Interview

„Warum ist die Gesellschaft so, wie sie ist?“: Uwe Timm über die RAF, Aldi und die Angst vor Flüchtlingen

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„Warum ist die Gesellschaft so, wie sie ist?“: Uwe Timm über die RAF, Aldi und die Angst vor Flüchtlingen

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Der Schreibtisch, an dem er immer noch mit der Hand in große Kladden schreibt, besteht aus einer schlichten Platte auf zwei Holzböcken. Es gibt einen silbernen Buddha, den Uwe Timm vor 40 Jahren aus Indien mitgebracht bekam. Ethno-Jazz-, Klassik- und Pop-CDs sind vor dem Bücherregal gestapelt. Trotz der vielen Exponate ist dieses Arbeitszimmer aufgeräumt, hell und bescheiden. Das Zimmer des gebürtigen Hamburgers, man möchte beinah sagen: des „großen Klaren aus dem Norden“, ist ganz anders als die Arbeitsplätze so vieler anderer bekannter Literaten. Uwe Timm sammelt Gegenstände, Erinnerungsstücke, Devotionalien, die in vielen Fällen in seinen Romanen, in seinen Novellen und Erzählungen auftauchen. Verzettelt sind seine Texte trotz der beeindruckenden Materialfülle aber nie.

Wie kommt ein Hamburger eigentlich nach München?

Ich muss mich immer rechtfertigen.Dieser Vergleich der Städte ist wirklich nervend. Andererseits ist so ein Vergleich im strukturalistischen Sinne von Roland Barthes natürlich auch wieder interessant. Es sagt viel über Klischees aus. München, das ist immer Schickimicki. Als ob ich mich den ganzen Tag die Maximilian-straße rauf und runter bewege. Allerdings muss man sagen, es ist der einzige Boulevard in Deutschland.

Bevor Sie nach München gingen, haben Sie in Braunschweig ihr Abi­tur nachgemacht.

Ja, mit Benno Ohnesorg zusammen. Mein Buch „Der Freund und der Fremde“ beschreibt die damalige politische Situation. Nach dem Abi-tur habe ich angefangen, Philosophie und Germanistik zu studieren, dann auch in Philosophie promoviert, bei dem Heidegger-Schüler Max Müller.

Das Bild des toten Ohnesorg hat auf den Punkt gebracht, was in der Gesellschaft nicht richtig war

Waren die Promotionsjahre eine gute Zeit?

Ja. Ich war dadurch ein Jahr in Paris. Dann kam ich zurück, und hier hatte sich alles politisiert. Daraufhin habe ich die ursprüngliche Dissertation, an der ich intensiv und lange gearbeitet hatte, weggeschmissen und eine neue geschrieben, die politischer war.

Worüber haben Sie letztendlich promoviert?

Über das Absurditätsproblem, speziell bei Camus.

Als Sie zurückkamen und das Bild des toten Benno Ohnesorg sahen –haben Sie sich gedacht: Jetzt räche ich meinen Freund?

Nein, nein, eigentlich nicht. Mir ist nur in dem Moment klar geworden, wie widersprüchlich die ganze weltweite politische Situation war. Ich war vorher bei Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen. Ich habe mich dann in Paris sehr intensiv mit der Dritten Welt beschäftigt. So kam ich in diese Kreise rein. Noch 1966 im SDS war alles relativ ruhig, und es wurde über die Frühschriften von Marx diskutiert und über Hegel. Aber das Bild des toten Ohnesorg hat auf den Punkt gebracht, was in der Gesellschaft nicht richtig war, wo-runter man selbst auch gelitten hat: an dieser Isolierung und an dieser Konkurrenzsituation in der Universität, an den autoritären Strukturen.

Die Uni als Elfenbeinturm?

Ich hatte ein sehr elitäres Verhalten. Das habe ich aber schnell abgelegt, durch Einsicht. Da haben sich in der Politisierung plötzlich ganz einfache, solidarische Lebensformen entwickelt. Man half sich gegenseitig, tauschte sich in der Uni aus.

Stimmt die Behauptung, Sie seien erst nach zwei Jahrzehnten erfolgreich gewesen, Sie hätten sich „nach oben“ schreiben müssen?

Das war bei mir tatsächlich nicht wie bei Günter Grass. Der war mit der „Blechtrommel“ gleich auf eine sensationelle Weise präsent. Aber mein erster Roman, „Heißer Sommer“, ist auch nicht schlecht gegangen.

Ist „Heißer Sommer“ ein RAF-Roman?

Das ist damals heftig diskutiert worden. Auch innerhalb der Linken. Weil „Heißer Sommer“ vom Ansatz in die Gewerkschaft führt – und nicht in den bewaffneten Widerstand. Es ist eher das, was man „reformistisch“ und nicht „revolutionär“ nannte.

(Foto: David Ebener dpa)
(Foto: David Ebener dpa)

Das war in der Tat ein Problem?

Es wurde auch diskutiert, ob die Arbeiter richtig dargestellt waren – Fragen, die heute überhaupt nicht mehr vorstellbar sind. Oder: Gibt es eine bestimmte politische Strategie in dem Roman? Die gibt es so nicht, denn es ist ja eher ein Entwicklungsroman über einen ziemlich durchschnittlichen Studenten mit Arbeitsschwierigkeiten, der seine Probleme hat zu Hause, der Probleme hat mit der Universität – auch typisch – und der sich dann radikalisiert und politisiert.

Es gibt immerhin einen Anschlag.

Wenn man so etwas wie dieses Attentat auf das Polizeiauto annimmt, dann ist das schon sehr nahe an dem, was man in der wirklich gewaltbereiten Szene ansiedeln würde. Und es gibt im Roman ja auch ein Gespräch mit diesem Conny, der offenbar bei der RAF ist, wo Gewalt diskutiert wird. Solche Diskussionen habe ich selbst erlebt. Ich war im SDS, habe relativ elitär Philosophie studiert und Heidegger gelesen, den ich ganz wichtig finde, auch als Linker. Im SDS wurde ich politisiert, und als das nicht weiterging, bin ich in die DKP gegangen, dort wieder ausgetreten und jetzt Freibeuter – ich segle unter eigener Flagge.

Diese Zeit wirkt unglaublich fern.

Vor allem die politische Haltung kann man sich nicht mehr vorstellen. 1974 sind wir hier in dieses Münchner Haus gezogen. Da sind drüben, ziemlich nahe gegenüber, Balkone vor kleineren, älteren Häusern, wo Studenten oder Künstler wohnten. Wenn man im Sommer draußen auf dem Balkon saß, hörte man Diskussionen, wirklich engagierte Diskussionen über die Dritte Welt, über Unterdrückung, über die Notwendigkeit politischer Veränderungen, über eigene Bedürfnisse, über Solidarität. Heute hört man nur noch ein Gespräch über Urlaub oder Berufschancen. Innerhalb von wenigen Jahren hat sich die Mentalität radikal geändert.

Was ich immer wieder höre: Die Zeit der späten Sechziger und der Siebziger sei für Nachgeborene auch in sexueller Hinsicht nicht nachvollziehbar, diese wenigen Jahre, als die Pille schon da und AIDS noch nicht bekannt war.

Das Entscheidende an ’68 ist, dass das nicht nur eine abstrakte Entwicklung zu anderen politischen Vorstellungen war – also andere Regierung, mehr Geld, bessere Gewerkschaften –, sondern eine Frage, wie man sich selbst verändert: Wie man Distinktion gegen Gewalt entwickelt. Auch in den Emotionen. Man kann sich heute nur noch schwer vorstellen, wie sehr vor 1968 auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen formalisiert und mit Konventionen belegt waren. Plötzlich änderte sich alles, plötzlich sprachen einen Mädchen, die man nicht kannte, in der Bibliothek an und fragten: „Hast du Lust auf einen Tee zu Hause?“ Damit wurde übergesprungen, was sonst immer den Männern vorbehalten war.

Warum ist die Gesellschaft so, wie sie ist?

Warum gibt es jetzt wieder diese Konventionen?

Da muss ich euch fragen, ihr jungen Leute, warum duldet ihr das, warum ändert ihr euch nicht, warum versucht ihr diese Verhältnisse der Isolation und der Konkurrenz nicht zu ändern? Warum ist die Gesellschaft so, wie sie ist?

Es scheint ein überbordendes Selbstvertrauen in unserer Generation zu geben, auch bei Nichtakademikern, die sich ohne Probleme Häuser und Autos kaufen können.

Diese Schicht gibt es. Aber wer Werkzeug- oder Maschinenbauer gewesen ist, konnte sich kein Häuschen kaufen. Das konnte die Schicht namens Mittelstand, der es zu Recht sehr gut gegangen ist und die auch sehr viel akkumulieren konnte. Aber das ändert sich gerade. Die Menschen dieser Bevölkerungsschicht haben alle wahnsinnige Angst, aus dem Mittelstand raus- und ins Prekariat zu fallen. Ich kenne viele, die jetzt 65 oder 70 Jahre alt sind und als Rentner im Prekariat leben. Jede Menge Akademiker. Wer nicht Beamter ist, hat große Schwierigkeiten, mit der Rente auszukommen – gerade Leute, die in den Medien gearbeitet haben. Und diese Angst, die steckt auch in den jungen Leuten. Das ganze gesellschaftliche System ist instabil geworden.

Das zentrale Problem ist für mich dieses System, das permanent Armut produziert und einen unfasslichen Reichtum für einige wenige akkumuliert

Gerade kursiert dieses Omnibus-Bild im Netz mit dem Hinweis, dass die 80 reichsten Menschen der Welt – so viele, wie in den Bus passen – über das gleiche Kapital verfügen wie die unterste Hälfte.

Ich habe gestern die Frau Albrecht von Aldi gesehen, eine Milliardärin, die Kunst kauft und davon redet, dass man sich die Dinger ja schließlich an die Wand hängen könne. Da sind Milliarden akkumuliert – und zugleich haben Sie diese Verkäuferin, die nicht von ihrer Rente leben kann. Das ist nicht eine Generationen-, sondern eine politische Frage, weil es nicht gelungen ist, die Eigentumsverhältnisse so zu verändern, dass wir zum Beispiel ein gerechtes Steuersystem bekommen. Das zen-trale Problem ist für mich dieses System, das permanent Armut produziert und auf der anderen Seite einen unfasslichen Reichtum für einige wenige akkumuliert.

Früher wurde gegen solche Verhältnisse härter gekämpft?

Man hat sich darüber empört! Man war empört über Vietnam. Man war empört über die Situation der Länder in der Dritten Welt, über die damaligen Verhältnisse der Ausbeutung. Inzwischen sagt jeder, das sei zwar schlimm – aber man will auch auf gar keinen Fall die Flüchtlinge haben, die man permanent in Afrika mit produziert. Und plötzlich sehe ich beim morgendlichen Jogging ganz viele Rentner, die Flaschen einsammeln, um die Pfandgroschen zu bekommen. An dieser Situation macht sich so viel deutlich. Aber man muss eben  hinsehen – dieses genaue Hinsehen auf das, was die Wirklichkeit produziert, und darauf, wie sie es produziert und wie sich das äußert. Das macht eben auch die Distinktion aus, um so etwas wie ein Gerechtigkeitsempfinden zu entwickeln, was ja immer auch ein intellektueller Vorgang ist. Es gibt sehr empfindsame Menschen, die sich dermaßen empören, dass sie zur Tat schreiten. Bei mir ist die Tat das Schreiben, ich versuche damit, solche Dinge ins Bewusstsein zu heben. Andere Menschen finden die Verhältnisse so schlimm, dass sie demonstrieren gehen oder plötzlich die Scheiben der Banken einwerfen.

„Rot“ ist kein Buch, das dazu aufruft, die Siegessäule zu sprengen. Aber man könnte darüber nachdenken

Beschreibt Ihr Buch „Rot“, dieser Abgesang auf die Achtundsechziger, nicht genau dieses Zur-Tat-Schreiten – das dann doch schiefgeht?

„Rot“ ist kein Buch, das dazu aufruft, die Siegessäule zu sprengen. Aber man könnte darüber nachdenken. Die Berliner Siegessäule ist wirklich ein solches Symbol für Krieg und Gewalt, dass man durchaus überlegen kann, es zu sprengen. Zumindest sollte man darüber diskutieren.

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