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Uwe Kopfs Typewriter: Der Dino darf nicht sterben

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Uwe Kopfs Typewriter: Der Dino darf nicht sterben

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Ende Mai dröhnten ein Wunsch und ein Wortspiel durch Deutschland, niemand konnte ihnen entrinnen: „Der Dino darf nicht sterben“, hieß es überall, und Sepp Blatter sei wie Blattern, also Pocken, die sechste Plage, die Gott und Moses gegen Ägypten anrichteten, damit der Pharao endlich die Israeliten ziehen lässt. Der Dino namens HSV ist dann doch nicht gestorben, bleibt in der Ersten Bundesliga, denn er gewann beim Karlsruher SC, jedoch nur weil der Schiedsrichter sich einmal zu oft zum Nachteil der Karlsruher irrte. Sepp Blatter, der Chef des Fußball-
weltverbands, FIFA, freute sich am 29. Mai über seine Wiederwahl – um vier Tage später zurückzutreten; manche Skeptiker fürchteten, Blatter könne wie Howard Carpendale vom Rücktritt zurücktreten und habe seinen Entschluss womöglich im Affekt verkündet. Es wird ihn dann doch beeindruckt haben, dass nicht irgendeine Polizei oder Interpol oder Scotland Yard oder Minister gegen ihn und seine Funktionäre ermitteln – das FBI ist dran.

Der 79-jährige Blatter, geboren im Kanton Wallis, steht für Korruption und Starrsinn, einen Schweizer haben die Deutschen zuletzt dermaßen gehasst und verachtet, als Josef Ackermann aus St. Gallen wöchentlich ungefähr 100 Millionen Euro bei der Deutschen Bank verdiente und sich trotzdem oder deshalb ständig danebenbenahm. Der Fall Blatter hatte auch ein Gesicht, und es war nicht Blatters Großvatergesicht, sondern Franz Beckenbauers Cholerikergesicht: Es ist 25 Jahre her, Fußball-WM in Italien, da hatte der Teamchef Beckenbauer während der Vorrunde auch so ausgesehen, als müsste er gleich ein Hotelzimmer verwüsten, um seine Wut zu bewältigen – Blatter behauptete nun, Beckenbauer habe den DFB-Chef Niersbach ausgeschimpft, weil der gegen Blatter stimmte; Beckenbauer bestritt, was Blatter über ihn behauptete, und Beckenbauer hat noch nie gelogen. Der Brasilianer Pelé machte mal Reklame für Potenzmittel und blamierte sich jetzt noch mehr, denn er bezeichnete Blatters Wiederwahl als „perfekt“ und wirkte dabei, als hätte er gehascht.

Die Fußballfans und Politiker klammern sich an die Europäer, deren Fußballverband, UEFA, und Michel Platini, den Präsidenten, er wirkt kein bisschen sympathischer als Blatter: Tatsächlich würde ich lieber noch mit Blatter ein Bier trinken gehen oder ein Käsefondue essen. Platini hat was Intrigantes an sich wie sein Landsmann Richelieu vor vier Jahrhunderten. Es gäbe für Blatter übrigens nur einen Nachfolger, der einen Neuanfang garantieren würde, es wäre eine Frau: Die Amerika­nerin Meryl Streep, bisher als Hollywood-schauspielerin aufgefallen, hat noch nie was Böses gedacht oder getan; sie hat Charakter und Urteilskraft, sie mag Fußball, versteht allerdings noch nicht so viel von diesem Sport (aber Blatter hatte ja auch keine Ahnung).

Doch die Männer werden in einem halben Jahr wieder einen Mann zum FIFA-Boss wählen, die Bestecherei und andere Sauereien werden weitergehen, letztlich kann’s den Fans auch egal sein, solange der Ball rollt. Sepp Blatter jedenfalls hat seinen Millionen Feinden noch mal ein Ei gelegt: Er hat entschieden, wann Schluss ist; ein mündiger Greis, dieser Blatter; er hat über das Ende selbst bestimmt und für sich selbst gesprochen, sapere aude, habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, wie der Aufklärer Immanuel Kant schrieb. Es braucht noch Zeit, bis die Leute erkennen, dass Sepp Blatter zwar kein Fußballexperte und auch kein Moralist war, aber nach einem philosophischen Egoismus handelte – jeder Mensch verfolgt nur eigene Interessen, die Wohltaten für den Nächsten verdecken die Eigensucht.

Ja, Sepp Blatter und Friedrich Nietzsche stehen sich ziemlich nahe, aber der Fußballgott ist nicht tot.

Uwe Kopf stammt entgegen anderslautenden Gerüchten aus Kaiserslautern und hält immer zu dem Verein, den Carlo Ancelotti gerade trainiert.

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