Wer Rock ’n‘ Roll liebt und daher das Geschäft hasst, den verwöhnt Liza Cody mit ihrem neuen Roman „Gimme More“

Vor ein paar Jahren sagte mir der Bassist einer damals nicht superbekannten Band: „Wir sind bestimmt keine guten Musiker. Man sieht das besonders bei unseren Konzerten: Meistens sind Kurt und ich völlig aus dem Takt. Die Leute denken, das sei gewollt, ist es aber nicht. Der Grund ist einfach, dass wir das nicht unter Kontrolle haben – und dass es uns nicht sonderlich wichtig ist.“

Was wichtig ist, wusste der Drummer: JPeelings, etwas Echtes, statt diesem Yngwie-Malmsteen-Gedudel. Das löst nämlich gar nichts bei einem aus jedenfalls bei mir nicht.“ Rock-Archäologen ahnen es: Kurt, der Gitarrist, nahm an dem Interview leider nicht teil, musste „Stimmbänder schonen“ (also: sich von Management, Dauerstress und Rampenlicht erholen). Es hieß, der Arzt habe ihm Codein verschrieben. Das lindert die Schmerzen. Das ist etwa so, als wenn man seine Hand betäubt, bevor man sie ins Feuer hält.

Allen Musikern ist Feeling wichtiger als Gitarrenstimmen, jedenfalls denen, die es wert sind, beachtet zu werden. Das Feeling, das zählt, ist – auch – das im Fonds der Limos, in der Hitze des Rampenlichts, das von Blitzlichtgewittern im Foyer des Ritz, im Whirlpool auf „titanischen Titten“ fläzend. Und irgendwann wird aus ZZ Tops „Gimme All Your Lovin'“ dann Iggy Pops „Gimme Danger“.

Im Mittelpunkt der Action von Liza Codys „Gimme More“ (Unionsverlag/UTmetro) steht der mit seinem Haus verbrannte Jack, es agiert seine Witwe Birdie Walker. Jack hatte Charisma wie Mick Jagger, genialistische Züge wie Lennon.

Vor lauter Hungern nach Betäubungsmitteln, Exzess und Streicheleinheiten kam er erst spät dazu, über Tantiemen und Einnahmen nachzudenken. So wie sein Gitarrist, Jahre später, als es, wie schon bei The Pipkins, heißt: „Gimme Dat Ding“. Das Ding wollen alle, denn es bringt die Kassen zum Klingeln und die Hüften zum Schwingen.

Der Gitarrist „hat schon ’ne Glatze, ist aber noch immer nicht satt. Muss immer noch den größten Scheinwerfer haben und ’n dicken Wagen fahren. Wo ist eigentlich die Gegenkultur hingekommen?“ Die, die das beobachtet und uns mitnimmt durch Backstagewelten, Damen-Toiletten und von London nach New Orleans, ist Birdie Walker.

Vordergründig geht es um die Suche nach dem Ding, vermeintlich existierenden – oder verschollenen? – Aufnahmen Jacks, auf Celluloid und Tape. Was die Story zu mehr macht ist Codys Handwerk. Nach zehn Romanen beherrscht sie die Tonleitern von Suspense genauso selbstverständlich wie sie Atmosphären und Charaktere entwirft. Sie versteht die Vertragsklauseln, die von Musikern seit Ewigkeiten so leichtfertig unterzeichnet werden, da sie so öde sind. Zugleich weiß sie, wie eine Story spannend erzählt werden muss, wo Dramatik wichtiger ist als der Naturalismus, der einen zwischen grauem Backstage-Beton anöden kann. „Alles, was vorkommt“, versicherte sie mir aber, „habe ich so erlebt.“ Als Roadie der „schlechtesten Band Londons“.

So liefert die Story außer Spannung massig Background, aber eben auch Witz und Zynismus, wie ihn jemand bekommt, der lange an die puren Feelings des Rock geglaubt hat „Im Ernst – so geht die Story“, so Birdie vor dem Crescendo, „Huren und Helden, Geschäftssinn und Geilheit, Stolz und SchlatnasseL“ 100% Rock’n’Roll. Gimme more.

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