My Bloody Valentine neu aufgelegt: Krach, ganz zart


von

Was ohren- und nervenzerfetzenden Krach anbelangt, waren die Achtziger eine sehr gute Zeit. Wer Konzerte vor allem deswegen besuchte, um hinterher ein bleiernes Gefühl im Kopf zu haben und ein frisches fieses Fiepen im Innenohr, der kam in diesem Jahrzehnt vorzüglich auf seine Kosten.

Die Einstürzenden Neubauten dengelten noch mit Presslufthämmern und Steinsägen auf der Bühne herum, die Konzerte der Swans waren dermaßen absurd überpegelt, dass selbst hartgesottene Menschen manchmal versuchten, den Mann hinter dem Mischpult zu überwältigen, um die Regler herunterzuziehen. The Jesus And Mary Chain gaben die kürzesten Konzerte aller Zeiten, schafften es aber auch bei einer Auftrittsgesamtdauer von 17 Minuten mühelos, das Publikum mit ihren gleißenden Feedbacks in Wahnsinn und Taubheit zu treiben.

Krach ohne maskulinische Härte

„Wenn du weiter so oft auf diese Krachkonzerte gehst“, meinte meine Musiklehrerin damals, „wirst du spätestens mit fünfzig schwerhörig sein.“ Und was soll ich sagen – sie hatte recht. Die Achtziger enden dann damit, dass der Krach neu erfunden wird, von der in Dublin gegründeten Gruppe My Bloody Valentine. Ihre Auftritte sind von allen die lautesten, der Gitarrist und Produzent der Band, Kevin Shields, ist fasziniert von der physio- und psychologischen Wirkung von extrem hohen Dezibelwerten.

Nicht nur auf der Bühne muss es sehr laut sein, sondern auch bei den Aufnahmen im Studio: Bei der Produktion des zweiten My-Bloody-Valentine-Albums, „Loveless“ aus dem Jahr 1991, zieht Shields sich einen amtlichen Tinnitus zu, der ihm bis heute erhalten geblieben ist. Doch ist es nicht der reine Spaß an der Lautstärke, der My Bloody Valentine ihre krachhistorische Bedeutung verleiht, sondern die sonderbare Weichheit und Zartheit, die ihrer Musik zugleich eigen sind.

Diesem Krach fehlt jede maskulinistische Härte, er spielt sich nicht auf, er will sein Publikum nicht niederwerfen – vielmehr will er es liebkosen und ozeanisch umspülen. Die grundstürzende Innovation von My Bloody Valentine liegt in der „Androgynisierung“ des Krachs, so haben es Simon Reynolds und Joy Press 1995 in ihrem Buch „The Sex Revolts. Gender, Rebellion And Rock’n’ Roll“ interpretiert: „In der Musik von My Bloody Valentine wird das Riff – das aggressive Stakkato-Prinzip des Rock – zum Ausbluten gebracht: Das Riff/der Phallus verbindet sich mit dem Noise/der Vagina zu einer entdifferenzierten, konstitutiv unscharfen Art von Lava-Liebe.“

Schöner kann man es kaum sagen. Und schön ist auch, dass das Gesamtwerk der Band jetzt wieder neu auf Vinyl aufgelegt wird – mit Ausnahme des 1985 in Westberlin entstandenen Minialbums „This Is Your Bloody Valentine“, auf dem sie noch eine Art Gothic-beeinflusster Sixties-Surf-Music spielen (nicht zufällig ist die für den Surf-typische Fender-Jazzmaster-Gitarre bis heute das bevorzugte Instrument von Kevin Shields geblieben).

Aber ansonsten ist alles dabei, frisch analog remastert: die Debüt- L P, „Isn’t Anything“ von 1988, das epochale „Loveless“, eine Kompilation mit „EPs And Rare Tracks 1988–1991“ sowie das Comeback-Album „m b v“ aus dem Jahr 2013.

Neue Musik von My Bloody Valentine

Das Label Domino, auf dem die Reissues erscheinen, kündigt für die nähere Zukunft auch „neue Musik“ von My Bloody Valentine an. Wenn die Band in ihrem bisherigen Tempo weiterarbeitet, ist „nähere Zukunft“ freilich ein dehnbarer Begriff. Immerhin hat Kevin Shields gerade angekündigt, das nächste Album „noch vor seinem 70. Geburtstag“ fertigzustellen.