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Wenn die Elefanten zärtlich singen

Ein sphärischer Abend. Könnte man zusammenfassend sagen, um sich die Kitschigkeiten zu ersparen, die zur Beschreibung sphärischer Abende gebraucht werden. Trotzdem: Lichter in schummernden Pastelltönen brechen sich an der Decke des kleinen Clubs, sonst ist es dunkel wie im Schlafzimmer. Die Musik der Band Malory, die hier spielt, hebt und senkt sich, der Gesang großer Wale, schwer, sakral und gutmütig. Die Gitarren – zur Abwechslung schraddeln und scheppern sie nicht, sondern sie schweben, diffundieren, verdichten und zerstäuben sich, das Mädchen und der Junge singen, als würden sie mit geschlossenen Augen ausatmen. Sie lassen die Köpfe hängen, denn so muss es sein. Bei der Disco nach dem Konzert hat man dann die Gelegenheit, vergnügungssüchtige Studentinnen zu sehen, die sich beim Tanzen zu zehnminütigen Sigur Ros-Liedern irre amüsieren.

Tonight we’re gonna party like it’s 1991. 1991 hier stellvertretend für die kurze Zeit, als in England so viele Bands klangen wie im Jahr 2004 Malory aus Dresden: die Bands Chapterhouse, Slowdive, Pale Saints, Ride, Lush, Moose und so weiter. Die Bands kennt heute kein Mensch mehr, und viele, die sich erinnern, erinnern sich ungern. 1991 erschien nämlich auch auf der Witzseite des „NME“ der Beitrag „Wie man sich seine eigene Shoegazer-Band bastelt“. Abgebildet waren, zum Ausschneiden und Zusammenkleben, ein Gitarrenpedal, Akne, „reiche Eltern“, ein Album von My Bloody Valentine. Die Band, die (neben austauschbaren Frühwerken) zwei Stunden bahnbrechende Gitarren-Feedback-Collagen mit Valium-Gesang hinterlassen hat und noch heute immer herbeizitiert wird, wenn irgendjemand den Verstärker zu laut dreht, hat ihre letzte Platte „Loveless“ l991 veröffentlicht.

Warum es nach über zehn Jahren ausgerechnet in Deutschland eine Renaissance dieses marginalen, verspotteten, ausgesprochen britischen Gitarrenpop-Genres gibt, ist kaum zu erklären. „Diese Bands hätten heute sicher ein größeres Publikum als damals, weil sich die Leute mittlerweile daran gewöhnt haben, bei Musik auf die Sounds zu achten“, sagt Heiko Hoffmann, Berlin, DJ und Chefredakteur der auf elektronische Musik spezialisierten Zeitschrift „Groove“. Hoffmann hat auf seinem Label Mobile kürzlich die Compilation „Feedback To The Future“ herausgebracht, eine handverlesene Auswahl alter Shoegazer-Stücke, der erste Sampler zu diesem Thema überhaupt In England wurde Hoffmanns Platte verwundert rezensiert, weil dort niemand auf die Idee gekommen wäre. Den Begriff Shoegazer hatte ja die britische Presse selbst als Spottwort erfunden, weil die Gitarristen angeblich immer auf die Effektpedale am Boden stierten. Eine Ähnlichkeit zu den so genannten Knöpfchendrehern, den scheuen, konzentrierten Computer-Musikern – während im Gitarren-Sektor Grunge und Brit-Pop die Introvertierten wegputzte, fühlten sich Elektroniker vom wallenden Klang und den wie Instrumente eingesetzten Gesangsstimmen höchst inspiriert. Auf dem Berliner Label Morr Music erschien jüngst ein Tribute-Album für die Band Slowdive und die Platte des Digital-Künstlers Guitar, der sich auf My Bloody Valentine beruft. „Von Slowdive zu den elektronischen Platten des Warp-Labels, das war für viele Hörer nur ein kleiner Schritt“, erinnert sich Kompilator Hoffmann, und Jörg Köhler von den etwas orginalgetreuer mit Gitarren arbeitenden Malory sagt aufschlussreich: „Das Schrauben an Effekten nimmt bei den Proben schon viel Raum ein. Man hört die ganzen Obertöne ja nur, wenn es richtig laut ist“

Mit monatelangem Schrauben bei hoher Lautstärke und Studiomiete hat Ex-My Bloody Valentine-Chef Kevin Shields Anfang der Neunziger seine Plattenfirma fast ruiniert. Die österreichische Band Naked Lunch konnte sich ähnliche Experimente beim neuen Album „Songs For The Exhausted“ nur deshalb leisten, weil sie im eigenen Studio saßen. „Wir waren uns einig, das uns bei dieser Platte die Atmosphäre ganz wichtig sein würde“, sagt Sänger Oliver Welter, „Wärme und Nähe, und dazu gehört, dass man mit den Dingen verschwenderisch umgeht“ Wenn es eine ausformulierte Shoegazer-Asthetik gäbe, würde sie so ähnlich lauten – und obwohl Naked Lunch sich nicht selbst in die Tradition stellen, ist der Eröffnungs-Song eine eindeutige Referenz, einer der typischen Wal-Elefanten-Gesänge, der nach Gitarre klingt, obwohl die Band keine Gitarre verwendet hat: „Das ist die Stimme unseres Gitarristen, acht Mal übereinanderkopiert, mit Streichern, durch mehrere Amps gejagt, mit ganz vielen Effektgeräten, dann zurück in ein Mikrofon, dann da rein und da durch…“

Die lokal gefertigten Shoegazer-Produkte lassen sich bestens exportieren. Die Dresdener Malory waren schon in den USA auf Tour, Heiko Hoffmanns Compilation hat sich dort und in Japan gut verkauft, alles Orte, wo die kleinen Phänomene von 1991 noch geschätzt werden. Nur nicht in England. Dass Mark Gardener, einstiger Sänger von Ride aus Oxford, eine neue Platte in den Läden hat, verdankt er dem Frankfurter Trance-Duo Jam & Spoon. Für „Tripomatic Fairytales 3003“ engagierten die zwei neben Xavier Naidoo, dem Simple Minds-Mann und der Cranberries-Frau den heute bei Toulouse lebenden Gardener als Gast. „Jam ist großer Ride-Fan“, sagt Gardener, „das hat mich auch überrascht. Es ist komisch, mit Jim Kerr auf einer Platte zu sein, aber ich mag meinen Track. Es macht Spaß, über Marihuana zu singen.“

Was die britischen Hefte mit dem Spott über die schmächtigen Studenten verhindern wollten, haben deutsche Elektronik-Nerds geschafft: Der erschlaffte Dream-Pop hat wieder Luft. Sogar Ex-Valentine Kevin Shields hat kürzlich neue Musik gemacht, für den „Lost In Translation“-Soundtrack. Was Regisseurin Coppola bekam, blieb Compilation-Macher Hoffmann verwehrt. My Bloody Valentine hat er nicht gekriegt.


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