Literatur



„Winnetou“-Kontroverse: Karl-May-Gesellschaft und Stiftung wehren sich in offenem Brief


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Im Rahmen der Diskussion rund um Rassismus und kulturelle Aneignung im Werk von Karl May melden sich nun die Karl-May-Gesellschaft und die Karl-May-Stiftung mit einem offenen Brief zu Wort. Darin verteidigen sie nicht nur die Intentionen des sächsischen Schriftstellers (19842-1912), sondern üben auch explizit am Ravensburger Verlag. Dieser hatte aufgrund von Kritik aus dem linken Umfeld die Auslieferung zweier neuer „Winnetou“-Begleitbücher gestoppt — und damit eine kontroverse Diskussion gestartet.

„Gegen ethnische Stereotypen und eurozentrische Perspektive geschrieben“

In mehreren Punkten geht der offene Brief auf die Kritik ein — und stellt Mays Werk zunächst in einen zeitlich-kulturellen Kontext. „Als deutscher Schriftsteller des 19. Jahrhunderts ist Karl May unvermeidlich vom Habitus eines kolonialen Zeitalters geprägt. Beim Verfassen seiner Reiseerzählungen kreierte er aus den Wissensbeständen der zeitgenössischen Ethnographie exotische Fluchtwelten für seine bürgerliche Leserschaft, die gleichzeitig als phantastische Bewährungsräume für ein literarisch überhöhtes Ich fungieren“, heißt es in dem Brief etwa. „Insbesondere seinen frühen Texten sind daher damals gängige ethnische Stereotypen und eine eurozentrische Perspektive eingeschrieben. Diese kritisch herauszuarbeiten und auf ihre Quellen zurückzuführen, ist Aufgabe der Literatur- und Kulturwissenschaft“.

Diese Weltsicht teile May mit allen Autoren der Vergangenheit — was besonders sei, sei seine Sympathie für die indigene Bevölkerung: „Die Besonderheit Karl Mays besteht darin, dass in seiner Darstellung des ›Wilden Westens‹ von Anfang an die Sympathie des Erzählers der leidenden indigenen Bevölkerung gilt. Ihre Würde und ihre menschlichen Qualitäten verkörpern sich in Idealfiguren wie Winnetou, dem Häuptling der Apachen, und die tragische Vernichtung ihrer materiellen und kulturellen Existenz grundiert alle May’schen Nordamerika-Erzählungen“, so die Karl-May-Gesellschaft und die Stiftung.

 

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„Auch für das 21. Jahrhundert eine lohnende Lektüre“

Anschließend widmet sich der Brief dem Kritikpunkt des Ravensburger Verlags ein, Winnetou habe die Gefühle anderer Menschen verletzt. „Wenn dies der Fall ist, so werden Wunden nicht dadurch geheilt, dass man den Verursacher – oder stellvertretend für ihn eine historische Künstlerpersönlichkeit – kurzerhand ausradiert. Im Gegenteil bedarf eine wirksame und nachhaltige Therapie der expliziten Auseinandersetzung mit den Ursachen.“ Im letzten Absatz plädieren die Stiftung und Gesellschaft dafür, May differenziert zu betrachten.  „Seine überaus einflussreiche Repräsentation außereuropäischer Kulturen ist selbst längst Teil der europäischen Kulturgeschichte und lehrreiches Exempel einer produktiven und autoreflexiven Begegnung mit Alterität. Gerade weil in seinen Texten Vorurteile vorausgesetzt, verbalisiert, bekämpft und überwunden werden, ist er keineswegs ›überholt‹, sondern auch für das 21. Jahrhundert eine lohnende Lektüre.“

Gegenstimmen: „kein Zufall, dass Adolf Hitler und SS-Chef Himmler große Karl-May-Fans waren“

Etwas anders sieht das unter anderem der Hamburger Kolonialforscher Jürgen Zimmerer. Dieser bezeichnete das Werk von May als in seiner „DNA“ rassistisch und spricht von einer „weißen, deutschen Überlegenheit“. „Es ist kein Zufall, dass Adolf Hitler und SS-Chef Himmler große Karl-May-Fans waren. Teile ihrer Ostbesatzungspolitik, die Vorstellung, wie dort deutsche Kolonialist*innen angesiedelt werden, orientiert sich an Vorstellungen von der ‚Eroberung des Wilden Westens‘, wie sie sie aus den Büchern Karl Mays entnommen haben. Das ist eingeschrieben in das Werk von Karl May. Das ändert nichts an seiner Person“, so Zimmerer.