Woodkid-Interview: Piraten-Shanty trifft „Assassin’s Creed Black Flag“

Warum klingt ein Piraten-Shanty plötzlich geheimnisvoll und intim? Woodkid verrät im Interview, was ihn an Gaming-Musik reizt – und wie er seinen neuen Song produziert hat.

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Während die meisten noch auf GTA 6 warten, hat es Ubisoft geschafft, die „Assassin’s Creed“-Saga weiter auszubauen. Am 6. Juni erschien der neue Song von Woodkid für Assassin’s Creed Black Flag Resynced – und nicht nur die Gaming-Welt wartet gespannt auf diesen Release. Denn Woodkid steuerte einmal mehr einen Song für die Reihe bei. Warum die Kombination aus Woodkid und Gaming so gut funktioniert und was betrunkene Piraten mit Sea Shantys damit zu tun haben, konnten wir im Gespräch mit dem Künstler erfahren.

Vom Illustrator zum Musiker – eine Kettenreaktion

Auch wer den Namen Woodkid nicht kennt, kennt seine Songs. Mit „Run Boy Run“ feierte der französische Künstler 2012 einen seiner größten Erfolge. Hört man den Song genauer, fällt eines sofort auf: Es ist kein klassischer Popsong. Eine tiefe männliche Stimme peitscht zu epischen Trommeln und Geigen durch den Track – kein Beat aus einem 707-Drumkit, sondern orchestrale Sounds, die den Hörer direkt in einen Christopher-Nolan-Vorspann versetzen.

Das besondere Klangprofil hängt mit Woodkids Werdegang zusammen, den er selbst als „Kettenreaktion“ beschreibt:

„Zuerst habe ich als Illustrator angefangen – noch davor habe ich gezeichnet. Dann hatte ich das Gefühl, meinen Zeichnungen fehle die Bewegung, also habe ich Animation studiert und angefangen, Animationsfilme zu machen. Doch dann fand ich, meinen Filmen fehle die menschliche Präsenz, also habe ich angefangen, Regie zu führen. Danach dachte ich, meinen Filmen fehlten visuelle Effekte, also habe ich mein Wissen über CGI eingebracht. Und dann dachte ich, ihnen fehle Musik, also habe ich angefangen, Musik zu machen. Alles war ein Schneeballeffekt aus dem Versuch, etwas zu erschaffen, das visuell ganz ich selbst ist – etwas Ganzheitliches.“

„Assassin’s Creed“ und die Kunst der vorgegebenen Zutaten

Diese Herkunftsgeschichte zeigt zugleich, worauf es bei der Produktion eines Videogame-Songs ankommt: Die Musik fügt sich in ein Gesamtprodukt ein und unterstützt Grafik und Storytelling. Den Unterschied zwischen einer solchen Auftragsarbeit und einem eigenen Song beschreibt Woodkid so:

„Es liegen schon ein paar Zutaten auf dem Tisch, mit denen ich spielen kann – das liebe ich. Als ich diesen Song für Assassin’s Creed gemacht habe, kamen sie mit der Idee, diese Sea Shanty neu zu bearbeiten.“

Genau an diesen vorgegebenen Zutaten entzündet sich der eigentliche Reiz. Eine Sea Shanty ist ihrer Natur nach ein Kraftlied – grölend, kollektiv, von einer föhlich-derben Männlichkeit, die Woodkid eigentlich fremd ist. „Es haftet ihnen eine gewisse Macho-Kraft an, wie Männer, die betrunken klingen“, sagt er über eine Energie, die „eigentlich das Gegenteil von dem ist, was ich bin.“ Statt sie nachzuahmen, lässt er zwei Welten aufeinandertreffen: die eigene Stimme, nah am Mikrofon, geerdet und intim – und einen Chor, der klingt, als sänge er „hinten am Boot“ gegen den Wind an. Das Original sei „sehr in Dur gehalten“, erzählt Woodkid, ein aufbäumender Piraten-Vibe; indem er den Song nach Moll verschiebt, kippt die Stimmung ins Geheimnisvolle und Persönliche. Dass ihm dieser Spagat so mühelos gelingt, verweist auf eine zweite Konstante seines Schaffens: das Orchester. Aufgewachsen mit Filmmusik, hörte er Soundtracks lange vor jeder Popplatte – eine Ästhetik, der das Cinematische nicht aufgesetzt, sondern eingeschrieben ist.

Gaming-Songs in den Charts – ein Trend mit System

Doch warum werden Gaming-Songs immer populärer – und was macht sie auch in den Charts so erfolgreich? Ein Song in einem beliebten Spiel wird zwangsläufig an einem Tag abertausendmal gehört, was die Vermarktungsstrategie mitunter zum Selbstläufer macht. Diesen Trend haben auch die Grammys längst aufgegriffen, die seit 2023 Videogame-Soundtracks mit einer eigenen Kategorie würdigen.

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Orchester oder Elektronik – eine Budgetfrage

Bleibt die Frage, wie man einen so mächtigen Sound hinbekommt: mit virtuellen Instrumenten oder mit einem echten Orchester? Laut Woodkid ist es vor allem eine „Budgetfrage“. Er hält Orchester zwar für vielseitiger, sagt aber auch:

„Mein Ansatz ist eher elektronisch; ich versuche also, Songs zu machen, die nicht zwangsläufig ein echtes Orchester imitieren, aber diese filmische Qualität haben.“

Beides sei erlaubt, jedoch solle man „den Klang echter Instrumente annehmen, denn am Ende zählt der Mix, das, was sich akustisch besser zusammenfügt.“

Das Geheimnis von Woodkids Sound liegt also im Zusammenspiel aus Instrumentenwahl und künstlerischer Herkunft. Der neue Song mit den Sea Shantys heizt die Community – zu der sich Woodkid selbst zählt – auf das neue Gaming-Erlebnis ein und lässt auch das Musikerherz höher schlagen.