Xavier Naidoo manövriert sich ins Abseits – Popakademie setzt Lehrtätigkeit aus, Mannheimer Oberbürgermeister geht auf Distanz


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Es ist nicht neu, dass Xavier Naidoo medienwirksam mit seinem Image als Missionar kokettiert. Dass er dabei des öfteren die Grenze der allgemein zulässigen politischen Korrektheit verließ, wurde ihm zunächst freundlich als Versuch gutgeschrieben, den etwas eintönig gewordenen Mantras der Vergangenheit etwas Neues entgegenzusetzen.

Sein merkwürdiger und umstrittener Auftritt bei einer Protestkundgebung am 03. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit vor dem Brandenburger Tor, hat nun auf allen Seiten für Verwirrung gesorgt. Die Kundgebung wurde begleitet von Anhängern der NPD. Jene die Demo organisierende rechtspopulistische Gruppierung nennt sich selbst „Reichsbürger“ und will Deutschland nicht als souveränen Staat anerkennen (weil man angeblich nach wie vor von den Interessen der Alliierten geleitet würde). Naidoo rief vor klatschendem Publikum zum Widerstand gegen die seiner Meinung nach immer noch besetzte Bundesrepublik auf. Dazu trug er ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Freiheit für Deutschland“.

In Mannheim, der Heimatstadt des Musikers, ist die Irritation indes groß, wie die „Frankfurter Rundschau“ berichtet. „Wir distanzieren uns von den fragwürdigen und irritierenden politischen Äußerungen und dem Auftritt Xavier Naidoos“, schrieb die Popakademie, deren Mitinitiator Naidoo ist, in einem Statement. Seit Jahren fungiert das ehemalige Jury-Mitglied von „The Voice Of Germany“ als Gastdozent – muss jetzt aber erst einmal darauf verzichten. Die Lehrtätigkeit sei ausgesetzt, bis die Direktion mit ihm über die Angelegenheit gesprochen habe.

Auch der Mannheimer Oberbürgermeister, Peter Kurz, geht auf Distanz. Naidoo, sagt er, vertrete „im Einzelnen radikal libertäre, anti-staatliche Positionen, mit denen wir uns als Stadt in keiner Weise identifizieren können“. Unter dem Eindruck der Aktionen Naidoos müsste auch dessen Vorhaben neu bewertet werden, einen zehn Hektar großen Medienpark in der ehemaligen Benjamin-Franklin-Village zu errichten.

Naidoos Management versuchte nach erster aufkommender Kritik an der Demo – im Netz tauchten mehrere Videos auf, die unter anderem auch belegten, das der Sänger der Kundgebung auch dann noch folgte, als sie am Alexanderplatz mit antisemitischen Bemerkungen auffällig wurde – die Gemüter zu beruhigen und sprach davon, dass der 43-Jährige mit dem Fahrrad unterwegs war, zufällig auf den Protestmarsch traf und von einigen Teilnehmern zu einer spontanen Rede aufgefordert wurde. Naidoo selbst verteidigte seine Rede in mehreren Interviews: „Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch auf die ‚Reichsbürger‘. Auch auf die NPD. Das ist mir alles Wurst.“ Naidoo hatte bereits 2011 beim ARD-Morgenmagazin ähnliche Äußerungen wie auf der Kundgebung in Berlin in diesem Jahr getätigt und von der Besetzung Deutschlands schwadroniert. Zugleich übte er immer wieder Kritik an der Außenpolitik der USA.

Viele Experten irritiert vor allem das Forum, das sich Naidoo für seine Rede gesucht hat. „Was verwundert ist, dass er sich ganz bewusst auf die Bühne von Rechtspopulisten, Verschwörungstheoretikern und Verfassungsfeinden stellt“, sagt Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner von der Hochschule Macromedia in Stuttgart.

Der Göttinger Demokratieforscher Jöran Klatt versucht sich an einer Erklärung: „Was Herrn Naidoo und die Reichsbürger eint, ist die Empörung über eine angebliche Fremdbestimmung und die Wut auf ein diffuses Feindbild.“

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