Víctor Jaras Vermächtnis – warum Musik gegen Autoritarismus mehr hallt denn je

Christina Hioureas, Anwältin für internationales Recht in New York, erklärt, was uns Widerstandsmusik durch die Jahrzehnte lehrt.

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In den Tagen nach dem Militärputsch in Chile am 11. September 1973 wurde der Folksänger und Gitarrist Víctor Jara festgenommen und in das Estadio Chile gebracht, eine Sporthalle, die die Pinochet-Diktatur in ein Massengefangenenlager umgewandelt hatte. Dort wurde er gefoltert und ermordet.

Seine Folterer zertrümmerten ihm die Hände und trieben ihn durch das Stadion, höhnisch, er solle doch Gitarre spielen. Diese Brutalität war Symbolik. Jara war eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, ein Musiker, dessen Werk sich untrennbar mit demokratischen Hoffnungen und dem Aufstieg der Arbeiterklasse verwoben hatte – so sehr, dass man sagte, seine Musik sei mächtiger als tausend Maschinengewehre. Ihn zum Schweigen zu bringen sollte die Massen verstummen lassen – doch das gelang nicht.

Jaras Lieder überlebten, getragen von Aufnahmen, Erinnerung und Gemeinschaften in Chile und anderswo. Das Stadion, in dem er starb, trägt heute seinen Namen. Noch Generationen später wird seine Musik gesungen – von Joan Baez über Bruce Springsteen bis hin zu Bad Bunny.

Gerechtigkeit kommt spät

Leider folgt rechtliche Verantwortung nach dem Ende autoritärer Regime meist erst mit großer Verzögerung – so auch in Jaras Fall. Nach jahrzehntelanger Suche wurde der verantwortliche Leutnant schließlich in Florida aufgespürt, wohin er nach dem Zusammenbruch des Regimes geflohen war. Gemeinsam mit dem Center for Justice and Accountability erhoben meine Kolleginnen, Kollegen und ich vor dem U.S. District Court for the Middle District of Florida eine Zivilklage gegen ihn – gestützt auf den Alien Tort Statute und den Torture Victim Protection Act, wegen willkürlicher Inhaftierung, Folter, außergerichtlicher Tötung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Und so gilt: Auch wenn Gerechtigkeit bisweilen auf sich warten lässt, ist Musik dennoch ein Teil jener Kraft, die eine Gesellschaft letztlich dazu bringt, ein Regime abzulehnen und zur Rechenschaft zu ziehen – den Weg in Richtung transitionaler Gerechtigkeit zu gehen.

Autoritäre Regime haben die Macht der Musik stets gefürchtet. Von Auftrittsverboten über Inhaftierungen, Exil und Folter bis hin zu Schlimmerem haben sie immer wieder Musikerinnen und Musiker ins Visier genommen, deren Werk politische Empörung in eine gemeinsame Sprache verwandelt. Über Jahrzehnte und Kontinente hinweg haben autoritäre Regierungen auf Protestmusik mit erschreckender Konsequenz reagiert.

Verbote, Exil, Verfolgung

Im Südafrika der Apartheid wurde die Sängerin Miriam Makeba nach ihrer Kritik am Regime zu jahrzehntelangem Exil gezwungen; ihre Musik war daheim verboten, während sie im Ausland Gehör fand. In den Sechzigern verbot die griechische Militärjunta per Dekret die Musik von Mikis Theodorakis – der Komponist wurde inhaftiert und ins Exil getrieben. Und in der Tschechoslowakei des Kalten Krieges wurden Untergrundmusiker ihrer Lizenzen beraubt, verhaftet und schikaniert, weil sie sich staatlich verordneter Ästhetik verweigerten.

In jüngerer Zeit wurden Künstlerinnen und Künstler wie die kurdische Sängerin Nûdem Durak in der Türkei, der uigurische Popstar Ablajan Awut Ayup in China und die russische Band Pussy Riot auf Grundlage weit gefasster Sicherheitsgesetze verfolgt, wegen als subversiv eingestufter Liedtexte inhaftiert oder für Auftritte, die offizielle Narrative in Frage stellen, als Extremisten abgestempelt. In jedem dieser Fälle offenbart die Reaktion des Staates eine gemeinsame Angst: Autoritarismus lebt nicht nur von Furcht, sondern auch von Spaltung. Protestmusik wirkt dem entgegen – sie schafft einen Klangraum des Widerstands.

Regime reagieren so, weil Musik – gerade in Momenten der Unterdrückung – zum Kraftverstärker wird. Sie eint Gemeinschaften, fördert kritisches Denken, mobilisiert Opposition und spornt zum Handeln an. Ansätze davon erleben wir gerade wieder: von Bad Bunnys Halftime-Performance als Zeichen für Einheit und Liebe angesichts von ICE-Razzien, der Kolonialgeschichte Puerto Ricos und der Rhetorik gegen Lateinamerika bis hin zur Rückkehr von Widerstandsliedern vergangener Jahrzehnte.

Darunter Rage Against the Machines „Killing in the Name“ über institutionalisierten Rassismus und Polizeigewalt im Kontext des Rodney-King-Urteils, die Cranberries‘ ultimative Antikriegshymne „Zombie“ und System of a Downs „B.Y.O.B. (Bring Your Own Bomb)“ als Protest gegen den Irakkrieg; dazu Crosby, Stills, Nash & Youngs „Ohio“ über die Erschießung von Studenten in Kent State durch die Nationalgarde und Creedence Clearwaters „Fortunate Son“ über Eliten, die sich vor dem Wehrdienst drückten. Viele dieser Songs sind leider aktueller denn je – angesichts der Gräueltaten an unschuldigen Zivilisten in Konflikten rund um den Globus und außergerichtlicher Tötungen von US-Bürgern im Inland.

Das Lied, das überlebte

Während Regime weiterhin versuchen, Künstlerinnen und Künstler zum Schweigen zu bringen, legt die Geschichte eine beharrliche Ironie nahe: Je aggressiver ein Regime Musik bekämpft, desto nachhaltiger wirkt ihre Botschaft oft nach.

Kaum eine Geschichte verdeutlicht das klarer als die Jaras. Jahrzehnte nach seinem Mord und Jahre nach dem Zusammenbruch des Pinochet-Regimes trat das Recht auf den Plan – nicht als Ersatz für Musik, sondern als Mittel gegen das Vergessen. In einem US-amerikanischen Zivilverfahren befand eine Jury einen ehemaligen chilenischen Militäroffizier für haftbar für Jaras Folterung und Ermordung, sprach seiner Familie Schadensersatz zu und schuf damit ein dokumentiertes Zeugnis der begangenen Gräueltaten. Auf Grundlage der in diesem Verfahren und von chilenischen Behörden gewonnenen Beweise wird der Offizier, Leutnant Pedro Pablo Barrientos Nunez, nun vor chilenischen Gerichten angeklagt. Gerechtigkeit kam spät – aber sie kam, mit einem verbindlichen Protokoll und einem Schuldspruch. Das Ergebnis ist eine rechtliche Anerkennung: Was geschehen ist, hatte Gewicht. Und hat es noch.

Musik allein kann keine Rechenschaft erzwingen – aber das Recht kann sicherstellen, dass Gewalt nicht in Leugnung oder historischer Amnesie verschwindet. Rechtliche Verfahren erzwingen Beweise, weisen Verantwortung zu und verwandeln Zeugenaussagen in Geschichte. Was autoritäre Regime auszulöschen suchen, bewahrt das Recht.

Kulturelle Repression als System

In Fällen verfolgter Künstlerinnen und Künstler hat rechtliche Verantwortlichkeit bestätigt, dass kulturelle Unterdrückung kein Randphänomen des Autoritarismus ist – sie ist sein Kern. Diese Verfahren erkennen an: Angriffe auf Künstler sind Angriffe auf kollektiven Ausdruck als solchen.

Autoritäre Regime greifen Künstlerinnen und Künstler an, weil sie deren Macht kennen. Was sie jedoch nicht begreifen, ist Resonanz. Ein Schuss hallt einmal – ein Lied hallt durch Generationen. Songs überdauern, weil sie für Wiederholung gemacht sind. Sie können leise oder laut gesungen werden, öffentlich oder im Verborgenen. Texte, die für einen Kampf geschrieben wurden, können Jahrzehnte später einen anderen beflügeln. Diese Kontinuität erklärt, warum Protestlieder früherer Epochen in Momenten politischer Anspannung immer wieder auftauchen.

Musik lehrt Menschen, sich als Teil von etwas Größerem zu hören – und zu widerstehen. Das Recht lehrt die Welt, wie man sich erinnert. Gemeinsam mit Anwältinnen, Anwälten und Richtern verwandeln Künstlerinnen und Künstler Stimmen in Rechte, Anerkennung und Gerechtigkeit. So bleibt Musik der gemeinsame Klangraum des Widerstands.

Christina Hioureas ist Anwältin in New York, spezialisiert auf internationales Recht, und vertritt Mandanten vor internationalen Gerichten und Schiedsgerichten. Sie ist außerdem Gastprofessorin an der UCLA School of Law und der USC Gould School of Law, wo sie Kurse zum Menschenrechtsrecht lehrt. Sie war als Rechtsanwältin für die Witwe und Töchter des chilenischen Folkmusikers Víctor Jara tätig und errang ein historisches Urteil gegen den Leutnant, der für seine Folterung und Hinrichtung während der Pinochet-Diktatur verantwortlich war.

Christina Hioureas schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil