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Uwe Kopfs Typewriter: Ein Hoch auf uns!

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Uwe Kopfs Typewriter: Ein Hoch auf uns!

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Es könnte auch so gewesen sein: Am 20. Juli sitzen sie in einem Provinzwirtshaus weit weg von Berlin, die Vollglatze und der Dicke mit der Mäxchenfrisur, auch Jim Kerr von den Simple Minds trug sie mal; es gibt Spätburgunder, Scampispieße, Tafelspitz und Mascarpone mit Erdbeeren, die beiden Männer gedenken zuerst des Grafen Stauffenberg, der vor 71 Jahren vergeblich versuchte, Adolf Hitler wegzubomben. Beim Mirabellenbrand lächelt Sigmar, der Dicke, er lehnt sich zurück und öffnet den obersten Hosenknopf. „Hör mal, Torsten“, sagt Sigmar, „tu mir den Gefallen und tu so, als ob du gegen mich und für Merkel wärst. Du erzählst in einem Interview, dass wir Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl 2017 überhaupt keine Chance haben und deshalb auch keinen Kanzlerkandidaten brauchen, nur einen Spitzenkandidaten.“

Er müsse nun eigentlich ran, „immerhin bin ich ja SPD-Vorsitzender, vor zwei Jahren konnte ich noch den Steinbrück vorschicken, und vor Steinbrück hatte sich Steinmeier als Kanzlerkandidat blamiert. Wir hocken seit Jahren bei 25 Prozent, das ist das Schlimme, und ich möchte nicht der erste Sozialdemokrat mit einem Bundestagswahlergebnis unter 20 Prozent sein. Wenn Merkel nicht mehr antritt, dann würde die CDU mit Schäuble kommen, der hat dann auch noch den Behindertenbonus. Die Genossen werden dich zuerst beschimpfen, Torsten, sie werden dich sicher einen Brutus und einen Heckenschützen nennen, aber das ist dann geheuchelt, denn die Genossen wissen alle, dass du nur die Wahrheit sagst.“

Sigmar schwitzt, er lockert seine Krawatte und sagt: „Die Medien werden behaupten, die SPD sei fast so untrainierbar wie der HSV; die Mehrheit der Genossen wird mich später aber drängen, nicht als Kanzlerkandidat anzutreten. Ich werde zuerst abwehren und den Empörten spielen, mich dann jedoch der Mehrheit fügen. Wir sind doch inzwischen wie früher die FDP: Wer uns wählt, kriegt die Politik einer Großen Koalition, wir bleiben jedenfalls noch die Nummer zwei, und die Bürger wertschätzen die Politik der Kanzlerin Merkel und ihres Vizekanzlers. Es gefällt ihnen doch, wie wir jetzt gemeinsam mit den Griechen umgesprungen sind. Willst du also helfen, meinen Plan auszuführen? Du kriegst dafür einen Ministerposten im nächsten Kabinett, das verspreche ich bei Willys Seligkeit. Wir – ich und du, Torsten – retten die SPD vor dem totalen Absturz, die Zukunft wird beweisen, dass wir das Richtige getan haben. Möchtest du auch noch einen Schnaps?“

„Ja, gerne, und okay, ich verkünde in einem Interview, was du vorschlägst“, sagt Torsten Albig, der SPD-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. „Wann soll ich loslegen?“ – „Am besten, du machst es gleich nächste Woche, es ist noch Sommerloch, da hallt es so schön. Die Medien werden auch fragen, ob du ein Idiot, ein Genie oder ein Charakterschwein bist.“ – „Hahaha, welch eine Strategie!“

Eine Frau kommt an dem Tisch vorbei, sie trägt ihr Kleinkind auf dem Arm und will mit ihm zur Toilette, die Frau erkennt Sigmar Gabriel und lächelt, das Kind deutet mit seinen Patschehändchen auf Gabriel und sagt: „Oma.“ Die Frau errötet und streicht ihrem Kind über den Kopf. „Nein“, sagt sie, „das ist nicht Oma, sondern Herr Gabriel, unser nächster Bundeskanzler. Er wird auf Deutschland aufpassen und machen, dass du immer genug zu essen hast. Entschuldigen Sie bitte, Herr Gabriel, das Kind ist ja noch unvernünftig. Alle meine Freunde und Verwandten wählen SPD, wir glauben ganz fest an Sie und Ihre Partei. Mit den Grünen und den Linken werden Sie gewinnen.“

Sie drückt einen Daumen und geht zurück an ihren Tisch, wo vier andere SPD-Wähler sitzen und ihren Bericht erwarten. Sigmar Gabriel und Torsten Albig grinsen, trinken ihren Mirabellenbrand und seufzen. Albig singt leise: „Wir verkaufen ihrer Oma ihr klein Häuschen …“

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