Toggle menu

Rolling Stone

Back to top Share
Artikel teilen
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Whatsapp
  • Email
Search

Uwe Kopfs Typewriter: Die Aliens nebenan

Kommentieren
0
E-Mail

Uwe Kopfs Typewriter: Die Aliens nebenan

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Manche hamburger Lokale beginnen ihren Mittagstisch bereits um halb zwölf, aber erst um zwölf traut sich der Gast, ein Glas Wein oder ein Bier zu bestellen, denn als Asi oder Säufer gilt, wer in Hamburg vor zwölf Uhr mittags Alkohol trinkt. „Die Piefke-Saga“ lief in der ARD, kurz nachdem die Mauer gefallen war, und hat den Deutschen vorgeführt, dass sie eher die Moslems als die Österreicher begreifen werden. Zur Zeit der „Piefke-Saga“ durfte ich an einer Morgenkonferenz in der Hamburger „Tempo“-Redaktion teilnehmen: Die Redakteure saßen vor P., ihrem Chef, einige Frauen und Männer schwitzten und zitterten, sie hatten kein Thema, das P. täglich von ihnen verlangte. Hinten in der Ecke stand ein Dunkelhaariger und lächelte, ihn schien zu amüsieren, was er sah und hörte: Der Herr redet zu seinen Knechten. Es war jetzt zwanzig nach zehn, und der Dunkelhaarige hielt ein Glas Rotwein in seiner Hand, nahm einen Schluck, nickte und belächelte wieder die Konferenz; ja, ich habe mich sofort (ganz unschwul) in Walter verliebt.

Er leitete die Grafik und stammte aus Österreich. Bei „Tempo“ sind über die Jahre etliche Bayern angestellt gewesen, aber keiner dieser Bayern trank sein Weizenbier vor zwölf Uhr mittags, obwohl die Bayern von Coburg bis München gern zum Frühstücksei schon ein Bier trinken. Wie Walter morgens während der Konferenz ein Glas Rotwein trank und über dem Arbeitsalltag schwebte, das erschien mir als das Allernatürlichste, es brachte Gleichgewicht und Schönheit in die Redaktion. Auch Italiener schaffen so was unter Deutschen, doch der Österreicher, für mich durch Walter verkörpert, macht es anders. Der Österreicher ist für den Deutschen das, was die Frau für Freud war – ein schwarzer Kontinent.

Die Österreicher haben nun fast einen Norbert Hofer zu ihrem Bundespräsidenten gewählt, dann wurde es aber doch der Wiener Alexander Van der Bellen. Die Deutschen hatten schon Hitler in Hofer wiederauferstehen sehen, obwohl Hofer zwar ein reaktionärer Sack ist, aber weder die Weltherrschaft übernehmen noch die Juden vernichten will. „Durch einen Österreicher wird nie wieder ein Krieg ausbrechen“, sagt der Steirer Willi Molin, geboren bei Graz, er führt sein Restaurant Mozart-Stuben in Hamburg – seit sechs Jahren residiert er hier, die Leute betrachten Willi als Alien und verehren ihn, er trägt die Tracht seiner Heimat und grüßt wie ein König, wenn er in der Morgensonne vor seinem Lokal sitzt, ein bisschen Speck und Käse isst und dazu ein Glas Zweigelt trinkt. „Die Deutschen wissen nicht mal, dass wir Steirer damals das panierte Kalbsschnitzel erfunden haben“, erzählt Willi, „die Wiener haben’s geklaut und ihren Namen dazugetan.“

Willi spielt für seine Stammgäste regelmäßig auf seinem Akkordeon und mischt Freddy Quinn mit Johann Strauß, ein Nachbar holte wegen des Lärms mal die Polizei. Zwei Haselnussschnäpschen von Willi beschwichtigten die Beamten. Während seiner Zeit beim HSV saß auch Jérôme Boateng in den Mozart-Stuben, aß ein Backhendl und bewunderte die Löwenstatue mit Jägerhut. Seit Conchita Wurst für Österreich als Bartfrau auftrat und die Europameisterschaft des Schlagers gewann, hat Willis Ansehen noch zugenommen. Er wählte früher die Kommunisten und liebt den jüdischen Dichter Heinrich Heine, der einmal sagte: „Die Juden, wenn sie gut, sind sie besser, wenn sie schlecht, sind sie schlimmer als die Christen.“ Die Wörter „Juden“ und „Christen“ durch „Österreicher“ und „Deutsche“ ersetzt: Passt das auch? „Ja“, sagt Willi. „Aber der Hofer ist ein Würstl. Der einzige Volkstribun, den Österreich derzeit hat, ist Andreas Gabalier.“

Kommentieren
0
E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel
Kommentar schreiben