WM-Blog: Heute kann Deutschland nur verlieren


von

Der Filmjournalist, Kritiker und ROLLING-STONE-Autor Rüdiger Suchsland schreibt hier über die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien.

Heute kann Deutschland nur verlieren

„What were they saying in Paris yesterday?“

„Nothing. Sartre’s written another article.“

„Will you kindly explain to me why the Sartres are always born on the other side?“

„So you like Sartre, Colonel?“

„Not really, but I like him even less as an adversary.“

Dialogpassage aus: „The Battle of Algiers“

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Heute kann Deutschland nur verlieren. Es sei denn man gewinnt 6-0 oder 8-1 gegen Algerien. Schon bei einem 9-2 müsste man fragen: Wie kann es eigentlich sein, dass sich die Deutschen zwei Gegentreffer von den Algeriern einfangen?

Ein 4-0 wäre „ein standesgemäßer Sieg“, alles darunter eine Enttäuschung bis Blamage. Wenn Kolumbien Uruguay mit 2-0 wegputzt, Holland Mexiko mit 2-1 rausgekegelt, muss Deutschland gegen Algerien klar gewinnen.

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Wenn an dem Mädchenargument etwas dran wäre, dass es gut sei, dass Brasilien als Gastgeber nicht zu früh ausscheidet, müsste man auch dafür sein, dass Algerien drin bleibt und heute die Deutschen schlägt. Denn die Algerier sind die letzten „Kleinen“, sie haben es“ „mal verdient“, nette, unfanatische Moslems, „Afrikaner“, manche fasten, und sie sehen „irgendwie“ cool aus.

Um Männer mit schütteren Hipstervollbärten zu sehen, muss man allerdings nicht die Algerier angucken oder nach Berlin-Mitte fahren. Vom Hamburger Schanzenviertel über den Mannheimer Jungbusch bis zur Münchner Baaderstraße sehen Filmmacher und Philosophiestudenten, die auf sich halten, heute aus, wie Paul Breitner, als er noch Maoist war und für Eintracht Braunschweig spielte.

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Man muss jetzt nicht wieder die WM von 1982 in Spanien und die „Schande von Gijon“ bemühen. Wer mal Gillo Pontecorvos Film „The Battle of Algiers“ gesehen hat, der bekommt eine Ahnung, wie es heute auch laufen könnte.

Ein Aufstand in der Kasbah: Chaos, Erschütterung. Zäher Widerstand, bis zum Ende, auch im Angesicht der Niederlage. Die Algerier haben Gott auf ihrer Seite. Vielleicht hilft das ja.

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Mit gemischten Gefühlen sieht man die Deutschen auch nach dem dritten Vorrunden-Spiel. Gegen schwächliche Amis und Ghanesen hatten die Deutschen vorn kaum Durchschlagskraft. Außer Müller nix gewesen, ein Klose macht noch keinem WM-Sommer. Das Gefühl, die Deutschen könnten den Titel gewinnen, will sich nicht einstellen, obwohl auf dem Papier alles ganz gut aussieht. Sie waren nicht schlecht. Aber sie waren auch nicht so gut, wie sie sein konnten, und das spürten sie. Sie selbst vor allem.

Sami Khedira brachte es in seinen Interviews auf den Punkt: Es läuft zu wenig bei der DFB-Elf, man könne nicht zufrieden sein. Khedira kann am ehesten zum Boss der Mannschaft wachsen, wenn er will, Schweinsteiger will offenbar nicht, und Lahm ist nur cleverer, nervt aber. Der smarte Philipp Lahm wäre eigentlich der erste Kandidat für die Bank. Er spielt schwach wie nie.

Das neue Managergerede, nach dem die Hierarchien flach und die Verantwortung auf viele Schultern verteilt ist, kann man getrost vergessen.

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Die deutsche Mannschaft leidet unter ihrer Bayern-Lastigkeit. Mit sechs oder sieben Spielern des deutschen Meisters in der DFB-Startaufstellung ist man fast zu eingespielt, um irgendwie zu bezaubern und zu überraschen, sei es auch nur sich selbst. Es ist aber auch der FC Bayern ohne Robben, Ribery, Alba und Dante, ohne Martinez und Mandzukic. Ein langweiliger FC Bayern. Nicht dass einer von ihnen schlecht wäre, „an sich“ schlecht. Nein. Aber es ist auch keiner von ihnen in der Lage, über sich hinauszuwachsen.

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Es ist nicht nur eine Nebensache, sondern spricht Bände: In der öffentlich-rechtlichen Fernseh-Berichterstattung dominiert das Bayern-Gen. Die WM-Experten beider Sender, ARD wie ZDF sind ehemalige Spieler des FC Bayern München. Diese FC-Bayern-Lastigkeit des öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens …

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Oui, oui – so wollte man sie endlich wieder sehen, wie sich die equipe tricolore in der Vorrunde gezeigt hat. Mit dem Einzug ins Achtelfinale haben die Bleus ihr Soll erfüllt. Doch attention messeurs, dies könnte auch blind machen für eigene Schwächen. Nigeria ist kein Aufbaugegner. Friedlich, allzu friedlich holperte der gallische Streitwagen zuletzt wider Ecuador, und das diesmal weiße Trikot der Equipe symbolisierte deren unschuldslämmernde Entschlusslosigkeit trefflich. Das muss anders werden, gegen Nigeria muss man die Mirages auftanken, damit es zum logischen, weil WM-Fahrplan-gemäßen Einzug Frankreichs ins Viertelfinale kommt, und einer Begegnung Frankreichs gegen Deutschland oder Frankreich – Algerien. So oder so historisch und très charmant.