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Unfrieds EM-Urteil: Wie Hooligans und Grüne den Fußball missbrauchen

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Unfrieds EM-Urteil: Wie Hooligans und Grüne den Fußball missbrauchen

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Egal, wie bescheuert das Stöckchen ist, das irgendein Vollpfosten hinhält: Es finden sich immer ein paar Grüne, die drüber springen. Die einen tun es aus strategischen Gründen, die anderen, weil sie es wirklich nicht besser wissen.

Was trauriger ist? You decide.

Jedenfalls haben wir jetzt eine Reihe von grünen Bundestagsabgeordneten, die ganz normal bei dieser EM im Fußballtrikot mit dem DFB-Team fiebern. Und wir haben nicht nur einen entschlossen zurückgebliebenen Landesverband der Grünen Jugend, der vor Deutschland-Fahnen und Party-Patriotismus warnt, sondern auch Landespolitiker, die in der geistigen Nachfolge der Linkspartei behaupten: „Es gibt keinen guten Patriotismus“. Und dann ist da selbstredend die fürs Stöckchen springen zuständige Bundesvorsitzende Peter, die in ihrem Hyperventilier-Stil twittert: „Nicht wegschauen! Im Schatten des gesunden Patriotismus wächst gefährl. Nationalismus.“

Oja. Vor allem wächst im grünen Schoß immer noch ungesunder Katastrophismus.

Es bleibt auch und gerade Progressiven nichts anderes übrig, als den CDU-Spitzenpolitikern Peter Altmaier und Julia Klöckner zuzustimmen. Der Kanzleramtsminister nennt die wehenden Flaggen das, was sie sind: „Fahnen der Fans“. Und Klöckner twittert: „Mit solch einem Quatsch liefern die Grünen ‘Futter’ für die AfD.“

Richtig ist: Der Kampf hat begonnen, wer den Fußball und die EM am besten für seine Zwecke instrumentalisieren und missbrauchen kann. Hools in Marseille praktizierten dafür Körperverletzung bis knapp vor die Todesfolge. Andere halten Kaiserreichflaggen in die Kameras oder posten sie gleich selbst. Das sind keine Repräsentanten von Ländern, sondern kriminelle Banden, die erstens die EM und zweitens nationale Symbolik oder Zuordnung nutzen, weil sie wissen, dass die Mediengesellschaft ihnen jetzt Aufmerksamkeit schenkt und sie maximal verbreitet.

Dito: Hitlergrüße. Auch der Grünen Jugend geht es primär um Missbrauch des Fußballs, um mal wieder von Medien und Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Das Motto lautet von Hool bis Fool: Dabei sein ist alles.

Fußball und Fahnen werden politisch missbraucht

 Selbstverständlich gibt es in der EU und in Deutschland derzeit einen wachsenden Markt für rechtsdrehenden und auch linksdrehenden Nationalismus sowie Rassismus. Den bekämpft man nicht, indem man Nazis, AfD und Pegida Symbole wie Fahnen oder Hymne überlässt, um darüber besorgt sein zu können. Sondern indem man ihre Marketingaktionen kontert und die Symbole grundsätzlich für eine offene Mehrheitsgesellschaft reklamiert. Wo kommen wir denn da hin, wenn ein Talkshowauftritt von einem AfD-Politiker reicht, dass wir unsere Fahne einrollen?

Im speziellen Falle der Fußball-EM muss man die Fahne als das verstehen, was sie ist: Eine politisch entleerte Fußballteam-Fahne, die von fast allen für ein Fußballteam geschwenkt wird. Und sonst gar nichts. Man braucht als Fan von Team Deutschland übrigens nicht mal einen deutschen Pass. Das geht auch so.

Dass nicht nur Nationalismus, sondern auch Patriotismus andere ausgrenze, ist eine klassische Argumentation, etwa von der Linksparteivorsitzenden Katja Kipping.

Ich würde dem gern folgendes entgegenstellen: Fußball- und Party-Patriotismus hat weder positive noch negative gesellschaftliche und politische Effekte.

Es geht um emotionale Teilhabe an einem Unterhaltungs- und Kulturereignis. Wenn man bei einem Fußballspiel für ein Team ist, ist man gegen das andere. Das ist so. Fans eines Fußballteams sind fast immer auch Diskriminierung ausgesetzt. Ich bin emotional dem VfL Wolfsburg verbunden und weiß, wovon ich rede.

Die Zusammensetzung der deutschen Mannschaft mit Müller (aus Bayern, bei Bayern) Boateng (aus Berlin, derzeit München), Özil, Neuer (beide aus Gelsenkirchen, derzeit München und London), Podolski (aus Gliwice in Polen, derzeit Istanbul), Khedira (aus Schwaben, derzeit Turin) undsoweiter entspricht der bundesdeutschen Realität und dem Standard des europäischen Spitzenfußballs. Wenn überhaupt, dann könnte sagen, dass der Fußball eben nicht Nationalismus, sondern die gesamteuropäische Realität widerspiegelt, wenn auch auf einem speziellen Wirtschafts-, Kultur- und Arbeitsmarkt.

Wir brauchen eine patriotische Mehrheit gegen die nationalistische Minderheit

Was das Grundsätzliche und den Patriotismus angeht: Das Problem sind nicht nur die Nationalisten, die sich abgrenzen, sondern die fehlenden Patrioten, die sich für das Gemeinsame engagieren. Ich folge hier der Argumentation eines anderen Grünen, des schleswig-holsteinischen Vizeministerpräsidenten Robert Habeck. Der Bewerber für die grüne Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl, hat schon vor Jahren eine bemerkenswerte Analyse der rot-grünen Regierungsjahre (1998 bis 2005) abgeliefert. „Rot-Grün ist an patriotischer Gleichgültigkeit gescheitert“, schrieb er. Heißt: Die Bürger, die Rot-Grün mehrheitlich gewählt hatten, waren in der Folge nicht bereit, sich für die Mehrheitsgesellschaft zu engagieren, deren Teil sie waren. Stattdessen zogen sie sich in die eingeübte und selbstgefällige Pose der Opposition zur Mehrheitsgesellschaft zurück. Habeck skizzierte einen „linken Patriotismus“, um damit eine gesellschaftliche Verbindung der gemeinschaftskeptischen Mittelschicht-Individualisten möglich zu machen.

Wir brauchen dringend eine patriotische Mehrheit gegen die nationalistische Minderheit. Der zeitgemäße Patriotismus ist kein Rückfall in schlimme Zeiten, sondern ein emanzipatorischer Schritt nach vorn: Ein pathetisches Bekenntnis zur Gesellschaft, in der man lebt, mit dem sich dessen Mitglieder verknüpfen und committen. Und dessen Inhalte man durch die Neubesetzung definiert und durchsetzt. Es geht darum, was man daraus macht. Wenn es nach mir geht, einen europäischen, sozialökologischen Verfassungspatriotismus. Weg vom Nationalen, aber hin zum Patriotischen. Das ist anstrengend, denn man muss etwas dafür tun. Und es ist emotional schwierig für all jene, die in der Kultur der Distanz von Mehrheitsgesellschaft und Staat groß geworden sind. Also speziell auch für Teile der Grünen und Grünen-Wähler.

Was das Tragen eines Fantrikots der deutschen Nationalmannschaft angeht, so gibt es eine Lösung, mit der die Grünen sich gleichzeitig als Teil der Gemeinschaft zeigen können – und auf ihre besondere Identität beharren. Sie müssen einfach das tragen, was Netzer damals in Wembley trug: Das Deutschlandtrikot in Grün.

Peter Unfried ist Chefreporter der taz und schreibt jeden Dienstag exklusiv auf rollingstone.de

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