„Unser Star für Baku“: Dicke Eier auf der Blitz-Tabelle


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Es sei noch eine Menge „Talent da draußen, das sich bewirbt“, hat Thomas D festgestellt – und es scheint nicht ausgemacht, ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist. Auch nach „The Voice“ hat sich der Markt von Nachwuchs- und Hobbysängern in Deutschland nicht verlaufen – für „Unser Star für Baku“ sind noch genügend Bewerber vorhanden. Thomas D, Jurypräsident von Stefan Raabs Gnaden, hat aus etwa 400 Kandidaten 20 ausgewählt, von denen 10 sich in der ersten Sendung vorstellen und ein Lied singen dürfen.

In der Jury sitzt natürlich wieder der Mogul selbst – und Dritte im Bunde ist etwas überraschend Alina Süggeler, Sängerin der Pop-Gruppe Frida Gold. Die wählte schon beim letzten Song Contest im offiziellen Gremium für Deutschland und versteht sich hier bescheiden als „große Schwester“ der Kandidaten, bietet sich als Trösterin an. Man ist nett zueinander: Raab freut sich darüber, dass er Thomas D für den Job gewinnen konnte – gar so viel hat der Mann von den Fantastischen Vier aber gerade nicht zu tun. Und Thomas D ist insofern eine ausgesprochen glückliche Besetzung, weil er nicht nur eloquent ist, sondern auch einen Hang zum Lyrischen wie zum volkstümlichen Ausdruck hat. Mal schwärmt der Schwabe in Reimen, mal belehrt er über die falsche Songwahl: Für dieses Stück brauche man „so große Eier, dass sie nicht in die Hose passen“. Der Junge aus Mönchengladbach ist nun ein zierliches Bürschchen mit kümmerlichem Moustache-Ansatz – und wird ganz unten platziert.

Das als Sensation angekündigte Sofort-Ranking, die „Blitz-Tabelle“, die sämtliche Kandidaten immerzu durcheinanderwirbelt, ist leider bald nicht mehr spannend, sondern nur enervierend. Noch vor den Gesangsdarbietungen werden Sympathiepunkte vergeben, die dralle Jil Rock verliert erst mit ihrem Auftritt an Boden. Die Gnade des späten Startplatzes bietet fast schon eine Versicherung für einen oberen Rang – durch das volatile Gerede der Juroren verschieben sich die höchsten Platzierungen in den letzten fünf Minuten allerdings noch einmal dramatisch. Aber auch unter allen anderen Umständen hätten sich die schwarze Soul-HipHop-Artistin Shelly und der geschmeidige Roman qualifiziert, flankiert von der selbstgewissen Céline, der etwas tutigen Leonie und dem Schätzchen Katja.

Moderierte zuletzt eine zahnlückige Radiofrau, so wurde jetzt mit Sandra Rieß eine ebenso auffällige wie souveräne Präsentatorin engagiert. Neben Steven Gätjen – der schon zehn Jahre lang neben dem roten Oscar-Teppich in Los Angeles üben durfte – überzeugt sie mit unerschrockenem Witz: Den unglücklichen Jungen mit den zu kleinen Cojones richtete sie mit dem Hinweis auf, seine Eier könnten ja noch wachsen. Gätjen hat sein Kinn nicht richtig rasiert und steht allgemein eher beklommen in den Kulissen.

Die musikalischen Beiträge geben keinen Grund zum Murren. Zwar ist die Jury ein wenig zu wohlmeinend, doch die Kandidaten werden mithilfe des Publikums korrekt ausgewählt. Eine Lena ist nicht dabei  – aber geben wir es zu: Die Antipodin von Lena Meyer-Landrut (falls es so etwas gibt) wäre diesmal nicht schlecht.