WM-Blog: Warum Holland Weltmeister wird und Uruguay Italien rauswirft!


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Der Filmjournalist, Kritiker und ROLLING-STONE-Autor Rüdiger Suchsland schreibt hier über die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien.

WM-Blog: Warum Holland Weltmeister wird und Uruguay Italien rauswirft!

Gauchos gegen Gotteskrieger – nein, das ist nicht die verlorengegangene Schlagzeile fürs Match Argentinien-Iran, sondern die Blaupause für den heutigen Abend. Denn anders als mit Hilfe des Heiligen Geistes und der Römischen Kirche ist der Erfolg des italienischen Fußball in den vergangenen 50 Jahren nicht zu erklären: Immer schlechter gespielt, immer bessere Ergebnisse, oft unverschämtes Glück und manchmal die reine Chuzpe. Zweimal Weltmeister, zweimal Finalist seit 1970. Da müssen höhere Mächte ihre Hand im Spiel gehabt haben. Heute wird man das wieder beobachten können.

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Das Spiel des Tages ist ganz ohne jede Frage das der Italiener gegen Uruguay. und wenn es läuft, wie es fast immer läuft, auch ohne FIFA-Verschwörungen, dann wird Italien heute irgendwie weiter kommen. Ein Unentschieden reicht den Königen des Ergebnisfußballs, diesen Fundamentalisten der Effizienz und Fanatikern der Notwendigkeit, und wer ihre abgezockte Coolness gegen England gesehen hat, wird zugeben, dass das Spiel der Italiener auch einen fiesen, bösen, dämonischen Charme hat. Sie sind mit dem Fußballteufel genauso im Bund, wie mit dem katholischen Heiligenkalender.

Dazu passt dass der Schiedsrichter des heutigen Spiels, ein Mexikaner namens Marco Rodríguez in seinem Heimatland einen Spitznamen hat: „Chiqui Dracula“. Und dann ist er auch noch Pfarrer von Beruf.

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Aber, aber – es gibt ein paar Indizien, die für Uruguay sprechen. Genaugenommen sehr viele. Denn für Italien spricht nur, dass sie „es“ immer“ „irgendwie“ schaffen. Aber 2010 haben sie es nicht geschafft. Der italienische Fußball ist in den letzten Jahren so heruntergekommen, wie alles andere in Italien. Klar: Sie machen manche Dinge schon toll, und haben im Gegensatz zu vielen deutschen Kommentatoren, die die eigene Mannschaft immer schön spielen sehen wollen, so lange sie damit auch noch gewinnt, kapiert, dass Fußball kein „Ei ei ei“-Versöhnungsport ist, sondern harter Gladiatorenkampf.

Aber kämpfen können die Uruguayos auch. Die Niederlage gegen Costa Rica relativiert sich nach deren Sieg über Italien. Und der aktuelle Papst kommt aus Argentinien, dürfte es also mehr mit Nachbarn Uruguay halten, als mit den Azurri. Bei der letzten WM wurde Uruguay Vierter.

Zu alldem kommt das entscheidende hinzu: Europäer, erst recht Südeuropäer, gewinnen bei dieser WM nicht gegen Lateinamerikaner. Fast alle Ergebnisse bisher deuten auf eine taktische, augenblickliche Überlegenheit der Latinos hin.

Vergessen wir auch nicht, dass Uruguay die einstige dritte Großmacht von Südamerikas Fußball war: Um 1900 waren sie die Einzigen, die es mit den Briten aufnehmen konnten, die es in Gestalt von englischen Bahnarbeitern im 19.Jahrhundert ins Land gebracht hatten. Uruguayer lernten schneller als ihre Nachbarn. Nach überragenden Siegen bei den Olympiaden 1924 und 1928 wurde in Uruguay die allererste Weltmeisterschaft angepiffen – den Deutschen und den Spaniern war die Schiffsreise zu lang, die Engländer kamen nicht, weil sie als „Mutterland des Fußballs“ beleidigt waren, nicht selbst Austragungsort geworden zu sein. Uruguay wurde in einem furiosen Endspiel unter absurden Begleitumständen – zwei verschiedene Bälle in beiden Halbzeiten, weil man sich auf keinen Balltyp einigen konnte – mit einem 4-2 über Argentinien Weltmeister, woraufhin Argentinien die diplomatischen Beziehungen abbrach, und Uruguay den Tag des Endspielsiegs zum Nationalfeiertag erklärte.

Zum zweiten Mal wurden die „Urus“ dann in Brasilien am 16. Juli 1950 Weltmeister – gegen Brasilien in deren Maracana-Stadion. Von diesem Tag an spielten die Brasilianer nie wieder in weißer Spielkleidung. Aber dazu ein andermal – langer Rede, kurzer Sinn: Uruguay ist dran!

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Der Fußball ist ein Chamäleon. Das bedeutet: Es kann alles passieren, und Pläne sind schön, werden aber im Augenblick des Anpfiffs nichtig. Man muss improvisieren können, und das können die Italiener gut, die Uruguayer aber vermutlich besser. Hoffen wir also mal, dass das Chamäleon heute Abend die Farbe Himmelblau trägt. Adelante Celeste!

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Caramba! Was für eine tolle Schlussviertelstunde der Mexikaner! Und nie wieder weißrotkarierte Kroatenparaden bei dieser WM! Ein Ausbruch des Popocatlpetl hätte nicht heftiger sein können, als der Sturm, mit dem die mexikanischen Angreifer fast die gesamte zweite Halbzeit gegen Kroatien über den Rasen fegten. Chaotisch, desorientiert, aber mit jener Wucht, die Fußballliebhaber sehen wollen, zerschredderten die klein gewachsenen grünrotweißen Kicker das pausbäckige kroatische Mittelfeld. Das mexikanische Spielsystem wirkte mitunter wie ein 5-5-5, und nur Pech, Pannen und das Abwehrbollwerk von Titos Enkeln verhinderten, dass die Latinos frühzeitig in Führung gingen. Mit etwas Unterstützung des Sonnengottes hätte Mexiko trotzdem schon nach den ersten 20 Minuten Erfolg haben können, als sich die auf solides Herausdreschen spezialisierten kroatischen Handwerker langsam an den flinken Mexikanern müde liefen. Doch man weiß, wie’s geht: „Erst hat man kein Glück, dann kommt auch noch Pech dazu.“(Prof. Dr. Kobra Wegmann).

Aber Kroatien brauchte einen Sieg, musste in der zweiten Halbzeit aufmachen, und auf die nun entstehenden Lücken hatten Montezumas Erben gewartet, wie die Klapperschlange auf das Maultier. Rafael Marquez markierte die Führung, „Viva Mexico!“ schallte es von den Rängen. Jetzt brauchte Kroatien schon zwei Tore, und wie zum Hohn dafür schlug es in den nächsten Minuten noch zweimal ein. Kroatien am Boden, der Slibovic half auch nichts, bye bye Balkan!

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Es war ein Beispiel für die Kunst, den Gegner erst mürbe und dann wund zu spielen, das den ewigen Underdogs den Einzug ins Achtelfinale sicherte. Jetzt spielt man gegen Holland, das bisher beste europäische Team. Da ist ein Erfolg zwar genauso unwahrscheinlich, wie Kalifornien von den estados unidos zurückzuerobern. Aber Grün ist die Hoffnung. Und wahre Fans erinnern sich an die WM 1998, als Mexiko zur 70. Minute gegen das Oranje-Team 0-2 hinten lag, und in der 5ten Minute der Nachspielzeit den 2-2-Ausgleich schoss.

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Nach Bosnien und wahrscheinlich Russland ist auch das dritte osteuropäische Team aus der WM geflogen. Eine gute Nachricht für Freunde des schönen Spiels, denn alle drei machen mit so genanntem Kampfgeist, also Schweiß, Tränen und Blutgrätschen wett, was ihnen an spielerischen Mitteln fehlt. Das gefällt deutschen Kommentatoren, weil es sie an alte „deutsche Tugenden“ erinnert, an Briegel, die Förster-Zwillinge und die Waldhof-Buben.

Wir sind trotz allem eher froh, dass wir uns das nicht mehr angucken und diese sonderbaren Namen nicht mehr merken müssen.

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Wir trauen es uns zu sagen: Holland wird Weltmeister! Denn das Spiel gegen Chile war genau so eines jener Spiele, die ein Team wie Oranje normalerweise vergeigt: Was für Deutschland „das zweite WM-Spiel“ ist, ist nämlich für Holland immer das Dritte: Es ging um nichts, der Gegner war unangenehm, aber engagiert, die eigenen Leute wollten sich schonen. trotzdem spielte Holland cool und klar, wie sonst nur die Italiener, zugleich aber viel offensiver. Mit massiertem Mittelfeld nahmen sie den Kampf gegen Chile auf und bekamen diesen unangenehmen Opponenten jede Viertelstunde, die das Spiel dauerte, besser in den Griff.

Überraschenderweise ließ Hollands Trainer van Gaal wie schon gegen Spanien nicht auf Ballbesitz spielen. So hatten die Chilenen stellenweise 70-30 Prozent Ballbesitz, konnten diesen Vorteil aber nicht ummünzen, sondern liefen sich müde. So erwürgten und erstickten die Holländer das chilenische Spiel, und ganz logisch bekamen sie Chancen, die sie dann nutzten. Zwei geniale Einwechselungen (Leroy Fer und Memphis Depay) vollendeten eine strategische Meisterleistung und belohnten Hollands Geduld mit zwei späten, hochverdienten Toren.

Wer so diszipliniert, dabei schön und am Ende erfolgreich spielt und nie in Gefahr einer Niederlage läuft, der wird weit kommen.

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Viele wichtige Tore fallen bei dieser WM erst gegen Ende, sind aber keineswegs ein Zufallsprodukt, sondern Ausdruck einer Notwendigkeit. Mexikos Tore gegen Kroatien, Hollands gegen Chile, Belgiens Tor gegen Russland und sogar Portugals später Ausgleich objektivierten eine Entscheidung, die schon lange zuvor gefallen war.