Wanda im Interview: Mut zur Räudigkeit

ROLLING-STONE-Autor und Schriftsteller Berni Mayer hat mit Marco Michael Wanda von Wanda telefoniert. Der war zwar gerade in Wien auf Wohnungssuche, hat sich aber dennoch ausführlich Zeit genommen, um über Mut zur Räudigkeit und Mut zum Rauchen zu sprechen.

Mit ihrem Debüt „Amore“ veröffentlichte die österreichische Band Wanda auf einen Schlag eines der besten Alben 2014. Derzeit touren die Musiker durch Deutschland (13.02. + 15.02., Berlin, 20.02., Ebensee). ROLLING-STONE-Autor und Schriftsteller Berni Mayer erwischte Wanda-Sänger Marco Michael Wanda am Telefon.

Berni Mayer:

Ich stell jetzt das Aufnahmegerät neben das Telefon und schalt auf Freisprechen.

Marco Wanda:

Großartig, das ist Avantgarde.

BM:

Weil ich auch demnächst Bilderbuch interviewe – seid ihr eigentlich so eine Art Gegenentwurf? Musikalisch gemeint, nicht grundsätzlich konträr.

MW:

Nein, ich glaube, dass wir uns beide ernsthaft mit unserem Handwerk auseinandersetzen. Und beide Bands sind mutig. Ich hab das Gefühl, Bilderbuch wühlen sehr viel in Popkultur und wir wühlen sehr viel in Literatur. Insofern finde ich es spannend, das hat was von Tag uns Nacht – du hast doch irgendwie Recht.

BM:

Auch in Sachen Produktion, oder? Ihr seid etwas räudiger, die sind pompöser.

MW:

Ja, aber was uns vereint, ist, dass wir beide keinen Diskurs führen wollen. Ich glaube, es ist kein Diskurspop.

BM:

Diskurspop wär dann eher Ja, Panik?

MW:

Wahrscheinlich, obwohl ich das Gefühl habe, die verlassen diesen Pfad auch gerade. Alle wollen jetzt gute Musik machen. Man muss sich jetzt nicht mehr schämen, wenn man gute Musik macht.

BM:

Habt ihr damals irgendetwas nachgespielt, als ihr im Proberaum angefangen habt?

MW:

Das einzige fremde Lied, das wir gespielt haben war „Montevideo“ vom Hansi Lang, das ist aber eher gescheitert. Ach so ja, was uns auch ganz gut gelungen ist, war „Ganz Wien“, auch vom Hansi Lang. Das war in Vorallberg als 7. Zugabe, oder so. (lacht)

BM:

Das mit dem „Austropop“ haben ja schon andere abgefrühstückt. Mich interessiert trotzdem, ob ihr – wenn ihr wählen müsstet – euch irgendeiner Austria-Platte ab 1975 besonders zugehörig fühlt.

MW:

Das ist immer schwer, ich hab auch keinen Überblick was in den 70ern veröffentlicht wurde. Für mich beginnt das alles erst 81 und endet 87 mit dieser überarrangierten Fendrich-Platte. Und früher gab’s ja auch noch die Worried Man Skiffle Group, damit kann man sich eher noch anfreunden.

BM:

Ich frag‘ deshalb, weil die „Zentralfriedhof“-Phase von Ambros etwa 1975 war und von der Räudigkeit finde ich das euch nicht so wahnsinnig unähnlich. Er singt damals auch relativ rau und derb. Du schreist ja auch ein bisserl.

MW:

Darf ich das kurz kommentieren? Das hat schon mehr soziologischen Hintergrund. Es gibt Muster, die tradiert werden und die verschwinden über eine Generation und tauchen wieder auf. Das heißt nicht, dass eine Platte aus dieser Zeit ein bewusstes Versatzstück ist, ich will uns da nicht den intuitiven Moment absprechen, weißt du, was ich mein‘? Wir artikulieren ein Lebensgefühl, vielmehr als dass wir eins zitieren. Räudige Platten gab’s viele.

BM:

Das wollte ich keineswegs unterstellen. Ich find’s nur interessant wegen der Stimme und weil Ambros damals so sperrig und teilweise g’schert getextet hat und trotzdem aber schon in den Wohlfühl-Shows von Peter Rapp und Konsorten aufgetreten ist und die Massen bedient hat. Blüht euch das auch, oder passiert das schon?

MW:

Wir haben hier und da schon Berührungspunkte mit dem Mainstream, aber es ist jetzt nicht der Musikantenstadel. Wir waren bei Willkommen In Österreich mit Stermann und Grissemann, aber Ö3 ignoriert uns nach wie vor. In Deutschland laufen wir hingegen auf größeren Radiosendern. Ich versteh’s nicht ganz. Aber es ist uns auch nicht so wichtig. Das Ding ist eh schnell genug. Die Geschwindigkeit passt. Ich hab gehört, wir sind zweimal (mittlerweile dreimal; Anm. d. Red.) in Folge in Berlin ausverkauft. Das passt alles, da braucht man keinen wirklichen Mainstream.

BM:

Ich glaube, das ist schon der Mainstream. Was mich auch interessiert: wie sehr wollt ihr das? Es gibt ja Musiker, bei denen passt es zufällig, aber ihr habt ja auch noch dieses Album mit einem superstimmigen Narrativ gemacht. Wie sehr will man das, will man Kunst schaffen, wo jeder schon beim ersten Album sagt: „Die Burschen zünden“ oder ist es eher ein Zufallsprodukt?

MW:

Das ist beides, glaub ich. Wir wollen das voll, aber wir haben uns nicht bewusst entschieden, eine Hitplatte zu machen. Das Narrativ ist schnell erklärt, es ist halt eine Lebensphase.

BM:

Dieses „Striezi-hafte“, was ich auch schon öfter über euch gelesen habe, spiegelt ja auch eine gewisse simplizistische Lebensweise wieder. Der reine Hedonismus ist ja auch immer ein bisschen dumm, oder naiv ist eher das richtige Wort. Auf jeden Fall jugendverhaftet. Aber das ist ja nicht 1:1 der Marco Wanda, oder?

MW:

Sowieso. Es ist nur ein Teil von mir. Der Typ hat die Haltung: „ In einem Verkehrsunfall, kümmere dich um deinen Sitznachbarn, und dann erst um alle andern.“

BM:

Interessanter Vergleich. Du liest ja auch H. C. Artmann und Kraus, sagtest du mal. Inwiefern fühlst du dich der lyrischen Tradition des Morbiden verpflichtet? Fühlt ihr als Wiener euch überhaupt einer gewissen ästhetischen Haltung verpflichtet, oder ist euch das scheißegal?

MW:

Eher scheißegal.

BM:

Wobei das ja auch eine tradierte Wiener Haltung ist.

MW:

Da holt mich halt ein, dass ich aus einem Wiener Körper in eine Wiener Welt gekrochen bin. Da hatte ich keine Chance.

BM:

Das ist nicht das schlimmste Schicksal.

MW:

Wien ist eine schöne Stadt. Wir brauchen das Morbide.

BM:

Ich hab einen Freund, der mit 45 noch herzhaft raucht. Der schrieb mir, ich solle euch unbedingt sagen, dass ihr „neben eurer Fabelhaftigkeit endlich auch das exzessive Zigarettenrauchen auf der Bühne von seiner armselig attitüdischen Vignettenhaftigkeit befreit habt.“

MW (lacht laut):

Das ist lieb. Was soll man sagen, wir rauchen wirklich viel, bist deppert.

BM:

Aber auch gern, hoff ich.

MW:

Immer noch gern. Ja natürlich. Voll. Und es schadet den Stimmen nicht, interessanterweise. Das halte ich für einen Mythos. Es schadet eher psychisch.

BM:

Ich hab in einem Interview mit dem Kurier gelesen, wo du sagst, dass ein Redakteur wie der Martin Blumenau (FM4) Angst haben könnte, dass eine Band wie ihr etwas gefährlich Populistisches an sich haben könnte. Habt ihr zwar meiner Meinung nach nicht, aber wenn man ein junger Indie-Künstler ist, hat man doch nicht gerade Bock, dem Volk nach dem Mund zu reden, oder? Aber wenn man so textet wie ihr, dann finden sich da auch plakative Momente, wo vielleicht am Stammtisch gesagt wird: „Jawoll!“

MW:

Also, wir sind überhaupt keine Gesellschaftsphobiker. Provinz versus Großstadt, bzw. Bürgertum versus Provinz, das ist mir zu arg. Da haben wir schon ein geschlosseneres Weltbild. Ich freue mich über jede Bildungsschicht, der das in irgendeiner Weise aus dem Herz spricht. Ich habe als Künstler nicht die Gesamtverantwortung. Ich bin nicht die Judikative oder die Exekutive.

BM:

Das Striezihafte, hedonistische, die Einstellung zu Sex, die Kurzlebigkeit der Liebe – da hast du ja auch mal gesagt, das spiegle gar nicht das Wunschdenken der Band wieder, es klingt halt einfach lässiger.

MW:

Wir wurden in Interviews auch schon als so „ Urlaubslieben-Verhandler“ dargestellt, so verwegene Allesficker. Aber das sind wir nicht, überhaupt nicht. Ist doch niemand in Wahrheit. Zerstört man sich nur selbst.

BM:

Noch seid ihr das nicht, aber vielleicht nach fünf Jahren auf Tour wie Led Zeppelin.

MW:

Ja, vielleicht verändert sich jetzt alles.

BM:

Da sprechen wir uns dann nochmal beim nächsten Album.

MW:

Da werden aber ähnliche Inhalte verhandelt. Das kommt wahrscheinlich auch schon im September. Wir haben die Lieder, die müssen raus. Es ist auch erst drei Jahre her, dass wir zum ersten Mal zusammengespielt haben. Es geht echt schnell. Wir kommen mit dem Verarbeiten nicht nach. Ich hab keine Ahnung, was mich erwartet. Kann ich davon leben? Es ist kompliziert.

BM:

Kann man das echt noch nicht absehen, was hängen bleibt?

MW:

Nein, aber zumindest ist die Miete gesichert. Das ist für einen Musiker in Österreich schon einmal ein toller Erfolg.  Es ist schön, dass sich ein gewisser  Mut und eine gewisse Räudigkeit bezahlt macht.

BM:

Du hast ja vorher gesagt: Bilderbuch und euch ist der Mut gemeinsam. Was hast du gemeint?

MW:

Es ist mutig, in einem Land, das seit zehn Jahren bewusst heimische Popmusik aus dem Mainstream-Kanon ausschließt, zu sagen: Da scheiß ich drauf und mach’s trotzdem. Hier war eigentlich für alle klar, dass wir nicht unsere Miete zahlen können. Das war ein gesellschaftlicher Mut.

BM:

Und warum schließt man in Österreich die heimische Popmusik aus?

MW:

Keine Ahnung, es gab ja gute Leute. Aber jetzt ändert es sich gerade. Ich habe keinen Einblick in diese Mechanismen. Wenn ich es wüsste, würde ich einen Bestseller darüber schreiben.

BM:

Was deine Texte auf dem Album betrifft, hast du ja grad einen geschrieben. Und zwar ohne das zu planen, nehm ich an.

MW:

Ja, ich hab dazu noch einen assoziativen, oder eher dissoziativen Gedanken: Authentizität ist doch, wenn man sich selbst am besten spielen kann.

BM:

Genau, das ist wie im Wrestling. Die besten Ringcharaktere sind die, die eigentlich nur eine auf 11 gedrehte Version von sich selbst spielen. Sorry für den absurden Exkurs.

MW: (lacht)

BM:

Ein letztes Mal zu Bilderbuch. Wenn beide Bands Oasis und Blur sind, was seid ihr dann?

MW (lacht):

Wahrscheinlich eher Oasis. Schon wegen unserem Manager, der hört das gern.


Wanda – Bologna

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