Vom Glück des Ausharrens – Happy Birthday, Morrissey!

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Wenn am 15. Juli 2014 das Album „World Peace Is None Of Your Business“ erscheint, wird es das erste Morrissey-Album seit fünf Jahren sein – und dem Sänger womöglich ein Comeback bescheren. Davon hatte der ehemalige Smiths in seiner mehr als 30 Jahre dauernden Karriere schon einige.

Im Jahr 2004 veröffentlichte Morrissey, der heute 55 wird, sein Album „You Are The Quarry“, das ihm mit Singles wie „Irish Blood, English Heart“ auch wieder Hits bescherte. Ein Porträt zur Veröffentlichung:

Vom Glück des Ausharrens – Wie Morrissey seine Rückkehr inszeniert und als Weiser von Moz gefeiert wird

Am Ufer sitzen und dabei zuschauen, wie die Feinde von einst den Fluss heruntertreiben: Welches Bild wäre schöner geeignet, den womöglich schon finalen Triumph des Steven Patrick Morrissey über die Welt zu dokumentieren? Na ja, vielleicht jene oft strapazierte Pikanterie, dass der Solipsist in jener Villa wohnt, die Clark Gable für seine große Liebe Carole Lombard bauen ließ, die bald darauf bei einem Flugzeugabsturz starb. Wie von Morrissey erdacht! Seine Emigration nach Los Angeles, zunächst ein köstlicher Treppenwitz, erwies sich zur Veröffentlichung von „You Are The Ouarry“ als Glücksfall – denn nun mussten die Fragesteller entweder nach Amerika reisen, wo Moz in ein bizarres Wellness-Hotel am Sunset Strip lud (und pinkeln ging!), oder nach London, wo er im Dorchester sein Lager aufgeschlagen hatte. Die von Morrissey souverän dominierten Gespräche mussten schon mal unterbrochen werden, wenn der Meister ein quietschendes Wägelchen mit Tee auf dem Gang heranrollen hörte und dem Geräusch lauschte.

Früher hat er über die Zubereitung echten britischen Tees doziert, es gibt sogar eine CD mit dem Vortrag, und natürlich gehört es zur Morrissey-Attitüde, dass er den Tee stets nebst separatem Wasser servieren lässt, weil auch die Teezubereitung zu den Verrichtungen gehört, die in England nicht mehr beherrscht werden. Ja, es ist wahr: „Nicht ich bin es – es sind die Filme, die kleiner geworden sind“, so Gloria Swanson in Billy Wilders „Sunset Boulevard“. Ein bisschen von der modrigen Aura der alternden Diva umweht den Mozzer, wenn er in „Come Back To Camden“ über die ständig schwadronierenden Taxifahrer räsoniert und die Stühle an der Themse auf dem Asphalt bei fragwürdigem Wetter, wenn er in „You Know I Couldn’t Last“ ein weiteres und vielleicht letztes Mal die Kritiker verabschiedet, die „northern leeches“ (können natürlich alle sein!) und die Anwälte, CDs, T-Shirts, Promos, eine Registrierkasse auf seinem Rücken – Sisyphus mag nicht mehr.

„Existence is only a game/ And l’m not sorry.“ Nein, die Frau (sie!) seiner Träume gab es nie, und komm, nimm seine Hand — das Rennen ist gewonnen. ER, der ein gutes Kind war, hat Jesus vergeben, aber nicht Smiths-Trommler Mike Joyce, der noch immer dem Geld hinterherläuft, das ihm vom Gericht zugesprochen wurde. Morrisseys Rache besteht darin, dass er vor 16 000 Menschen auftritt und sich anschließend darüber freut, das Joyces Geldeintreiber vor der Tür warten. Er höhnt über die ehemaligen Autoren beim „smelly NME“, die nun von devoten Endzwanzigern ersetzt wurden, die auch kein Interesse an Einwanderern und unbritischen Elementen haben. So wenig Morrissey ein Rassist ist, so wenig schätzt er den Verfall der britischen Sprache und Tradition, und natürlich liebt er auch nicht Dub und Reggae, obwohl er – des für ihn reaktivierten „Attack“-Labels wegen – das Gegenteil behauptet (ohne diese überraschende Zuneigung näher zu erläutern). Morrissey trifft in London die hippen Jungs von Franz Ferdinand, die 16 Jahre jünger sind als er (sich aber wie Pennäler benehmen), und lässt sich als Faktotum bestaunen. Die Jungs haben als Kinder Platten von Madness gekauft – „respectable“, lobt Moz. Franz Ferdinand stammeln anschließend, der Legendäre sei so „enigmatisch“ wie vermutet, dabei ist alles von absoluter Klarheit, was Morrissey dieser Tage so erzählt.

Der „NME“ zeigt den vordem Verfemten als „Mozfather“ im Schattenschnitt und mit einem Porträt: „The guv’nor returns.“ Aber der Guv’nor agiert zunächst schön von Kalifornien aus, wo er allenfalls nachmittags auf eine Brause in eine Bar einkehrt. Den Club, den er den „lazy dykes“ auf seiner Platte empfiehlt, hat er selbst natürlich nie von innen gesehen. In dem grotesken Video zu „Irish Blood, English Heart“ spielt Morrissey die Existenz, die aus ihm hätte werden können: einen ältlichen Entertainer in einer Bingo-Kaschemme, angetan mit einem weißen Jackett, das ein wenig zu eng sitzt, der berühmte guiff ergrauend, die Gesten noch immer ausladend. Seine Konzerte eröffnet Morrissey mit „My Way“ – bald wird er sich, wie Sinatra vor 30 Jahren, als „heavy-weight champion of the world“ ankündigen lassen. So rächt er Oscar Wilde, der als armer Poet in einer Pariser Absteige sterben musste.

Moz weiß natürlich, dass er ganz genau derselbe ist, der „Southpaw“ und „Maladjusted“ aufnahm und der sich erst in den Union Jack, dann in Schweigen hüllte. Er weiß aber auch, dass er jetzt lange genug geschmollt hat, um ein nationaler Schatz zu werden. Er war sieben Jahre still. Steven Patrick Morrissey kehrt zu seiner Krönung heim. Die Königin ist endlich tot. „The critics who can’t break you/ They somehow help to make you.“

DAS ARCHIV – Rewind“ umfasst über 40 Jahre Musikgeschichte – denn es beinhaltet die Archive von Musikexpress, Rolling Stone und Metal Hammer. Damit ist von Popmusik über Indierock bis zu Heavy Metal nahezu jede Musikrichtung abgedeckt – angereichert mit Interviews, Rezensionen und Reportagen zu Filmen, Büchern und popkulturellen Phänomenen:


Die Alben des Jahres 2019: Birgit Fuß

Die Alben des Jahres 2019 – von Birgit Fuß: Lloyd Cole: Guesswork Better Oblivion Community Center: B.O.C.C. Wilco: Ode To Joy Neil Young & Crazy Horse: Colorado Robert Ellis: Texas Piano Man Bonnie Prince Billy: I Made A Place King Princess: Cheap Queen Big Thief: Two Hands Thom Yorke: Anima Nick Cave & The Bad Seeds: Ghosteen Bill Callahan: Shepherd In A Sheepskin Vest Weyes Blood: Titanic Rising Richard Dawson: 2020 Leonard Cohen: Thanks For The Dance Moritz Krämer: Ich hab einen Vertrag unterschrieben Maria Taylor: Maria Taylor Marika Hackman: Any Human Friend Morrissey: California Son IDER: Emotional Education Craig…
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