U2: Alle Vorab-Singles im Ranking

Manchmal trafen sie die richtige Wahl mit „New Year's Day" oder „With or Without You" – manchmal auch nicht.

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Am vergangenen Dienstagnachmittag veröffentlichten U2 „Street of Dreams“, die Leadsingle ihres kommenden Studioalbums, das noch in diesem Jahr erscheinen soll. Fans haben auf diesen Moment sehr lange gewartet: Das letzte Album der Band, „Songs of Experience“, kam vor fast neun Jahren heraus. Das ist mit Abstand die längste Pause zwischen zwei Studioalben in ihrer Karriere. Auch wenn es noch viel zu früh ist, „Street of Dreams“ abschließend zu bewerten, haben wir alle Leadsingles der bisherigen Alben noch einmal unter die Lupe genommen und in eine Reihenfolge gebracht. Einige Entscheidungen waren dabei alles andere als leicht – am Ende haben wir eine Wertung gewählt, die sowohl die Qualität des Songs als auch berücksichtigt, wie gut er das jeweilige Album angekündigt hat.

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15 „Get On Your Boots“

Wie diese Liste immer wieder zeigen wird, spiegelt die Qualität der Leadsingle eines U2-Albums nicht zwingend die Qualität des Albums selbst wider. Oft kommt sie nicht einmal annähernd heran. Das gilt besonders für „No Line on the Horizon“ von 2009, das die Rückkehr des Traumduos Brian Eno und Daniel Lanois markierte – jener Männer, die schon „The Joshua Tree“ und „Achtung Baby“ geprägt hatten.

Das Album mochte kulturell nicht so einschlagen wie die beiden Vorgänger, doch Songs wie „Moment of Surrender“, „No Line on the Horizon“, „Magnificent“ und „Breathe“ zählen zu U2s stärkstem Material der Neunziger. Der schwere Fehler: „Get On Your Boots“ als erste Single. Der riff-lastige Track ist ein Verwandter von „Elevation“ und „Vertigo“ – aber bei Weitem nicht so einprägsam. Dabei war das ein mutiges, experimentelles Album, das keinen Grund hatte, sich zu verstecken. „Moment of Surrender“ wäre die klügere Wahl als Opener gewesen; „Get On Your Boots“ hätte man als B-Seite vergraben können – oder gleich ganz auf dem Schneidetisch lassen.

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14 „The Miracle (Of Joey Ramone)“

Der Aufruhr um die Veröffentlichung von „Songs of Innocence“ – das Album wurde ungefragt auf alle iPhones der Welt geladen, was es auf unsere Liste der schlimmsten Entscheidungen der Musikgeschichte katapultierte – war so laut, dass über die eigentlichen Songs kaum jemand sprach. Dabei ist „Songs of Innocence“ zwar kein Meisterwerk, aber ein wirklich schlechtes U2-Album gibt es schlicht nicht. „The Miracle (Of Joey Ramone)“ ist eine bewegende Hommage an Bonos jugendlichen Helden aus jenen Jahren, als er „young, not dumb“ war, und eröffnet das Album. Wer den Song länger nicht gehört hat, sollte ihm eine zweite Chance geben. Er steckt wahrscheinlich noch irgendwo auf dem Handy.

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13 „Fire“

Der U2-Überlieferung zufolge war die Entstehung des zweiten Albums ein einziger Albtraum: Bono verlor kurz vor den Aufnahmen sein Liederheft, und die Band war sich nicht sicher, ob sie überhaupt weitermachen wollte, nachdem alle außer Adam Clayton der christlichen Shalom-Gemeinschaft beigetreten waren. Trotzdem gelang ihnen mit „October“ ein beachtliches Album – auch wenn es nicht ganz an die Stärken von „Boy“ heranreichte. Das Album beginnt mit „Gloria“, und es steht kaum in Frage, dass das die erste Single hätte sein müssen. Stattdessen griffen sie – teils mangels Alternativen – zum farblosen und matten „Fire“. Dass das ein Fehler war, erkannten sie selbst ziemlich schnell: Seit Februar 1983 haben sie den Song kein einziges Mal live gespielt. „‚Fire‘ war kein besonders guter Song“, sagte Bono 2006. „Ich hatte immer das Vertrauen, dass wir uns irgendwie durchmogeln würden – aber manchmal klappte das eben nicht, und das war so ein Fall.“

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12 „A Day Without Me“

Für viele U2-Fans dürfte es wie eine Blasphemie wirken, irgendeinen Song von „Boy“ so weit unten auf einer Liste zu sehen. Aber bevor ihr in Panik geratet, eine Frage: Ist „A Day Without Me“ wirklich besser als „I Will Follow“, „The Electric Co“, „Twilight“, „The Ocean“ oder „A Cat Dubh“? („Out of Control“ lassen wir außen vor, da es bereits als Single der 1979er-EP „Three“ erschien.) Nüchtern betrachtet ist der Song Durchschnittskost. „I Will Follow“ war die offensichtliche erste Single – und ist bis heute fester Bestandteil der Setlist. „A Day Without Me“ hingegen haben sie seit 1985 nicht mehr angefasst. Nur echte Hardcore-Fans wissen überhaupt, dass es die erste „Boy“-Single war.

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11 „You're the Best Thing About Me“

Im September 2017 bauten U2 „You’re the Best Thing About Me“ in die Setlist ihrer „Joshua Tree“-Jubiläumstournee ein – die Ballade stand zwischen „Vertigo“ und „Ultraviolet (Light My Way)“. Im selben Monat erschien sie als Leadsingle von „Songs of Experience“. Das öffentliche Interesse an einem neuen U2-Album war 2017 überschaubar, und der Song fand kaum Gehör. Schade, denn „You’re the Best Thing About Me“ ist ein wirklich großartiger Track, der es verdient hätte, gehört zu werden.

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10 „Vertigo“

MTV, Rockradio und die großen Plattenlabels hingen am seidenen Faden, als U2 2004 ihr Album „How to Dismantle an Atomic Bomb“ aufnahmen. Deshalb gaben sie ihren Widerstand gegen Werbepartnerschaften auf und erlaubten Apple, die Leadsingle „Vertigo“ in einem iPod-Spot zu verwenden. Eine clevere Methode, den Song einem Massenpublikum zu präsentieren – „Vertigo“ wurde zum Hit, auch wenn „¡unos, dos, tres, catorce!“ nichts anderes bedeutet als „1, 2, 3, 14!“. Bono gab später zu, dass er beim Einsingen dieses Parts dem einen oder anderen Cocktail zugesprochen hatte.

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9 „Numb“

Nach dem gigantischen Erfolg von „Achtung Baby“ und den ersten Etappen der Zoo-TV-Tour waren U2 1993 so selbstbewusst, dass die erste Single des schnell nachgeschobenen Folgwerks „Zooropa“ – ursprünglich als EP geplant – The Edge beim Rappen zeigte. Falls das noch nicht schräg genug war: Das Video zeigt ihn in Großaufnahme beim Lippensynchronisieren, während zwei Frauen ihre Füße über sein Gesicht reiben. Aber wir lieben „Numb“ in jeder Hinsicht – Song und Video. Der einzige Wermutstropfen: Live hat Edge den Track seit 1993 nicht mehr gespielt. Wird Zeit, dass wir alle wieder „Numb“ werden.

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8 „Desire“

U2s Tourdokumentation „Rattle and Hum“ von 1988 gilt heute weithin als selbstgefälliger Ausrutscher. Und ja, angesichts der Grandiosität der „Joshua Tree“-Tour und des Rohmaterials, das Regisseur Phil Joanou zusammengetragen hatte, hätte der Film deutlich besser werden können. Doch der Soundtrack steckt voller starker Songs – allen voran die Leadsingle „Desire“. Die vom Bo-Diddley-Beat inspirierte Nummer ist seither ein fester Bestandteil ihrer Live-Shows. (Jemand sollte „Rattle and Hum“ endlich die „Get Back“-Behandlung verpassen und aus dem Rohmaterial einen neuen Film schneiden.)

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7 „Miss Sarajevo“

„Original Soundtracks 1″ ist technisch gesehen kein U2-Album – auch wenn alle vier Bandmitglieder sowie ihr langjähriger Produzent Brian Eno daran beteiligt waren. Das 1995 erschienene Werk bot der Band die Möglichkeit, die Experimente von „Zooropa“ fortzuführen, ohne den Druck eines regulären U2-Albums im Nacken zu haben. Zugleich sollte Eno stärker denn je in den kreativen Prozess eingebunden werden – als vollwertiger Partner. Das Ergebnis ist ein herausragendes Album, und „Miss Sarajevo“ mit Gastauftritt von Luciano Pavarotti gehört zu seinen besten Momenten. Da U2 den Song bei vielen Konzerten live gespielt haben und er auf U2-Kompilationen erschienen ist, zählen wir ihn hier als U2-Single von einem U2-Album. Wer das anders sieht, hat gute Argumente – aber wir bleiben dabei.

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6 „Discothèque“

U2 hätten den sicheren Weg gehen und „Staring at the Sun“ als Leadsingle von „Pop“ veröffentlichen können. Die radiokonforme Ballade hätte vielleicht einen Platz im Top-40-Format und auf MTV gefunden. Stattdessen entschieden sie sich, ehrlich zu sein und den Elektronika-Sound des Albums mit „Discothèque“ voranzustellen. Wäre ein solcher Song früher im Jahrzehnt erschienen, hätte das vielleicht funktioniert. Und vielleicht, nur vielleicht, hätten die Leute den Track ernster genommen, wenn das Video sie nicht als Village-People-Doubles gezeigt hätte. „Discothèque“ floppte, die PopMart-Stadiontournee lief in vielen US-Märkten schleppend, und das Narrativ vom Niedergang U2s war geboren. Doch „Pop“ und „Discothèque“ haben sich mit den Jahren gut gehalten. Unser Traum von einer „Pop“-30-Jubiläumsbox wird sich vielleicht nicht nächstes Jahr erfüllen – aber bis 2037 findet sich hoffentlich genug Rückhalt für eine „Pop“-40-Box. Träumen ist erlaubt, oder?

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5 „Beautiful Day“

Nachdem die PopMart-Tour Anfang 1998 zu Ende gegangen war, gönnten sich U2 einen sanften Neustart: Sie veröffentlichten die Kompilation „The Best of 1980–1990″ und die „Joshua Tree“-Era-B-Seite „The Sweetest Thing“ als Single. Der Song wurde überraschend ein kleiner Hit und bewies, dass der Hunger nach klassischem U2-Sound noch nicht gestillt war. Um diesem Appetit zu begegnen, holten sie Brian Eno und Daniel Lanois zurück und nahmen mit „All That You Can’t Leave Behind“ ein Album auf, das sich auf das Wesentliche besann. Die erste Single „Beautiful Day“, eine mitreißende Hymne, wurde weltweit zum Hit und ließ die gesamte „FlopMart“-Ära vergessen. U2 waren wieder die größte Band der Welt – zumindest für eine Weile.

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4 „New Year's Day“

Nach der relativen Enttäuschung von „October“ wussten U2, dass sie beim dritten Album liefern mussten. Sie taten es: mit einer politisch aufgeladenen Sammlung von Hymnen, die geradezu dafür geschaffen schienen, in Arenen und Stadien rund um die Welt zu hallen. Etwa sechs Wochen vor der Veröffentlichung stimmten sie die Welt mit „New Year’s Day“ auf das Album ein. Der Song handelt teilweise von der polnischen Solidarność-Bewegung – doch die wenigsten Hörer erkannten das. Sie hörten stattdessen einen universellen Ruf nach einem Neuanfang. Und das frühe MTV, damals noch ständig auf der Suche nach Inhalten, spielte das Video in Dauerschleife. Eine neue Ära der Band hatte begonnen.

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3 „Pride (In the Name of Love)“

In den frühen Tagen des Hair-Metal gab es nicht viele Mainstream-Rockbands, die das Erbe von Martin Luther King Jr. besangen. Doch U2, inspiriert durch die MLK-Biografie „Let the Trumpets Sing“, die ihnen der frühere ROLLING-STONE-Redakteur James Henke in die Hand gedrückt hatte, verwandelten Kings Botschaft der Liebe in einen Popklassiker, der die Charts erklomm – Seite an Seite mit den neuesten Veröffentlichungen von Wham!, Survivor und Billy Ocean. (In der Originalversion des Songs unterläuft ein Fehler: King soll demnach „in den frühen Morgenstunden“ des 4. April 1968 erschossen worden sein, obwohl das Attentat nach 18 Uhr stattfand. Bei Live-Auftritten ändert Bono die Zeile oft zu „early evening“.)

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2 „With or Without You“

Erstmals bekam die Öffentlichkeit am 30. Januar 1986 einen Vorgeschmack auf U2s Nachfolger zu „The Unforgettable Fire“, als die Band in der irischen Sendung „TV Gaga“ einen Song namens „Womanfish“ spielte – mit Abstand einer der schlechtesten Songs, die sie je geschrieben haben. „Wir haben das in einem Moment des Wahnsinns zugesagt“, sagte The Edge Jahre später. „Wir hatten uns schon eine Weile nicht mehr selbst ins Knie geschossen, also schien es uns mit zwei halbfertigen Songs der perfekte Zeitpunkt, der Nation unsere ‚neue Richtung‘ zu präsentieren. Es war schrecklich.“ Zum Glück verschwand „Womanfish“ für immer in der Versenkung, und das nächste Mal, als die Welt einen neuen U2-Song zu hören bekam, war es „With or Without You“. Der Song ist so schön, dass selbst erklärte U2-Verächter widerwillig eingestehen, dass er ein Meisterwerk ist. Dazu war er ein weltweiter Riesenhit, der die Band endgültig in die Stadien katapultierte. Merkwürdigerweise kennen ihn viele junge Menschen heute vor allem durch die „Friends“-Folge „The One With the List“ aus der zweiten Staffel. (Unbedingt die Live-Version von „With or Without You“ aus „Rattle and Hum“ anhören – sie übertrifft die Studioaufnahme, und sie enthält die geliebte Bonuszeile „shine like stars“, die Hardcore-Fans bis heute verehren.)

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1 „The Fly“

Wäre dies schlicht eine Liste der besten U2-Singles, würde „The Fly“ nicht vor „With or Without You“ landen. Doch als Leadsingle betrachtet setzt sich „The Fly“ durch – weil er ein mutiger, radikaler Bruch mit „The Joshua Tree“ und „Rattle and Hum“ war, den so gut wie niemand hatte kommen sehen. Als er im Oktober 1991 erschien, einen Monat vor „Achtung Baby“, waren die Fans schlichtweg verblüfft. Es wäre sicherer gewesen, mit „One“ oder „Mysterious Ways“ voranzugehen – doch die behielten sie bewusst zurück. „The Fly“ war im Grunde ein Trailer für das gesamte Album: U2s erster Schritt in die Neunziger, der die Richtung für alles Folgende vorgab. Jedes Mal, wenn eine Band den sperrigen Song als erste Single wählt und die gefälligeren Optionen in der Hinterhand behält, schlägt sie eine Seite aus U2s Playbook auf.

Andy Greene schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil

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