politische Alben gemacht, aber dieses hier wirkt roher und dringlicher. Was unterscheidet es von den anderen?
Ehrlich gesagt brauchte mich in den Obama-Jahren niemand wirklich. [Auf diesem Album] basiert der Lizard Demon auf echten Menschen. Er ist eine Verdichtung mehrerer Männer. Wir nennen keine Namen. Jetzt gehen wir eine Weggabelung entlang, die weit zurückreicht. Was wäre, wenn ich in meinem Leben einen anderen Mann gewählt hätte? Ich musste mir erlauben, diese Wahl zu treffen, um diese Platte schreiben zu können – denn das hier musste eine Erzählung werden. Wenn man unsere Zeit dokumentieren will, geht das meiner Meinung nach nur durch Allegorie, damit andere Menschen einsteigen und Teil der Geschichte werden können.
Wie haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere Ihre Stimme als Sängerin gefunden?
Das hat eine Weile gedauert. Ich habe alle imitiert. Man hat mich eine drittklassige Pat Benatar genannt. Ich habe in Pianobars gespielt und Cover gecovert – das war meine große Schule. Man hört anderen Sängerinnen zu, Stevie Nicks, der ganzen Bandbreite, und sucht die, die man selbst hinbekommt. Ich stand vor dem Spiegel und versuchte, „Magic Man“ zu singen. Man versucht, diese Frauen nachzuahmen, und findet dabei seine eigene Stimme.
Ratschläge ans jüngere Ich
Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich raten, als Sie Ihr Debüt „Little Earthquakes“ veröffentlichten?
Leg dich nicht mit den Anzugträgern an. Öffne lieber Champagner, statt zu glauben, du kannst auf ihren Schreibtisch pinkeln. Einfach den Champagner aufmachen, trinken und ihnen sagen, wie großartig sie sind – anstatt ihnen die Wahrheit zu sagen. Das hätte mir so viel gebracht.
Was hätten Sie gern früher über Live-Auftritte gewusst?
Studier Prince, Robert Plant und Jim Morrison. Das haben mir die Musen gesagt, und ich habe es getan. Das hab ich also richtig gemacht. Ich habe sie beobachtet. Ich habe gesehen, wie sie sich in eine Spannung eingestöpselt haben. Wenn du da draußen du selbst bist, machst du alles falsch. Du musst dich verdammt nochmal in der Garderobe lassen. Sei ein Kanal. Lass die Musen und die Songs durch dich hindurchfließen. Beim Performen geht es nicht um dich. Wer das begreift, macht es richtig. Ego bleibt an der Tür. Du dienst. Du gibst dich hin. Das Klavier muss dich spielen.
Wann haben Ihre Musen begonnen, sich zu zeigen?
Sehr früh – aber dann verlor ich sie aus den Augen, als ich anfing, im Musikbusiness Erfolg zu jagen. Nach siebeneinhalb Jahren voller Absagen und dem Gedanken: „Ich kann das mit den Pianobars nicht mehr viel länger durchhalten …“ Zum Glück fand das Klavier seinen Weg zurück zu mir. Aber dieser Absturz vor „Little Earthquakes“ [1992] war nötig. Ich bin so dankbar dafür, weil ich in den schweren Zeiten rund um „Boys for Pele“ [1996] – das war ein so umstrittenes Album, eine so harte Zeit – ohne die Erfahrung von 1988, als [meine frühe Band] Y Kant Tori Read verbrannte, die Hitze von 1996 nicht ausgehalten hätte. Genau deshalb habe ich mir damals geschworen, den Musen treu zu bleiben.
Lilith Fair und Souveränität
Sie haben nie bei Lilith Fair gespielt. In Ihrer ROLLING-STONE-Titelgeschichte von 1998 sagten Sie: „Hier geht es nicht darum, Hähnchen zu essen und seine Lieblingssängerinnen zu hören. Wer in meine Show kommt, betritt meine Welt. Das ist jeden Abend ein Film. Das kann ich Lilith nicht aufzwingen und umgekehrt.“ Wie sehen Sie das heute?
Das würde ich Sarah [McLachlan] schicken – die würde es komisch finden. Sie würde sich totlachen. Sie hat echten Humor. [Lilith] war ein großartiges Geschäftsmodell. Sie hat etwas Bedeutendes geschaffen. Ehrlich gesagt muss ich ihr das anerkennen. Sie hat mich gebeten, als Headlinerin aufzutreten. Ich habe großen Respekt vor Sarah. Damals versuchte ich, meine Eigenständigkeit zu finden. Teil eines solchen Festivals zu sein, fühlte sich nicht wie mein Weg dorthin an.
Was ist Ihre Lieblingsstadt der Welt?
London. Ohne Frage. Ich kam 1991 zum ersten Mal nach London. Ich kannte niemanden. Also ging ich mit meinem Sandwich zum Tower of London und redete mit den toten Königinnen. Ich stellte mir vor, wie Anne Boleyn durch das Traitors‘ Gate schritt. Ich saß auf einer Bank und wartete darauf, dass sie käme. Und sie kam jedes Mal. Und wir führten diese Gespräche. Die waren meistens sehr alltäglich.
Worüber haben Sie gesprochen?
Sie sagte mir Dinge wie: „Tori, bemüh dich nicht zu sehr um Freundschaften. Komm immer wieder zum Traitors‘ Gate. Ich bin jeden Tag hier. Du kannst mit mir reden. Mach einfach einen Schritt zurück, sei nicht zu eifrig – und alles wird gut.“
Fotografien in der Illustration:
Kasia Wozniak; Rob Verhorst/Redferns/Getty Images