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Unfrieds Urteil: Frankreich, Deutschland, Portugal – Die spirituelle Magie des Fußballs

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Unfrieds Urteil: Frankreich, Deutschland, Portugal – Die spirituelle Magie des Fußballs

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Wenn eine Figur wie der frühere Fußballtorhüter Harald Schumacher die französisch-deutschen Befindlichkeiten beider Gesellschaften über Jahrzehnte stärker negativ beeinflusst als alles andere, dann läuft etwas furchtbar schief. Die Wochen in Frankreich bei der Fußball-EM haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass man die politischen, pseudoreligiösen und generell über das Spiel hinausweisenden Analogien und Verbindungen aus dem gespielten Fußball heraushalten muss und eben nicht ständig reinfantasieren darf, wie es zum Zwecke der Überhöhung von aufregenden, aber letztlich banalen Vorgängen notorisch getan wird. Zu oft auch von mir. Nirgends wird so unterschätzt wie im Fußball, wie oft das Wort „Schicksal“ gleichbedeutend ist mit Zufall. Wäre der Schuss des Franzosen Gignac in der letzten Spielminute des Finales einen Zentimeter weiter rechts am portugiesischen Pfosten gelandet, wäre alles anders interpretiert worden. Also, Vorsicht!

Als Daniel Cohn-Bendit mir sagte, er habe nach der französischen Niederlage gegen Deutschland geweint und mit ihm Frankreichs Fußballgesellschaft, und erst mit dem 2:0 von Marseille habe sich eine historische Wunde geschlossen, da dachte ich daher erst: Oh, je.

Cohn-Bendit, 71, ist auch nach seinem Ausscheiden aus der Brüsseler Parlament Europas bekanntester EU-Politiker. Und er ist Frankreichs populärster Revolutionär von 1968. Während der Europameisterschaft hatte er im Radiosender Europe 1 eine allabendliche EM-Sendung. Wie populär er ist, merkt man erst richtig, wenn man mit ihm in Paris vor einem Restaurant sitzt, und die Leute sich nicht mehr einkriegen.

Fußballgucken mit Daniel Cohn-Bendit

Ich habe mich gegen die permanente Aufblähung des Historischen und Statistischen gewehrt, das in der Regel erst dann existiert, wenn man es behauptet. Das heißt: Man geht zum Fußballprofi und sagt: Ihr habt jetzt bei Sonnenschein drei Heimspiele verloren und heute scheint die Sonne! Dann denkt der Fußballer nach der Niederlage: Ich bin’s nicht gewesen – die Sonne war’s. Sie hat was gegen uns. Da kann man nichts machen.

Unsinn. Entsprechend war die Behauptung eines französischen Deutschland-Fluchs oder eines deutschen Italien-Fluchs oder eines portugiesischen Frankreich-Fluchs stets anti-aufklärerischer und fast schon völkischer Aberglaube. Wie Nationalspieler Mats Hummels vor dem Sieg gegen Italien völlig richtig sagte: Leute, was kommt ihr mir mit 1970, 1982 und 2006? Ich war da nicht dabei. Fußballniederlagen werden nicht genetisch und auch nicht genaologisch übertragen.

Aber, sagt Cohn-Bendit, solche Spiele hallen nach und hinterlassen Wunden. Nicht in einer „Nation“, nicht in einem Land, aber in einer Teilgesellschaft, die sich von Fußball bewegen und erregen lässt. „1982 haben Frankreich und ich geweint, weil wir besser waren.“ Dazu kam in Sevilla die Sache mit Schumacher. Was die Franzosen Jahrzehnte nicht vergaßen, war nicht das brutale Foul an Patrick Battiston, sondern die brutale Gleichgültigkeit, mit der der kaumgummikauende Kölner die Verletzung und den Abtransport des Kollegen ignorierte. Das führte durch mediale Überhöhung zur Wiederbelebung der Geschichtserfahrung vom furchtbaren und unmenschlichen Deutschen. Und dann wiederholte sich die Erfahrung auch noch im WM-Halbfinale 1986: Wieder besser, wieder verloren.

Was bis letzten Donnerstag nagte, war das Gefühl der universalen Ungerechtigkeit.

Und heute ist der beste aller bisherigen Bundestrainer bei weitem nicht der einzige Deutsche, der mit der festen Überzeugung aus der Fußball-EM herausgeht, dass die deutsche Nationalmannschaft das Halbfinale gegen Frankreich verloren hat, obwohl sie die bessere Mannschaft war. Nun weiß man, dass Fußball erstens nicht gerecht ist und dass zweitens immer der besser war, der mehr Tore geschossen hat. Und dennoch herrscht nun hier das nagende Gefühl einer großen Ungerechtigkeit.

Schlechter gespielt, aber verdient gewonnen

Cohn-Bendit sagt, Marseille zeige: „Geschichte kann sich wiederholen, aber eben nicht als Farce, sondern als spirituelle Magie“. Das bedeutet: Andersherum. Letztlich habe Frankreich 1982 „verdient verloren, weil ihr so effizient gespielt habt“. Und 2016 waren die Deutschen besser und die Franzosen waren effizient und haben also verdient gewonnen.

Das erscheint mir eine interessante Differenzierung: Dass die einen besser sein können und die anderen dennoch verdient gewinnen. Wenn man selbst siegt, ist das überhaupt kein Problem. Aber wenn man verliert, muss man es emotional akzeptieren können. So haben die Franzosen nun damit zu leben, dass sie im Finale besser waren – und Portugal hat verdient gewonnen. Doch auch dieses Spiel ist in Cohn-Bendits Sinne spirituelle Magie. Es ist die Umkehrung des portugiesischen Traumas von 2004, als wiederum sie im EM-Finale als Bessere gegen die tief stehenden Griechen verdient unterlagen.

Ich muss also zugeben, dass das entscheidende Ergebnis dieser EM darin besteht, dass sowohl die portugiesische, als auch die französische Fußballgesellschaft von ihrem Haupttrauma befreit ist.

Für Fußballfranzosen ist der Sieg gegen Deutschland wichtiger als die Niederlage im Finale, weil sie das Spiel von Sevilla tatsächlich seit 1982 unaufgelöst mit sich herumschleppten.

„Jetzt ist es gut“, sagt Cohn-Bendit.

Die Wunde ist geschlossen, die Seele kann wieder in Balance schwingen.  Das aber vollzieht sich eben nicht allein durch den Sieg, sondern erst durch die spiegelverkehrte Wiederholung der Geschichte. Das jahrzehntelange romantische Insistieren auf den schöneren Fußball beinhaltete auch die unausgesprochen mitschwingende Sorge, man habe durch „Schönspielen“ verloren.

Nun hat man durch Effizienz gewonnen. Deutschlands und Frankreichs Fußball – jahrzehntelang durch die Zufälle eines oder zweier Spiele als ideologische Gegenpole dargestellt, sind jetzt in perfekter Synchronie.

Das ist die spirituelle Magie, die von diesem großartigen Fußballspiel in Marseille ausgeht und die bleiben wird. Und beim nächsten Mal gewinnt dann auch mal das bessere Team.

Peter Unfried ist Chefreporter der „taz“ und schreibt jeden Dienstag exklusiv auf rollingstone.de

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